Zwischen Gottesdienst und Taufvorbereitung

"Die Tat ist mir relativ egal": Der Alltag einer Gefängnisseelsorgerin

Die Gefängnisseelsorgerin Maria Gondolf
Bild: Teresa Kammerlander

Maria Gondolf ist Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Euskirchen und hat darin ihren Traumberuf gefunden. Seelsorge bedeutet für sie vor allem Zuhören – auch in schweren Situationen. Wie sie zu diesem außergewöhnlichen Beruf kam und wo Gott hinter Gefängnismauern zu finden ist, verrät sie im Interview.

Frage: Frau Gondolf, mit welchen Anliegen kommen die Inhaftierten zu Ihnen als Gefängnisseelsorgerin – sind es eher praktische Fragen, oder geht es auch um seelische oder religiöse Themen?

Gondolf: Es kommen alle Themen vor. Es geht von "Ich habe mich verkalkuliert und bräuchte Tabak. Kann ich welchen schnorren?" bis hin zu Taufvorbereitungs-Anfragen. Die Inhaftierten kommen mit dem ganzen Leben hierher. Die Fragen sind vielleicht vordergründig nicht so kernreligiös. Ich diskutiere hier selten über die Frage der Trinität. Aber es geht insgesamt um die Frage: Wie gestalte ich mein Leben und wie treffe ich Entscheidungen, die möglichst hilfreich und gerecht sind? Das ist für mich eine zutiefst christliche Frage und deshalb würde ich schon sagen, dass sehr viele Themen, die hier aufkommen, religiös sind. Wir bieten jeden Sonntag einen Gottesdienst an und da ist es mir wichtig, die Message mitzugeben: Alte Entscheidungen muss man verantworten, neue Entscheidungen muss man erst noch treffen. Danach werde ich oft gefragt, wie ich das meine. Es ist nicht hilfreich, sich groß über Schuld zu unterhalten. Denn wenn ich mich frage, wie ich mein Leben führen will, ist Schuld nicht so hilfreich, sondern eher die Frage: Wie mache ich aus dem, was ich von früher habe, etwas?

Frage: Sie sprechen also weniger über Schuld und Vergebung, sondern eher darüber, wie man in der Zukunft bessere Entscheidungen treffen kann?

Gondolf: Schuld und Vergebung sind natürlich auch Thema. Nur, sich zu sehr mit der eigenen Schuld zu befassen, lähmt einen für die Gestaltung des eigenen Lebens. Schuldgefühle suchen sich ohnehin immer einen Weg an die Oberfläche. Letztendlich geht es mir eher darum: Mit welchen Themen kommen die Inhaftierten? Meine Aufgabe ist es ja, mit ihnen darüber zu sprechen, wie sie damit weitergehen wollen. Seelsorge ist ja etwas sehr Hörendes. Wir haben hier mit Menschen zu tun und nicht mit der Tat. Die Tat ist mir relativ egal. Ob ich jetzt mit Inhaftierten spreche oder mit anderen Menschen, die in Krisensituationen sind, ich habe erst einmal einen Menschen mit einer Geschichte vor mir. Der Mensch ist nicht nur seine Tat, die ihn in den Knast gebracht hat. Dieser Mensch besteht aus ganz vielen verschiedenen Facetten, aus so viel Geschichte und Zukunftsträumen und Beziehungen. Wenn ich mich nur darauf konzentriere, warum jemand delinquent geworden ist, dann vernachlässige ich so viel von dem Menschen. Letztendlich gibt es niemanden, der aufwächst und sagt: Irgendwann werde ich mal Inhaftierter und Straftäter. Das ist niemandes Kindheitstraum als Lebensweg. Die Inhaftierten treffen natürlich die Entscheidung, straffällig zu werden und sie müssen für diese Entscheidung auch geradestehen. Aber unsere Aufgabe im Justizvollzug ist ja nicht, die Leute zu bestrafen, sondern dass die Leute hier einen Weg finden, später wieder straffrei sein zu können. Deshalb finde ich es wichtig, denen, die das möchten und die diese Chance auch wahrnehmen wollen, irgendwie zu ermöglichen, eine Perspektive zu entwickeln, wie sie andere Entscheidungen treffen können.

Frage: Wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen aus?

