Erster Pfarrer von St. Pius in Bad Neuenahr-Ahrweiler

"Das tut weh": 93-jähriger Priester baute Kirche auf – nun Abriss

Pfarrer Josef Schmidt
Bild: katholisch.de/cph

Das Schicksal der Kirche St. Pius in Bad Neuenahr-Ahrweiler bewegt die Menschen weit über den Ort hinaus: 1969 geweiht, war sie das Gesicht der Pfarrei, die erst 1964 gegründet worden war. Bei der Ahr-Flut 2021 wurde die Kirche enorm beschädigt. Eine Sanierung war für die Pfarrei finanziell nicht tragbar, deshalb wird das Gebäude nun abgerissen. Eine besondere Verbindung zu dem Gotteshaus hat Josef Schmidt: Er war 1964 der erste Pfarrer von St. Pius. Er baute die Pfarrei aus dem nichts auf und plante auch die Kirche. Auch die Folgen der Flut bekam er mit. Im katholisch.de-Interview spricht der 93-Jährige über die Aufbauarbeit in den 1960er Jahren und über das richtige Verhältnis der Kirche zu den Menschen.

Frage: Herr Schmidt, Sie wurden 1964 im Alter von 32 Jahren der erste Pfarrer von St. Pius. Wie war das damals?

Schmidt: Diese Geschichte geht mir heute noch durch den Kopf und durch das Herz. 1963 wartete ich als Kaplan in Bendorf (Landkreis Mayen-Koblenz) auf eine Pfarrstelle. Ich bekam dann den Bescheid, dass meine neue Pfarrei in Bad Neuenahr-Ahrweiler gerade erst gegründet worden war. Sie bestand zu diesem Zeitpunkt nur auf dem Papier, es gab nichts. Ich hatte die Aufgabe, diese Pfarrei ins Leben zu rufen und aufzubauen. Ich war damals völlig erschüttert: Als junger Kaplan hatte ich mich darum, wie man eine Kirche baut und eine Pfarrei gründet, nie gekümmert. Aber aus dem Bistum kam die Antwort: "Schmidt, wir können Sie nicht schonen." Also bin ich hingefahren und der Dechant besorgte mir eine Wohnung am Bahnhof.

Frage: Wie haben die Menschen reagiert?

Schmidt: Die Leute waren nicht vorbereitet. Direkt, als ich ankam, kamen Delegationen aus verschiedenen Ortsteilen und fragten mich: "Wie stellen Sie sich das vor? Wer soll eine neue Kirche bezahlen?" Auch bei den Geistlichen gab es Animositäten: Bei meinem ersten Gespräch beim Pfarrer von Bad Neuenahr sagte der direkt, was ich ihm für einen Kummer machen würde: Ich würde ihm seine Pfarrkinder aus dem Herzen reißen, er dürfte nicht mehr die Leute besuchen und keine Kinder mehr taufen oder zur Kommunion führen. Denn mein Pfarrgebiet wurde ja aus seinem herausgelöst. Ich habe dann einfach gesagt: "Sie können genauso weiterhin Pastor sein wie bisher." Daraufhin hat er mir direkt das "Du" angeboten. Er hat sich später zu einem wertvollen Mitbruder entwickelt.

Profanierte Kirche Sankt Pius am 4. Juni 2025 in Bad Neuenahr-Ahrweiler.
Bild: © KNA/Harald Oppitz

Die Kirche Sankt Pius hatte bewusst moderne Formen.

Frage: Wie sind Sie dann vorgegangen?

Schmidt: Schon in meiner Kaplanszeit hat man mir in der Gemeinde gesagt: "Versuchen Sie, die Frauen zu gewinnen! Wenn Sie die Frauen haben, dann haben Sie auch die Männer." Also habe ich die Frauen zu Hause besucht. Die haben das dann an ihre Männer weitergegeben. Denn wie gesagt, es gab noch nichts – auch keinen Gottesdienstort. Als wir damals angefangen haben, eine Notkirche zu bauen, habe ich mich selbst mit der Hacke auf die Wiese gestellt und angefangen, einen Graben auszuheben. Die Frauen haben das gesehen und dann ihre Männer geschickt: "Soll der Pfarrer das denn allein machen?" Und so kamen die Männer und haben mir geholfen.

Frage: Gleichzeitig ging es ja auch darum, Strukturen und Gruppen einer Pfarrei aufzubauen. Gab es da Probleme?

