Jahrelange Vorwürfe und Schweigen

Ein Missbrauchsfall erschüttert die katholische Kirche Kroatiens

Ein Missbrauchsfall erschüttert die katholische Kirche Kroatiens
Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb / Arne Dedert

Erst nachdem Medien den Fall öffentlich machten und die kroatische Staatsanwaltschaft Ermittlungen einleitete, hat die katholische Kirche in Kroatien Konsequenzen gezogen: Ein Priester, dem ein ehemaliger Seminarist über Jahre hinweg sexuellen Missbrauch vorwirft, ist von seinem Amt als Pfarrer entbunden worden. Nach Berichten kroatischer Medien suspendierte der zuständige Bischof den Geistlichen entsprechend den Leitlinien der Kroatischen Bischofskonferenz (HBK) zum Schutz Minderjähriger und verhängte vorsorgliche Maßnahmen.

Darin heißt es: "Die Meldung an die Kirchenbehörden schließt eine Anzeige bei der zuständigen staatlichen Stelle nicht nur nicht aus, sondern verpflichtet dazu – sowohl nach dem Strafgesetzbuch der Republik Kroatien als auch nach kirchenrechtlichen Bestimmungen."

Die Vorwürfe reichen mehr als zwei Jahrzehnte zurück und betreffen einen Zeitraum, in dem der mutmaßliche Betroffene noch minderjährig gewesen sein soll. Nach dessen Angaben begann der Missbrauch Anfang der 2000er Jahre im Interdiözesanen Priesterseminar auf der Šalata, einem Stadtteil der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Das Seminar gilt als eine der wichtigsten Ausbildungsstätten für den Priesternachwuchs des Landes. Es ist zugleich ein kirchliches Gymnasium, in dem Jugendliche bereits während ihrer Schulzeit auf den späteren Priesterberuf vorbereitet werden und teilweise im Internat leben.

Reaktion nach Medienanfrage

Nach Darstellung des Betroffenen setzte sich der Missbrauch über rund zehn Jahre hinweg fort. Auch während seines anschließenden Theologiestudiums in der ostkroatischen Stadt Đakovo – einem der wichtigsten Ausbildungsorte für katholische Geistliche in Kroatien – soll es zu weiteren Übergriffen gekommen sein.

Der beschuldigte Geistliche war bis vor Kurzem Pfarrer des im Osten Kroatiens gelegenen Bistums Požega und damit regelmäßig in Kontakt mit Kindern und Jugendlichen. Seine Abberufung erfolgte unmittelbar nach einer Anfrage des Nachrichtenportals "Dnevnik.hr", das Auskunft über seinen derzeitigen Status verlangt hatte. Weder das Bistum Požega noch die Kroatische Bischofskonferenz beantworteten die Fragen. Wenig später entband der im Jahr 2024 von Papst Franziskus an die Spitze des Bistums gesetzte Bischof Ivo Martinović den Priester von seinem Amt und entfernte ihn aus der Pfarrei.

Bild: © Kathpress / Stefan Schönlaub

"Kardinal Schönborn vertraut, dass der zuständige Diözesanbischof und die kroatische Bischofskonferenz den Fall im Sinn des apostolischen Schreibens von Papst 'Vos estis lux mundi' behandeln, in dessen Fokus bekanntlich der Opferschutz steht."

Die Suspendierung bedeutet zunächst keine Vorverurteilung. Nach den kirchlichen Leitlinien handelt es sich um eine Vorsichtsmaßnahme, die verhindern soll, dass Beschuldigte während laufender Untersuchungen weiterhin Zugang zu Minderjährigen oder schutzbedürftigen Personen haben.

Pfarrer blieb in Seelsorge tätig

Der Fall wirft zugleich Fragen zum Umgang der katholischen Kirche in Kroatien mit Missbrauchsvorwürfen auf. Mehrere Priester sagten katholisch.de, die Vorwürfe überraschten sie nicht. Aus ihrer Sicht spreche der bisherige Umgang mit dem Fall für ein systematisches Versagen kirchlicher Verantwortlicher und vermittle den Eindruck einer gezielten Vertuschung.