Gondolf: Ich habe feste Sprechstunden und führe viele Gespräche. Aber ich bin hier in der JVA Euskirchen nicht nur Inhaftierten-Seelsorgerin, sondern Anstalts-Seelsorgerin. Das heißt, ich bin auch für die Belange der Kolleginnen und Kollegen da. Manchmal nutze ich tatsächlich auch die Zeit, um übers Gelände zu spazieren. Das mache ich am liebsten zwischen Gesprächen. Dann ist es gut, mal ein Viertelstündchen mit einem Kollegen zu "schnacken". Die kommen seltener für ein längeres Gespräch in meine Sprechstunde. Aber es ist auch wichtig, zu hören: Wie geht es ihnen hier? Wie ist die Stimmung in der Anstalt? Wie belastet sind sie? Ich nenne das, ein Ohr in der Anstalt zu haben, und das finde ich total wichtig. Außerdem halte ich für die Anwärterinnen und Anwärter, die die Ausbildung für den Allgemeinvollzugsdienst machen, eine Unterrichtseinheit zum Thema: Wie funktioniert Trauer und wie gehe ich mit Trauer und Trauernden um? Ich biete auch eine ähnliche Einheit zum Thema Suizid in der Haft an. Einmal pro Woche feiern wir auch einen Gottesdienst, in der Regel im Wechsel evangelisch/katholisch, sonntags um zehn Uhr. Die Besonderheit in unserer Anstalt ist, dass das ein öffentlicher Gottesdienst ist, zu dem jeder kommen kann. Es gibt eine Einlasszeit von einer Viertelstunde, man muss seinen Personalausweis mitbringen, aber ansonsten muss man sich nicht vorher anmelden und kann einfach dazukommen. Das ist auch eine schöne Begegnungsmöglichkeit für Familien. Wir machen auch nicht sofort, wenn der Gottesdienst vorbei ist, die Türe zu, sondern die Leute haben dann auch noch ein bisschen Zeit, sich zu unterhalten, ohne dass das ein offizieller Besuch wäre. Ich habe jede Woche eine Wundertüte im Gottesdienst, weil ich nie weiß: Feiere ich diesmal einen Familiengottesdienst mit vielen Kindern? Habe ich 20 oder 60 Besucher? Ich finde das toll, denn es schützt mich davor, die Gottesdienste routiniert zu feiern. Denn in Sachen, die man regelmäßig macht und nach einem festen Muster, besteht einfach die Gefahr, dass sich eine Routine einschleicht, die einen blind werden lässt dafür, was im Moment tatsächlich passiert. Ich empfinde das als Aufmerksamkeitshilfe.

Die Gefängnisseelsorgerin Maria Gondolf mit einem Justizvollzugsbeamten
Bild: © Teresa Kammerlander

Gondolf ist auch für die Justizvollzugsbeamten da.

Frage: Wie sind Sie denn zur Gefängnisseelsorge gekommen?

Gondolf: Ich habe im Theologie-Studium, das war 2002/2003, schon ein Praktikum gemacht in den JVAs Vohwinkel und Remscheid, also im Bergischen Land. Seitdem habe ich immer gesagt: Am liebsten möchte ich in den "Knast" als Seelsorgerin. Das war eigentlich immer schon mein Berufswunsch. Nach dem Studium habe ich aber erst noch andere Stationen durchlaufen – das hat natürlich verschiedene Gründe, warum man nicht direkt nach dem Studium als Gefängnisseelsorgerin arbeitet, angefangen von Berufserfahrung und Lebenserfahrung bis hin zu Seelsorgeeignung. Dann ergab sich 2020 die Möglichkeit eines Quereinstiegs in die JVA-Seelsorge und ich habe die Chance genutzt. Im Jahr 2021 habe ich in der JVA Ossendorf, einer geschlossenen Anstalt für Frauen und Männer, angefangen. Seit September 2024 bin hier in der JVA Euskirchen, einer offenen Justizvollzugsanstalt für Männer. Das klingt kitschig, aber ich sehe das ein bisschen als Berufung und Fügung, denn ich habe bei diesem Praktikum sehr stark gemerkt, dass das einfach voll mein Ding ist. Also dass das Gefängnis wirklich mein Ort zum Arbeiten ist. Das kann ich gar nicht rational begründen. Manchmal merkt man, dass es einfach der richtige Ort ist für einen. Auf die Idee gekommen bin ich eigentlich nur, weil ich in Hör- und Sichtweite eines Gefängnisses aufgewachsen bin. Meine Mutter war dort Lehrerin. Der "Knast" gehörte bei uns irgendwie immer familiär dazu. Ich habe gesehen, dass das ein Ort ist, an dem man arbeiten kann und nicht nur, wo Leute hin gesperrt werden.

Frage: Gibt es einen Fall aus Ihrer Gefängnisseelsorge, der Sie berührt hat oder bei dem Sie das Gefühl hatten, dass Sie einem Menschen weiterhelfen konnten?

