Das Oberhaupt der einflussreichen armenisch-apostolischen Kirche in Armenien, Karekin II. (74), sitzt bald auf der Anklagebank. In dem Südkaukasus-Land beginnt ein historischer Prozess. Im Interview beschreibt der Theologe Harutyun Harutyunyan von der Staatlichen Universität in der Hauptstadt Jerewan die Dimension des Falls: Eine fast zweitausendjährige Tradition wird hinterfragt.
Frage: An diesem Freitag wird dem armenisch-apostolischen Kirchenoberhaupt Katholikos Karekin II. der Prozess gemacht. Was steht für die Kirche und Armenien dabei auf dem Spiel?
Harutyunyan: Es geht meiner Meinung nach um ganz viele verschiedene Aspekte. Die Kirchenleitung wird ihre historische Immunität verlieren und das Oberhaupt der Kirche im Gerichtssaal bei dieser Klage als ein normaler Bürger stehen, was am Ende eventuell zu einer Geldstrafe und sogar zweijährigen Haft führen kann. Es geht aber auch um den Sieg von Säkularismus gegenüber einer historisch geprägten Kooperation zwischen dem Staat und der nationalen Kirche. Schließlich geht es um die endgültige Trennung zwischen Politik und Religion in diesem Land, das als erstes das Christentum als Staatsreligion im Jahr 301 anerkannt hatte.
Frage: Die Staatsanwaltschaft hat das Kirchenoberhaupt und die sechs Bischöfe wegen der Missachtung einer Gerichtsanordnung angeklagt, die die Kirche zur Wiedereinsetzung eines geschassten Bischofs verpflichtet. Finden Sie es richtig, dass ein staatliches Gericht über Bischofsposten mitentscheidet?
Harutyunyan: Hier geht es nicht nur um einen suspendierten oder laisierten Bischof, Geworg Sarojan von der Diözese Masjatsotn, sondern es geht auch symbolisch um den Schutz von vielen Geistlichen, die von der Kirchenleitung willkürlich bestraft und laisiert wurden. Das betraf mehr als 150 Geistliche, darunter drei Erzbischöfe und ein Bischof. Einige dieser Geistlichen wollen sich gegen die Bestrafungen wehren.
Wo sollen sie sich sonst melden, wenn es kein Kirchengericht in unserem Land gibt? Natürlich sind Staat und Kirche offiziell getrennt. Allerdings, wenn die Grundrechte von Menschen oder Geistlichen verletzt werden, auch innerhalb der Kirche, dann müssen diese Opfer sich irgendwie schützen. Es gibt auch ähnliche Fälle in Europa, die am Ende in Straßburg beim europäischen Menschenrechtsgerichtshof landen.
Dieser Bischof Sarojan hat sich immer korrekt verhalten und keine Regeln gebrochen. Trotzdem wurde er suspendiert und laisiert, weil er nur öffentlich über die Notwendigkeit von Reformen in der Kirche gesprochen hat. Dabei gab es auch neun weitere Erzbischöfe und Bischöfe, die das Gleiche gefordert haben. Wieso wurden sie nicht genauso bestraft? Es ist unklar.
Dr. Harutyun Harutyunyan ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der Theologischen Fakultät der Staatlichen Universität von Jerewan, Armenien.
Frage: Kann Karekin II. problemlos im Amt bleiben, egal was das Strafgericht entscheidet?
Harutyunyan: Ja, er bleibt auf Lebenszeit im Amt, es sei denn, eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Bischofssynode fordert seinen Rücktritt und ein Landeskonzil wählt einen neuen Katholikos.
Frage: Insgesamt zehn Bischöfe hatten im Dezember den Katholikos zum Rücktritt aufgefordert. Verliert das Kirchenoberhaupt zunehmend an Rückhalt in der eigenen Kirche?
Harutyunyan: Ja. Rund 30 Priester und Diakone haben sie unterstützt. Es ist noch eine kleine Gruppe, weil die meisten Geistlichen nur schweigen. Aber die Tendenz ist schon da, dass der Katholikos seine mittelalterliche Alleinherrschaft langsam verliert.
Frage: Sehen Sie einen Ausweg für die Kirche aus der Krise?
Harutyunyan: Einfach die Rückkehr zu ihrer geistlichen und apostolischen Mission, statt Einmischung in die Politik an der Seite der russlandstreuen Opposition.
Frage: Wie unterstützt Karekin II. die Opposition?
