Wallfahrt durch Sperrgebiet

Wo Pilger und Soldaten gemeinsam unterwegs sind

Wo Pilger und Soldaten gemeinsam unterwegs sind
Bild: Josef Kleinhenz

"Halt! Scharfschießen! Lebensgefahr!" Die Warnung auf dem Schild klingt wenig einladend. Doch die Pilger im nördlichsten Zipfel des Landkreises Rhön-Grabfeld lassen sich davon nicht beirren. Ihre Blicke richten sich ohnehin eher gen Himmel. Denn die Erfahrung lehrt: Nicht immer erreichen sie ihr Ziel auf dem 674 Meter hohen Ehrenberg trockenen Fußes.

Eine der ungewöhnlichsten Wallfahrten Deutschlands führt durch einen Truppenübungsplatz der Bundeswehr. Auf einer Panzerringstraße sind die Pilger unterwegs, begleitet von Soldaten in Uniform. Ihr Ziel ist die kleine Bergkapelle Maria Ehrenberg an der bayerisch-hessischen Grenze. Dort verehren Gläubige das spätgotische Gnadenbild "Mutter der Barmherzigkeit". Fromme Gebete und militärischer Geleitschutz – eine ungewöhnliche Verbindung. Doch für die Wallfahrer gehört beides zusammen. Denn wer sich auf den Weg nach Maria Ehrenberg macht, muss im Sperrgebiet vor allem eines beachten: Er darf den vorgegebenen Weg nicht verlassen.

Mit den Verantwortlichen der Rhön-Kaserne Wildflecken besprechen die Wallfahrtsführer Josef Söder und Willi Büttner die Einzelheiten. Entsprechend werden die Fußwallfahrer über mögliche Risiken und Regeln informiert. Vorsorglich sind Soldaten postiert, die von der Kommandantur des Truppenübungsplatzes Wildflecken abgestellt werden. Sie bleiben in Sichtweite der Prozession und achten darauf, dass sich alle an die Anweisungen halten.

Ein Wagnis

In der "Osterburg" in Frankenheim bei Bischofsheim in der Rhön tragen sich die Teilnehmenden in eine Namensliste ein und verpflichten sich gegenüber der Bundeswehr, für eventuelle Schäden im Sperrgebiet selbst aufzukommen.

Vor der Prozession wird der Weg durch das Sperrgebiet abgefahren. Mögliche Munitionsreste werden eingesammelt. Denn noch immer können sich auf dem weitläufigen Gelände gefährliche Munitionsreste von Schießübungen befinden. Ein Blindgänger könnte bei Berührung explodieren. "Wenn alle auf dem Weg bleiben, passiert nichts", lautet die beruhigende Aussage eines Soldaten.

Vor den Pilgern breitet sich ein prächtiges Panorama aus. Sie müssen nur über die militärischen Begleiterscheinungen hinwegsehen. Immer wieder erinnern aber Schilder daran, dass es sich um einen militärischen Sicherheitsbereich mit Schieß- und Übungsbetrieb handelt. Für Zivilisten ist der Zutritt streng verboten. Die Fußwallfahrer nach Maria Ehrenberg bilden eine Ausnahme. Geraume Zeit vor der Wallfahrt werden die Schranken ebenso ausnahmsweise geöffnet für einen Wandertag durch das Gelände, zuletzt mit rund 4.800 Wanderern.

Warnschilder weisen die Pilger auf die Gefahren im Truppenübungsplatz hin.
Bild: © Josef Kleinhenz

Es ist keine ganz alltägliche Wallfahrt.

Wallfahrtsführer Josef Söder ist fast schon seit zwei Jahrzehnten im Pilgerzug dabei. Er bezeichnet sich als "eingefleischten Maria-Ehrenberg-Wallfahrer". Zweimal war er auch auf dem Jakobsweg unterwegs. Die 29 Kilometer lange Strecke nach Maria Ehrenberg, von denen rund 14 Kilometer durch das Sperrgebiet führen, seien mit dem weitaus strapaziöseren Jakobsweg nicht vergleichbar. 450 Kilometer legte Söder nach eigenen Angaben 2014 und 2017 jeweils innerhalb von 14 Tagen nach Santiago de Compostela zurück. "Das waren für mich viel größere Strapazen", sagt der passionierte Pilger. Doch letztlich gehe es ihm um mehr als die körperliche Herausforderung. Wichtig seien ihm Gebet und Gesang zum Lobe Gottes. Dazu komme die Verehrung der Gottesmutter Maria und der Kontakt mit den Menschen in der christlichen Gemeinschaft. Die möchte er nicht missen. 

Ins Leben gerufen wurde die Wallfahrt vor mehr als drei Jahrzehnten von dem verstorbenen Albert Zirkelbach aus Wegfurt bei Bischofsheim. Der Gründer starb 2013. Dort ist am 14. August um 9 Uhr in der Kirche St. Peter und Paul auch heute noch der Ausgangspunkt für die Wallfahrt der Pfarrgemeinde Wegfurt. Zu den Unterstützern gehört ein evangelischer Christ. Als Autofachmann stellt er für die Pilger einen Transportwagen und befördert Gepäckstücke. Seine katholische Frau ist unterdessen als Vorbeterin mit dabei. Den Wagen verkauft er nach der Wallfahrt wieder. Sonst würde das Fahrzeug das ganze Jahr nur herumstehen und Platz wegnehmen. Im Jahr darauf kauft der Fachmann ein neues Gefährt. "Ich hab dabei noch nie draufgelegt", sagt der Transporteur mit einem Augenzwinkern. Insofern hat die fromme Tour in der Organisation auch eine bemerkenswerte ökumenische Variante.

