Vatikan-Pavillon bei Biennale ist ihr gewidmet

Kurator: Hildegard von Bingen wichtige feministische Figur

Kurator: Hildegard von Bingen wichtige feministische Figur
Bild: katholisch.de/ msp

Die Äbtissin Hildegard von Bingen ist für den Kurator des Vatikan-Pavillons zur 61. Biennale von Venedig, Hans Ulrich Obrist, eine wichtige feministische Figur. Aus heutiger Sicht habe sie sich in einer von Männern dominierten Kirche gegen große Hindernisse durchgesetzt, sagte Obrist der Tageszeitung "taz". Mit Ben Vickers kuratierte er den Biennale-Beitrag des Vatikans unter dem Titel "Das Ohr ist das Auge der Seele", der der Äbtissin Hildegard (1098–1179) gewidmet ist.

Schon als Kind besuchte der in der Ostschweiz aufgewachsene Obrist eigenen Worten zufolge mit seinen Eltern die Klosterbibliothek in Sankt Gallen aus dem 9. Jahrhundert und stieß dort Jahre später als Student auf die Schriften, die Hildegard von Bingen verfasst hatte. Begeistert habe ihn früh auch ihre Musik.

"Einflussreiche öffentliche Figur"

Hildegard von Bingen sei eine Universalgelehrte – Schriftstellerin, Heilerin und Naturgelehrte – gewesen, so Obrist weiter. "Sie war eine einflussreiche öffentliche Figur, hat ein Kloster geleitet, Bücher über Mystizismus geschrieben und Musik komponiert." Auch gebe es eine spirituelle und ökologische Dimension.

Die Ausstellung ist im Giardino Mistico des Karmeliterklosters Scalzi in Venedig zu sehen. Das Team "Soundwalk Collective" inszeniert dort Klangwerke von 24 Komponisten, Musikern, Dichtern und Künstlern aus zwölf Ländern, alle inspiriert von Gesängen, Schriften und visionären Bildern der Mystikerin aus dem 12. Jahrhundert.

Ort zwischen Trubel und Stille

Möglich wurde das laut Obrist durch eine Begegnung mit Kardinal José Tolentino de Mendonça, dem Kulturbeauftragten des Papstes. Dieser habe ihm den Garten gezeigt. "Uns hat von Anfang an fasziniert, dass diese paradiesische Oase, dieser Garten mit Heilkräutern und Pflanzen, unmittelbar am lärmigsten und auch umtriebigsten Ort von Venedig liegt. Am Hauptbahnhof, wo Hunderttausende von Reisenden jedes Jahr eintreffen und abfahren." Zwischen Trubel und plötzlicher Stille sei das der immer gesuchte Ort gewesen. In der Zeit totaler Informationsexplosion, in der alles polarisierter werde und es keinen Dialog mehr gebe, sollte eine "Situation der Verlangsamung" geschaffen werden, "wo Konzentration und Zuhören im Mittelpunkt stehen".

Die 61. Kunst-Biennale findet noch bis 22. November unter dem Motto "In Minor Keys" (In Moll-Tonarten) statt. Am zweiten Standort des Vatikan-Beitrags, einer stillgelegten Kirche im venezianischen Stadtteil Castello, ist eine zwölfteilige Video-Arbeit des im März gestorbenen Künstlers Alexander Kluge zu sehen. (KNA)