Harutyunyan: Er war ein paar Tage vor den Parlamentswahlen persönlich im Haus von Samwel Karapetjan, dem russisch-armenischen Oligarchen und Gründer der neuen Partei "Starkes Armenien". Der Besuch wurde medial begleitet und stark in den sozialen Netzwerken verbreitet. Außerdem sprach der Bruder des Katholikos Karekin II., Erzbischof Ezras Nersissjan, der die russische Diözese der armenischen Kirche leitet, in den Medien mehrfach davon, dass die Gläubigen nicht die Partei "Zivilvertrag" von Nikol Paschinjan wählen dürfen, weil sie sonst "komplett raus aus der Kirche" wären. Das heißt, die Kirchenleitung hat so eine Art Anathema-Bannfluch verbreitet, der sich gegen die Anhänger der aktuellen Regierungspartei richtet.
Frage: Und was wird im schlimmsten Fall passieren?
Harutyunyan: Eskalation, ein Terroranschlag, ein bewaffneter Regierungssturz. Für Letzteres haben sich bereits zwei treue Erzbischöfe von Katholikos Karekin II. öffentlich stark gemacht.
Panorama über die armenische Hauptstadt Jerewan auf den Berg Ararat.
Frage: Karekin II. und Regierungschef Nikol Paschinjan bekämpfen sich seit langem gegenseitig. Wie gehen beide aktuell miteinander um?
Harutyunyan: Beide forderten öffentlich den Rücktritt des anderen. Es gibt sonst keine Kommunikation zwischen ihnen. Sie sind wie zwei Lokomotiven, die auf dem gleichen Gleis aufeinander losfahren. Der große Unfall kommt bald und einer von ihnen wird endgültig aus dem Gleis geworfen.
Frage: Was ist der Kern ihres Konflikts?
Harutyunyan: Es geht an der Oberfläche um einige hochemotionale Fragen, wie beispielsweise um den Verlust von Bergkarabach oder die Forderung nach internationaler Anerkennung des Völkermords von 1915. In Wahrheit und im Kern geht es aber um die große Geopolitik. Der Katholikos hat im Dezember 2022 die Ehrenmedaille von Wladimir Putin bekommen. Auch sein Bruder, Erzbischof Ezras Nersissjan, wurde von Putin persönlich im November 2025 mit einer Medaille ausgezeichnet.
Wie in anderen postsowjetischen Staaten vertreten diese Brüder die sogenannte alte KGB-Schule und machen alles Mögliche, damit Armenien unter russischer Herrschaft bleibt und sich kein bisschen an den Westen annähert. Das stört die armenische Regierung in ihrer Arbeit sehr, vor allem, weil sie eine Kirche will, die sich mit geistlichen und sozialen Fragen in dieser Nachkriegszeit im Land und in der Diaspora beschäftigt.
Frage: Sollten sich die EU und andere Kirchen in den Konflikt zwischen Regierungschef Nikol Paschinjan und Karekin II. einschalten?
Harutyunyan: Ja, das wäre großartig! Aber ich weiß nicht wie, wenn weder die Kirche noch die Regierung darum bittet.
Frage: Sind Sie optimistisch, dass die armenisch-apostolische Kirche die aktuellen Herausforderungen besteht und sich positiv entwickelt?
Harutyunyan: Nein, ich bin leider sehr skeptisch und denke, dass die Enttäuschung beim Volk noch weiter zunehmen wird. Am Ende wird die Säkularisierung gewinnen, wie es zum Beispiel in Frankreich nach der Revolution der Fall war. Die gläubigen Leute werden die Mutterkirche verlassen und für sich alternative religiöse Gruppen suchen.
Die Armenische Apostolische Kirche
Die Armenische Apostolische Kirche ist eine altorientalische oder orientalisch-orthodoxe Kirche. In Armenien gehören ihr etwa 90 Prozent der Bevölkerung an, weltweit hat sie etwa neun Millionen Gläubige. Heute besteht die Kirche aus den beiden Katholikaten Etschmiadsin mit Sitz in Armenien und Kilikien mit Sitz im Libanon. Karekin II. Nersissjan ist seit 1999 der 132. Oberste Patriarch und Katholikos aller Armenier. Gegenüber dem Katholikos von Kilikien übt er einen Ehrenvorrang aus.
Ihre Gründung führt die Armenische Apostolische Kirche auf die Apostel Judas Thaddäus und Bartholomäus zurück. Sie ist die älteste Staatskirche der Welt und trennte sich nach dem Konzil von Chalcedon (451) von der römischen Reichskirche. An diesem Konzil nahm kein Vertreter der Armenischen Apostolischen Kirche teil, im Jahr 506 lehnte die Synode der Kirche die Beschlüsse des Konzils ab.