Einer der früheren Wegbegleiter Zirkelbachs war Adolf Kreuzpaitner.  Als Fernmeldefeldwebel kannte der ehemalige Bundeswehrangehörige das 7.284 Hektar große Gelände. Der gebürtige Münchner erzählte in Gebetspausen von der Urwüchsigkeit der Landschaft, ihrer vielfältigen Flora und Fauna. Der Schwarzstorch brütet heute ungestört im Tal der Kleinen Sinn, Biber und Fischotter haben sich an den Bächen niedergelassen und nachts streift die Wildkatze über die Schießbahnen. Zudem werden seltene Pflanzen gesichtet wie rundblättriger Sonnentau und Orchideenarten.  

Verlassene Heimat

Auch von den Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, berichtete der Historiker. Für den Bau des Truppenübungsplatzes seien 2.562 Menschen umquartiert worden. So verbindet sich auf dem Weg nach Maria Ehrenberg Glaube und Geschichte, Gebet und Natur.

Am Ziel finden die Pilger unterhalb der Gnadenkapelle übrigens einen Marienborn. Manche erfrischen sich mit dem Quellwasser, andere reiben es sich in die Augen und hoffen auf bessere Sehkraft. Wieder andere füllen es in Gefäße und Flaschen, um das Segenswasser mit nach Hause zu nehmen. Dass auf einem Hinweis ausdrücklich steht, das Brunnenwasser sei kein Trinkwasser, stört Gläubige eher kaum. Ein Ehepaar aus der Rhön etwa betrachtet es schon seit der Jugend als Segensgabe des heiligen Ortes. Allerdings ist die Schüttmenge des Brunnens nicht immer gleich hoch. Wegen der Trockenheit führt dies aktuell sogar dazu, dass das Wasser dort ausbleibt. 

Unmittelbar daneben führen 254 Stufen auf der "Himmelsleiter" zum Marienheiligtum. Gesäumt wird die Treppe von Madonnen-Skulpturen. Früher rutschten Pilger auf Knien hoch. Und heute gibt es noch eine feste Gruppe, die an jeder einzelnen Stufe bis zum Ziel Rosenkranzgebete verrichtet. Eine Madonna trägt eine Inschrift, die vom Vertrauen der Pilger erzählt: "Suchst du Trost in bangen Stunden, geh' zum heiligen Berg hinauf. Wo so viele Trost gefunden, nimmt auch dich Maria auf. Mutter der Barmherzigkeit, bitt' für die ganze Christenheit!"

Das Gnadenbild
Bild: © Josef Kleinhenz

Das Gnadenbild "Mutter der Barmherzigkeit" auf Maria Ehrenberg.

An den Stationen werden Fürbitten vorgetragen, während eine Musikkapelle kirchliche Lieder anstimmt, die die Pilger aus voller Kehle singen. Der musikalische Klang schallt weit ins Rhöner Land. Unterdessen erreichen auch andere Wallfahrergruppen die "Himmelsleiter". Ihr Weg führte nicht durch das militärische Sperrgebiet. Feierlich ziehen schließlich die Wallfahrer mit ihrer Musikkapelle in die auf 674 Metern Höhe gelegene Bergkirche.

Sie ist seit 1521 als Wallfahrtsort bezeugt. Das spätgotische Gnadenbild "Mutter der Barmherzigkeit" ist von einer goldenen Scheibe umrahmt und befindet sich am Altar. Es wurde im Winter mithilfe eines Spenders restauriert und ist jetzt mit einem elektrischen Licht versehen. So strahlt das Gnadenbild in neuem Glanz auf die Besucher der Kirche. 

Besonders am Fest Mariä Himmelfahrt (14./15. August) kommen viele Gläubige nach Maria Ehrenberg. Am Vorabend zieht eine feierliche Lichterprozession um die Bergkirche. Wegen der Hitze und Trockenheit und der damit verbundenen Feuergefahr sind Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Die Bundeswehr hat vorsorglich ein Löschfahrzeug abgestellt, wie Diakon Kim J.N. Sell berichtet. 

"Habt Mut, steh' auf – mit Maria"

Die Wallfahrersaison endet am 18. Oktober. Sie steht unter dem Thema "Habt Mut, steh' auf – mit Maria". Organisiert wird sie von Diakon Kim J. N. Sell. Im Gespräch zeigt er sich mit der Resonanz zufrieden, auch wenn früher viel mehr Gläubige auf den Berg kamen. Aktuell sind es nach seinen Angaben rund 5000 Besucher in der Saison. 

Mit Maria Ehrenberg ist eine alte Sage verbunden. Einst soll ein frommer Schäfer aus Kothen im Wald nahe dem heutigen Wallfahrtsort ein Marienbild gefunden haben. Er nahm die Statue mit ins Tal und wollte sie in der dortigen Kirche aufstellen. Doch als er am nächsten Tag nach dem Hüten seiner Schafe zurückkehrte, war das Bild verschwunden. Der Schäfer fand es dann an der ursprünglichen Stelle auf dem Berg wieder. Auch als er die Marienstatue ein weiteres Mal an einem anderen Ort platzierte, kehrte sie auf den Berg zurück. Der Schäfer errichtete daraufhin auf der Bergkuppe eine Kapelle und stellte dort das Marienbild auf. Dieses Mal blieb es an seinem Platz. Und seither kommen Menschen an diesen Ort.

Das Programm zu den Feierlichkeiten an Mariä Himmelfahrt beginnt am Vorabend des Festes um 20.30 Uhr mit dem Rosenkranz. Höhepunkte sind um 21 Uhr die Vigilfeier am Freialtar und anschließend die Lichterprozession. Am Samstag, 15. August, wurden für 7, 9 und 11 Uhr Messfeiern angesagt, während um 14 Uhr eine Andacht mit einer Krankensegnung verbunden wird.

Josef Kleinhenz