Was eine "katholische Identität" ausmacht, lässt sich aus Sicht der Salzburger Dogmatikerin Franca Spies nicht einfach aus lehramtlichen Texten oder Dokumenten destillieren. "Es gibt keine fixierte katholische Identität, die ein für alle Mal feststeht", sagte Spies bei einem Vortrag im Rahmen der Salzburger Hochschulwochen, über den die Presseagentur "Kathpress" am Dienstag berichtete. Letztlich sei die Identitätsbildung Aushandlungssache – auch wenn es Eckpfeiler gebe, an denen sich die Aushandlung orientieren müsse. Als Beispiele nannte sie die Anerkennung eines universalen Heilswillen Gottes, der auf das Heil aller Menschen und nicht nur einer exklusiven Gruppe ziele, das gemeinsame kirchliche Wirken zugunsten einer Einheit der Menschheit, die Anerkennung der "Geschichtlichkeit der Offenbarung" sowie den Einsatz für soziale Gerechtigkeit und das Gemeinwohl.
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) habe Weichenstellungen in diese Richtung vorgenommen und dabei – in bewusster Diskontinuität zu antijüdischen Motiven in der Dogmen- und Kirchengeschichte – den Eigenwert des Judentums unterstrichen. Die entsprechenden Konzilsdokumente sollen aus Sicht Spies' daher auch nicht – wie von der Priesterbruderschaft St. Pius X beanstandet – als "Betriebsunfälle" der Kirchengeschichte betrachtet werden, sondern als "konsequente theologische Grundsatzentscheidungen".
Nicht zuletzt im Zuge des jüngsten Streits zwischen dem Vatikan und der Piusbruderschaft sei die Identitätsdebatte in der katholischen Kirche erneut aufgebrochen. Die unerlaubten Bischofsweihen der Piusbruderschaft Anfang Juli hätten zu einem erneuten Schisma geführt und zugleich sichtbar gemacht, dass jene "katholische Identität" stets eine Frage des Ringens und Aushandelns sei – wenngleich gerade die Piusbrüder den Unterschied zwischen einer von ihnen forcierten "Besitzstandsrhetorik" und dem vom Konzil präferierten "dialogischen Modell" markiert hätten, so Spies. (cbr)