Schmidt: Es gab in den einzelnen Pfarreien ja alles schon: Kolping und die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) etwa. Im Ortsteil Bachem, der auch zur neuen Pfarrei St. Pius gehörte, gab es die Angst, für die neue Kirche würde die alte Kapelle abgerissen werden. Ich habe mich mit den Leuten hingesetzt und mich ehrlich gemacht: Ich habe nichts und ich bin auf euch angewiesen. Die Frauen haben dann einen Paramentenverein gegründet und Gewänder auch für die Messdiener genäht. So hat sich nach und nach ein gemeinsames Bewusstsein gebildet: "Wir gehören zu Pius." Die "Piusser" haben sie sich genannt. Ich war dann selbst überrascht, wie sich die Leute versammelt haben. Schon im ersten Jahr haben wir eine eigene Fronleichnamsprozession auf die Beine gestellt – und die Beteiligung war gut. Wir haben dann später sogar mal eine Wallfahrt nach Rom gemacht. Im Ruhrgebiet gab es auch eine Pius-Pfarrei, mit der haben wir dann einen Jugendaustausch entwickelt. Die Leute waren irgendwann stolz, zu Pius zu gehören.

Frage: Aber es gab einen großen Rückschlag.

Schmidt: Nach einiger Zeit ist die Notkirche abgebrannt. Denn dort gab es eine Gasheizung. Im Januar 1965 war starker Wind und der hatte die Gase in den Kirchenraum getrieben. Alles brannte ab. Das war natürlich ein großer Schock. Die Notkirche war sehr schön und hatte Atmosphäre. Das hat schon sehr weh getan, als sie abgebrannt ist – bei mir und bei den Leuten. Es war aber auch ein Impuls, dass es dann wirklich schnell gehen musste mit der neuen Kirche. Wir haben viel Hilfe bekommen. Wenn die Notkirche nicht abgebrannt wäre, wäre die neue Kirche nicht so schnell gebaut worden.  

Frage: Wie sind Sie dann bei der Planung für eine neue Kirche vorgegangen?

Schmidt: Uns war klar, dass es eine moderne Kirche sein sollte. Also sind wir herumgefahren bis nach Köln und Bonn und haben uns dort umgesehen. Als wir dann einen Architekten hatten, mussten wir mit dem Bistum Trier verhandeln: Wir brauchten Geld. Also sind wir immer wieder nach Trier gefahren. Daneben haben wir in der Gemeinde gesammelt: Papier, Flaschen und alles Mögliche, um noch an zusätzliches Geld zu kommen. Viele Arbeiten für die Kirche haben dann auch Ungelernte aus der Gemeinde gemacht. Wenn die Leute abends von der Arbeit gekommen sind, sind sie mit ihren Familien noch zur Kirchenbaustelle gekommen, um mitzuhelfen.

Mein Glaube hat mir viel Kraft gegeben.

— Josef Schmidt

Frage: Wie hat diese Zeit Ihr priesterliches Leben geprägt?

Schmidt: Mein Glaube hat mir viel Kraft gegeben. Als ich dorthin kam, hatte ich nichts – noch nicht einmal einen Stempel. Die Leute waren auch nicht alle mit der Neugründung einverstanden. Aber am Ende gab es dort eine Kirche, einen Kindergarten und vieles mehr. Ich habe durch diese Aufgabe ein neues Verhältnis zu meinem Beruf bekommen. Ich war es als Messdiener und Kaplan gewohnt, dass das Priesterleben nach einem gewissen Schema ablief: Messen halten, Kommunionkinder betreuen, solche Dinge. Nun aber musste alles anders werden. Es war die Zeit nach der Liturgiereform: Der neue Altar in der Notkirche hat mich direkt in Richtung der Gläubigen feiern lassen. Wir waren auch einer der ersten Orte hier mit einem Pfarrgemeinderat. Die Leute haben sich dann auch sehr eingebracht. Manche kümmerten sich um Gewänder, andere um die Pfarreichronik. Das waren alles Dinge, die ich dann auch abgegeben habe.

Frage: Was haben Sie dadurch gelernt?

Schmidt: Kirche bedeutet Gemeinschaft. Wir haben Verantwortung füreinander. Nicht ich als Priester gebe alles vor. Ich bin zu jedem nach Hause gegangen und habe gesagt: "Wir brauchen Sie!" Ich habe nach Räumen gesucht, auch wenn das bedeutete, im Fahrradkeller des Gymnasiums Jugendarbeit zu machen. Das hat dazu geführt, dass die Menschen in Pius die Kirche neu erlebt haben. Ich habe für die Notkirche alte Kirchenstühle aus einer anderen Pfarrei organisiert – und einen Teppich noch dazu. Ein Glaser aus dem Ort hat die Fenster gemacht, der Steinmetz den Altar. Alle haben zusammengearbeitet.

Frage: Doch 1973 nach etwas mehr als acht Jahren war für Sie schon Schluss in St. Pius.

