Er verteilte kostenlos "containerte" Lebensmittel, klebte sich gemeinsam mit der "Letzten Generation" auf die Straße und ging dafür sogar ins Gefängnis: Mit seinem klimapotlitischen Engagement landete Jesuit Jörg Alt in den vergangenen Jahren immer wieder in den Schlagzeilen. Seit einigen Monaten ist es ruhiger um ihn geworden. Er wirkt inzwischen als Dompfarrer in St. Blasien im Schwarzwald. Was er dort erreichen will und was aus seinem Klimaschutzengagement wird, erklärt er im katholisch.de-Interview.
Frage: Vom Großstadt-Jesuiten mit Klimaschutz-Engagement sind Sie im vergangenen Jahr als Dompfarrer nach St. Blasien in den Schwarzwald gewechselt. Woher kommt dieser Lebenswandel?
Alt: Während meiner Zeit im Gefängnis hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Mein Provinzial hat mich dort bei seinem "Solidaritätsbesuch" darauf hingewiesen, dass in St. Blasien der Pfarrer ausgefallen ist und er gerade an einem Notvertretungspaket arbeitet. Dabei fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, dorthin zu gehen. Weil ich meine Sommerurlaube ohnehin immer in St. Blasien verbracht habe, habe ich gerne zugesagt. Als dann auch die permanente Nachfolgelösung nicht funktioniert hat, wurde ich gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, länger zu bleiben. Und das konnte ich.
Frage: Und was ist mit Ihrem Klimaschutz-Engagement?
Alt: Ich habe vieles versucht, um auf das Thema Klima- und Generationengerechtigkeit aufmerksam zu machen. Im Gefängnis ist mir dann klar geworden: Im Prinzip hilft das alles nichts. Die klassischen Methoden richten gegen das System des Neoliberalismus und seiner Lobbyisten nichts mehr aus. Unsere Parlamente und Regierungen hängen am Tropf des Geldes und fällen Entscheidungen, die der Wirtschaft nützen. Da habe ich zu meinem Provinzial gesagt: Wenn es keine gute Perspektive und keine sinnvollen Möglichkeiten gibt, hier weiterzumachen, dann kann ich auch in St. Blasien Pfarrer sein. Deswegen bin ich jetzt hier mit einer halben Stelle Pfarrer und mit einer halben Stelle versuche ich mich an einem neuen Buchprojekt.
Gemeinsam mit Aktivisten der "Letzten Generation" klebte Jörg Alt sich an die Straße fest. Für seinen Protest ging der Jesuit sogar ins Gefängnis.
Frage: Das klingt so, als hätten Sie aufgegeben …
Alt: Ich bin jetzt 65 Jahre alt und habe in meinem Leben wirklich alles versucht, was versucht werden konnte. Bücher, Petitionen, Kampagnen…. Ich habe mit der "Letzten Generation" versucht, den Leuten klarzumachen, dass die Wand vor uns steht und wir direkt darauf zurasen. Aber das juckt kaum jemanden. Und es führt ja auch zu nichts, wenn man mit den Methoden, die nichts bringen, unendlich weitermacht. Man sagt ja so schön: Jedes Volk erhält die Politiker, die es wählt. Und wenn den Deutschen der Preis für einen Liter Diesel wichtiger ist als die immensen Schäden, die der Klimawandel absehbar für uns bringen wird, dann muss ich das ebenso akzeptieren wie Katherina Reiche als Ministerin für Wirtschaft und Energie.
Frage: So wie Ihnen geht es offenbar vielen Menschen, die sich in den vergangenen Jahren öffentlich für den Klimaschutz eingesetzt haben – Greta Thunberg etwa, oder Luisa Neubauer. Auch sie widmen sich anderen Themen. Können Sie das nachvollziehen?
Alt: Sie sehen, dass die Frustration tief sitzt. Ganz viele Menschen aus der Klimabewegung sind psychisch krank geworden. Andere sagen, dass ihr Leben durch die ganzen Strafen und Schulden ohnehin schon ruiniert ist und sie ihren Beitrag geleistet haben. Wieder andere sagen, dass es unter diesen Bedingungen nichts mehr bringt, und sie kümmern sich jetzt um ihr kleines Glück im privaten Bereich. Das kann ich ihnen nicht verdenken.