Nach Angaben des mutmaßlichen Betroffenen vertraute sich dieser bereits 2012 während seines Theologiestudiums in Wien einem Mitstudenten an. Dieser informierte daraufhin den damaligen Bischof von Požega, Antun Škvorčević. Der leitete zwar eine interne kirchliche Untersuchung ein. Wie Medien berichteten, wurden dabei Hinweise gesammelt, die die Vorwürfe stützten. Konsequenzen für den beschuldigten Priester hatte das Verfahren jedoch offenbar nicht. Er blieb weiterhin in der Seelsorge tätig – bis zum Zeitpunkt seiner Suspendierung. Škvorčević gehörte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2024 zu den einflussreichsten Bischöfen innerhalb des kroatischen Episkopats. Unter anderem nahm er an der Familiensynode im Vatikan teil und förderte während seiner Amtszeit den ökumenischen Dialog mit der serbisch-orthodoxen Christenheit.  

Nach Angaben kroatischer Medien wurde der Fall zudem den Polizeibehörden in Požega sowie im süddalmatinischen Dubrovnik gemeldet. Beide Polizeistellen bestätigten jedoch weder den Eingang entsprechender Anzeigen noch mögliche Ermittlungen. Warum die Hinweise damals ohne erkennbare Folgen blieben, ist bislang unklar. Besonders brisant ist, dass der Fall offenbar schon vor Jahren über Kroatien hinaus bekannt war. Der damalige Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, informierte sowohl die kroatischen Bischöfe als auch den Vatikan über die Vorwürfe. Dennoch blieb der beschuldigte Geistliche weiterhin im aktiven Pfarrdienst – und wurde gar als Kandidat für das Bischofsamt gehandelt. Ob und welche Schritte der Heilige Stuhl damals unternahm, ist bislang nicht bekannt. Ein Sprecher des Kardinals erklärte im Gespräch mit katholisch.de: "Kardinal Schönborn vertraut, dass der zuständige Diözesanbischof und die kroatische Bischofskonferenz den Fall im Sinn des apostolischen Schreibens von Papst 'Vos estis lux mundi' behandeln, in dessen Fokus bekanntlich der Opferschutz steht."

Bild: © KNA

Dennoch blieb der beschuldigte Geistliche weiterhin im aktiven Pfarrdienst – und wurde gar als Kandidat für das Bischofsamt gehandelt.

Erst jetzt scheint Bewegung in den Fall zu kommen. Die kroatische Staatsanwaltschaft bestätigte inzwischen, Vorermittlungen aufgenommen zu haben. Nach inoffiziellen Informationen hat die Polizei bereits Kontakt mit dem mutmaßlichen Betroffenen aufgenommen, um dessen Aussage zu protokollieren. Die Ermittlungen richten sich zunächst auf die Aufklärung der erhobenen Vorwürfe und die Frage, ob strafrechtlich relevante Taten nachgewiesen werden können.

Weitere Vorwürfe

Unterdessen haben sich mehrere weitere Personen mit ähnlichen Vorwürfen gemeldet. Auch sie berichten von sexuellem Missbrauch. Die Polizei bestätigte den kroatischen Medien, diesen Hinweisen nachzugehen. Sollten sich die neuen Aussagen bestätigen, wären auch diese mutmaßlichen Betroffenen zum Zeitpunkt der Taten minderjährig gewesen.

Der Fall könnte damit weit über das Verhalten eines einzelnen Geistlichen hinausreichen. Sollte sich der Verdacht erhärten, würde sich auch die Frage stellen, weshalb Hinweise und interne kirchliche Untersuchungen über Jahre hinweg keine sichtbaren Konsequenzen nach sich zogen. Für die katholische Kirche in Kroatien, die in einem überwiegend katholisch geprägten Land weiterhin erheblichen gesellschaftlichen Einfluss besitzt, dürfte der Fall damit zu einer Bewährungsprobe im Umgang mit sexuellem Missbrauch werden.

Mario Trifunovic