Schmidt: Der Personalchef des Bistums Trier rief mich eines Tages an und sagte mir: "Der Bischof möchte dich in Saarbrücken haben." In St. Josef, einer Arbeiterpfarrei, war noch die Pfarrstelle zu besetzen. Ich wollte das eigentlich nicht. "Überlege dir das nochmal, der Bischof möchte das ganz dringend haben", hieß es da nur. Das war natürlich schlimm für die Leute. Mir ist das schwer gefallen, es war aber auch eine neue Herausforderung. Am Ende war es auch der priesterliche Gehorsam, nach dem ich mich gerichtet habe. Ich bin dann gegangen und war 16 Jahre dort.

Frage: Hatten Sie danach noch Kontakt zu Ihrer alten Pfarrei?

Schmidt: Da habe ich mit Absicht nicht so großen Wert drauf gelegt, weil man an den Nachfolger denken muss. Aber in der Anfangszeit haben mich die Leute immer mal wieder besucht, wir haben aus Saarbrücken auch Gegenbesuche gemacht. Zu Festen wurde ich auch immer eingeladen. Sonst habe ich mich herausgehalten.

Hochwasser im Ahrtal 2021
Bild: © Hubert Rieck_privat

Bad Neuenahr-Ahrweiler war von der Ahr-Flut 2021 besonders betroffen.

Frage: Als 2021 dann die Flut kam. Wie haben Sie das erlebt?

Schmidt: Das hat mir sehr weh getan, das hat mich richtig getroffen. Mich hat eine Frau aus der Pfarrei angerufen: "Ich habe es überstanden, ich lebe noch!" Sie wohnte ganz in der Nähe der Brücke, die zerstört wurde und hatte sich in die oberen Etagen ihres Hauses retten können. "Ich habe die Brücke einstürzen sehen, aber ich lebe noch", sagte sie mir. "Das Wasser kommt bis zu meinem Haus." Das hat mich sehr betroffen gemacht. Die Not der Leute war spürbar. Da war mir die Kirche auch gar nicht so wichtig, sondern die Menschen. Es sind ja auch einige umgekommen. Das ging mir sehr nah.

Frage: Die Pfarrei hat lange darum gerungen, die Kirche zu erhalten. Letztendlich wird sie nun abgerissen. Wie schauen Sie darauf?

Schmidt: Ich habe mich da ganz herausgehalten, aber die Entscheidung am Ende auch mitgetragen. Pfarreien werden zusammengelegt, der Kirchenbesuch geht zurück – das habe ja auch ich mitbekommen. Das war dann irgendwann auch für Pius klar. Das tut natürlich schon weh. Aber es gibt keinen anderen Weg. Pius für Millionen von Euro wiederaufzubauen – das geht nicht.

Frage: War Ihre ganze frühere Arbeit dann umsonst?

Schmidt: Nein, das nicht. Weil ich weiß, dass die Menschen dort von der Großpfarrei gut betreut werden. Man bemüht sich dort sehr.

Frage: Waren Sie nach der Flut noch einmal in der Kirche?

Schmidt: Nein, ich bin zwar mal vorbeigefahren und habe auch Bilder gesehen. Aber reingegangen bin ich nicht noch einmal. Ich wollte das nicht sehen. Auf den Bildern sah das alles so verwahrlost aus.

Wir brauchen eine große Wertschätzung für die Menschen – und zwar für alle.

— Josef Schmidt

Frage: Sie blicken auf ein langes Priesterleben zurück, haben eine Pfarrei kommen und gehen sehen. Welche Lehre ziehen Sie daraus für die Kirche von heute?

Schmidt: Wir brauchen eine große Wertschätzung für die Menschen – und zwar für alle. Auch diejenigen, die nicht jeden Sonntag in die Messe kommen. Damals bin ich auch zu vielen Leuten gegangen, die der Kirche eher fernstanden. Durch das Gespräch kann man auch zu ihnen eine Beziehung aufbauen. Ich hatte damals auch jemanden, der ausgetreten war. Mit dem habe ich ein langes Gespräch gehabt. Am Tag darauf stand er mit auf der Baustelle für die Kirche. Der Kontakt und das Gespräch mit den Leuten ist fundamental wichtig.

Frage: Ist der Kirche diese Nähe zu den Menschen verloren gegangen?

Schmidt: Der Zusammenhalt unter den Menschen generell ist verlorengegangen. Früher gab es viele Vereine, das war anders. Die Leute, auf die ich früher zugegangen bin, die haben auch irgendwann den Kontakt gesucht. Sie wollten zum Beispiel am Pfarrbrief mitschreiben und austragen. Ich habe den Leuten immer gesagt: "Ich bin ein Mitarbeiter Gottes – und Sie auch!" Die Leute haben gespürt, dass sie der Kirche ein Anliegen sind – und das dann weitergetragen.

Frage: Würden Sie die Kirche St. Pius heute nochmal so bauen?

Schmidt: Das vielleicht nicht, aber die Leute brauchen schon Räume. Für den Gottesdienst, aber auch, um Feste zu feiern.

Christoph Paul Hartmann