Frage: Dabei ist doch gerade das Christentum eine Hoffnungsreligion. Sind hier dann nicht gerade die Kirchen gefordert?
Alt: Mit diesem Thema beschäftige ich mich bei meinem Buchprojekt. Mehr möchte ich dazu aktuell nicht sagen.
Frage: Kommen wir zu Ihrer Aufgabe in St. Blasien: Was schätzen Sie daran, dass Sie jetzt vor allem als Seelsorger arbeiten?
Alt: Die Arbeit eines Pfarrers ist schon immer mein Traumberuf gewesen. Ich bin Priester geworden, weil mir die Gemeindearbeit so viel Spaß gemacht hat, schon als Jugendlicher, als Ministrant, als Pfadfinderleiter. Als ich dann zu den Jesuiten gegangen bin, kamen die sozialen und politischen Themen hinzu. Nachdem ich jetzt 40 Jahre lang im Bereich Politik und Gerechtigkeit tätig gewesen bin, war es für mich passend, dass ich wieder eine Zeit bekomme, wo ich wieder das tun kann, was ich gerne tue, und nicht nur das, was ich gut mache. Und die Arbeit hier bietet haufenweise Überraschungen. Zum Beispiel hat St. Blasien einen Ausländeranteil von 30 Prozent und es gibt kaum katholische Kinder.
Und ich kann ja nicht immer nur über das Klima predigen. Das tue ich schon oft genug.
— Pater Jörg Alt
Frage: Sie machen aktuell eine Predigtreihe zur heiligen Messe. Was wollen Sie damit erreichen?
Alt: Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass Religion auch im Hochschwarzwald kaum eine Rolle spielt. Viele Leute sagen, die katholische Messe sei so langweilig und ob man nicht mal etwas anderes machen könne. Aber diese Gebetsform gehört zu unserer Identität. Ich kann aber versuchen zu erklären, wie es zu dieser Feier gekommen ist und was die einzelnen Elemente bedeuten. Und es scheint auch auf Interesse zu stoßen: Selbst die Hochschwarzwald-Touristik hat die Reihe beworben. Und ich kann ja nicht immer nur über das Klima predigen. Das tue ich schon oft genug. (lacht)
Frage: In Ihrer Ankündigung schreiben Sie, dass Sie bei der Vorbereitung überrascht waren, wie viel Sie selbst nicht gewusst haben. Können Sie ein Beispiel nennen?
Alt: Das war vor allem beim Zweiten Hochgebet. Das ist oft ein Punkt, über den man so hinüberrasselt, weil man es nicht mehr hören kann. Aber es war spannend herauszufinden, wie alt das schon ist oder welche Elemente dabei eine Rolle gespielt haben, dass es so überliefert worden ist. Das hat mir nochmal einen neuen Zugang zu diesem Teil der Messe gegeben.
Frage: Was wollen Sie in Ihrer Zeit als Dompfarrer in St. Blasien noch erreichen? Haben Sie sich bestimmte Ziele vorgenommen?
Alt: Ich habe ganz viele Ziele, aber wenig Zeit! (lacht) Als ich hier angekommen bin, war ich entsetzt, wie alt das Publikum ist. Wir haben nur ein Kommunionkind, nur ein Kind ist im Religionsunterricht und die Firmung ist ausgefallen. Als ich angekommen bin, hatte ich nur zwei Messdiener. Ich dachte mir: Das darf doch wohl nicht wahr sein! Kinder- und Jugendarbeit ist für mich deswegen schon mal ein ganz wichtiges Thema. Immerhin: Inzwischen habe ich schon mal elf Ministrantinnen und Ministranten. Und: Der St. Blasier Dom ist ein Bauwerk, das viele Menschen anzieht. Die Menschen möchte ich dann mit einer guten Predigt bedienen, wenn sie in den Gottesdienst kommen. Auch das ist ein wichtiger Punkt.