Evangelien über Sand

Warum Sand glücklich macht – und an Gott erinnert

Fußspuren im Sand am Strandrand, mit Wasser und Sonnenlicht
Bild: AdobeStock/Irfan

Wie schaffen es diese winzigen, unscheinbaren Körnchen nur, dass sie uns glücklich machen? Dabei können sie ausgesprochen lästig sein, wenn sie zwischen den Zehen, im Badetuch, in den Haaren oder spätabends noch auf den Badezimmerfliesen auftauchen. Da schüttelt man sich, klopft herum und saugt und doch taucht irgendwo immer noch so ein kleines Sandkorn auf. Sand besitzt die erstaunliche Fähigkeit, zu bleiben. Und gleichzeitig ist er vergänglich und flüchtig, wenn er etwa durch die Sanduhr rieselt. Wer Sand fest umschließen will, dem rinnt er zwischen den Fingern davon. Sand gehört zu den Dingen, die man nur mit offenen Händen bewahren kann.

Kaum ein Material begleitet uns so selbstverständlich durch unser Leben. Noch bevor wir lesen oder schreiben konnten, waren wir im Sandkasten große Baumeister. Mit unseren Händen entstanden Burgen, Tunnel und ganze Königreiche. Dabei kroch der Sand auch in jede Hosentasche und trotzte jedem Waschgang. Und als Kinder liebten wir gerade das an ihm, dass er so schön schmutzig, pampig und widerspenstig war. Später, als wir groß wurden, wurden aus den Sandkästen Sandstrände, die uns glücklich machen. Bis heute genügen ein paar Quadratmeter Sand oder auch nur der Blick auf den Desktop-Hintergrund oder den Bildschirmschoner, um unsere Gedanken an den Badesee oder ans Meer zu schicken.

Das geniale am Sand ist, dass er das vielleicht demokratischste Material der Welt ist. Denn er macht keinen Unterschied zwischen Spielplatz und Luxusresort, zwischen einfachem Fischer und Millionär, zwischen Kind und Opa. Das beste Gefühl, den Sand zu spüren, ist nämlich barfuß oder mit bloßen Händen, ganz ohne Schnickschnack. Seit Jahrhunderten messen wir mit ihm sogar die Zeit. Ausgerechnet das Material, das sich nicht festhalten lässt, erinnert uns daran, dass auch das Leben nicht stehen bleibt. Die Sanduhr zählt nicht nur die verrinnenden Minuten, sondern lädt uns ein, den Augenblick wahrzunehmen.

Das sagen die Evangelien zum unscheinbaren Material Sand

Das lässt sich auch an den Evangelien herauslesen, die immer wieder von Jesu Wirken rund um den See Genesareth und am Seeufer erzählen. Jesus berief seine Jünger dort, wo Wasser und Land sich berühren. Für die Jünger war der Strand kein Sehnsuchtsort, sondern Arbeitsplatz. Dort ruft Jesus die ersten Fischer in seine Nachfolge (Mt 4,18-22), lehrt vom Boot aus die Menschen (Lk 5,1-3), stillt den Sturm auf dem See (Mk 4,35-41) und wartet nach Ostern auf die Jünger am Kohlenfeuer bei gegrilltem Fisch (Joh 21,9-13). Daran sieht man auch: Gott wartet nicht auf die perfekten Momente unseres Lebens. Er begegnet uns mitten im Alltag zwischen Staub, müden Füßen und den Netzen des täglichen Lebens.

Auch der Sand selbst wird in der Bibel zur Sprache Gottes. Abraham hört die Verheißung: "Ich will deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand" (Gen 22,17). Der Beter des Psalms staunt: "Sie sind zahlreicher als der Sand" (Ps 139,18). Ja, wir Menschen zählen, rechnen und kalkulieren gerne. Sand aber lässt sich nicht berechnen und besitzen – das ist der Sinn hinter den großen Verheißungen Gottes im Alten Testament. Gottes Segen für uns ist unfassbar groß und unendlich.

Und noch dazu: Dieser unscheinbare Sand und seine vielen Körnchen aus Mineralien sind alles andere als wertlos. Aus Sand entstehen Porzellan, Glas und sogar Kirchenfenster, durch die das Licht fällt. Aus Sand werden Computerchips gemacht, die Grundlage unserer digitalen Welt. Es gehört zu den schönen Ironien der Schöpfung, dass aus etwas scheinbar Wertlosem so viel entstehen kann. Und wieder ist es die Bibel, die uns dieses göttliche Prinzip schon längst erklärt: Gott fängt selten mit dem ganz Großen an, sondern mit dem kleinen Senfkorn, aus dem so viel entstehen kann. Warum also nicht auch mit einem Sandkorn?

Sand fällt durch die Finger einer Person.
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Sand kann für das Vergängliche stehen: Jesus erzählt beispielsweise vom klugen Mann, der auf Fels baut, und vom törichten, der auf Sand baut (Mt 7,24-27).

Freilich hat der Sand auch seine Grenzen, er kann scheuern, ins Getriebe geraten und trägt kein Haus. Deshalb erzählt Jesus vom klugen Mann, der auf Fels baut, und vom törichten, der auf Sand baut (Mt 7,24-27). Das ist weniger eine Lektion für Architekten als eine Frage an unser Leben: Worauf verlasse ich mich, wenn Sicherheiten wegbrechen? – Besser also nicht auf so etwas Vergängliches wie Sand bauen, sondern auf Gottes Treue.

Nach meiner Zeit im Sandkasten, als Jugendliche in der Pfarrgemeinde, hatte ich lange Zeit eine Lieblingsgeschichte von den "Spuren im Sand". Bis heute gehört sie zu den beliebtesten Glaubenserzählungen, obwohl sie in keiner Bibel steht. Und doch bringt sie die Botschaft des Evangeliums auf besondere Weise zum Klingen. Denn am Ende der Geschichte, in der ein Mensch auf die Spuren seines Lebens im Sand zurückblickt, heißt es: Da, wo nur eine einzige Spur zu sehen ist, war man nicht allein. Gott hat mich getragen.

Bestimmt entdecke ich in diesen Wochen irgendwo ein Sandkorn, den Sand gibt es nicht nur im Sandkasten und am Sandstrand. Es lohnt sich, den Sand für einen Augenblick in meiner Hand zu fühlen. Denn er kann mich an etwas erinnern, das ich viel zu oft übersehe: Nicht alles, was klein ist, ist unbedeutend. Nicht alles, was verrinnt, ist verloren. Gottes Spuren beginnen oft genau dort, wo ich nur ein winziges unscheinbares Sandkorn sehe.

Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen, promovierte Theologin (Kirchenrecht) und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft tätig.