Gondolf: Allein schon die Situation, wenn jemand ein bisschen aufrechter aus meinem Büro rausgeht, als er reingegangen ist oder wenn ich merke, dass Menschen anfangen, sich dafür zu interessieren, was aus ihrem Leben wird – dann hat sich meine Arbeit schon gelohnt. Manchmal ist es so, dass Muster festgefahren sind und sich die Inhaftierten darin auch eingerichtet haben. Aber wenn sie dann doch an einen Punkt kommen, an dem sie etwas daran drehen möchten oder zum Beispiel wieder ein Gespräch geführt haben mit Eltern oder Ex-Partnern; dass Leute sich hier erleben als Menschen, die sich ihrer eigenen Würde bewusst sind – das spüre ich hier ganz oft im Alltag. Man merkt es ja, wie die Leute später mit einem umgehen, wenn man sie nochmal auf dem Gefängnishof trifft. Ich habe zum Beispiel auch Inhaftierte in Köln begleitet, die sich durchs Fachabitur gebissen haben. Das war gar nicht nur mein eigener Verdienst als Seelsorgerin, sondern da sind natürlich immer verschiedene Stellen beteiligt. Wir haben wunderbare Kollegen bei den Beamten, die mit viel Herzblut bei der Sache sind. Zu sehen, wie da manchmal die Dinge ineinandergreifen und etwas funktioniert, das ist schon cool.

Die Gefängnisseelsorgerin Maria Gondolf in der Kirche der JVA Euskirchen
Bild: © Teresa Kammerlander

Kraft schöpft die Gefängnisseelsorgerin in der Kirche der JVA Euskirchen.

Frage: Spüren Sie, dass Sie als Gefängnisseelsorgerin gebraucht werden und etwas bewirken können?

Gondolf: Ja. Es ist schön, dieses Gefühl zu haben, dass ich hier an der Stelle bin, wo ich auch gebraucht werde. Oder auch, dass ich an der Stelle bin, wo wir sein müssen als Kirche – auch unabhängig von mir, wo wir als Christen einfach zutiefst hingehören. Dafür müssen wir nur ins Evangelium schauen in die Gerichtsszene von Matthäus 25, wo Jesus die Schafe zu seiner Rechten und die Böcke zu seiner Linken versammelt und sagt: "Ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen." Das ist eine von diesen fest im Evangelium verbrieften Aufgaben von uns Christen, die Menschen in ihren menschlichen, sozialen und seelischen Abgründen nicht alleinzulassen. Dazu gehört das Gefängnis als Ort einfach ganz tief dazu. Und ich finde das toll, das hier leben zu können.

Frage: Sie haben erzählt, dass manche Inhaftierten nach einem Seelsorgegespräch ein bisschen aufrechter aus der Tür gehen. Wie ist das bei Ihnen, wie gehen Sie abends nach Hause?

Gondolf: Ich habe, glaube ich, ein gutes Händchen dafür, die Inhaftierten mit ihren Sorgen und Nöten auf der Arbeit zu lassen. Ich habe dafür auch Rituale, zum Beispiel eine Kerze mit Namen oder ich gehe noch mal in unsere Kirche auf dem JVA-Gelände am Ende des Arbeitstages. Es ist auch für die eigene Psychohygiene ganz wichtig, das auf der Arbeit zu lassen und vielleicht auch ein Stück weit einfach in Gottes Hände zurückzulegen. Es gibt natürlich trotzdem schwere Situationen, zum Beispiel wenn man Leuten eröffnen muss, dass ein Elternteil gestorben ist. Ich finde das tröstlich, dass ich ein religiöses Fundament habe, durch das ich sagen kann: "Gott, jetzt werfe ich dir das alles vor die Füße." Es gibt auch Sachen, die machen mich wütend oder traurig. Zum Beispiel, wenn jemand zum fünften Mal in den Knast kommt mit einer Drogengeschichte und es wieder nicht geschafft hat. Aber zu wissen, dass ich die Dinge bei jemandem lassen kann, der es einfach uneingeschränkt gut mit den Menschen meint, das ist schon tröstlich. Es hilft mir auch, denn ich kann auch nicht jeden Einzelnen hier retten. Das ist auch nicht meine Aufgabe.

Frage: Wo kann man Gott in der JVA finden?

Gondolf: Ich halte es da mit Teresa von Avila, die gesagt hat, dass man Gott überall finden kann, auch zwischen den Kochtöpfen. Religiosität spielt für viele Inhaftierte eine Rolle in dem Sinne, als dass sie sich im Gefängnis stärker hinterfragen oder auch stärker an Ritualen festhalten wie Gebetszeiten oder Fastenzeiten. Erstens haben sie mehr Zeit zum Nachdenken und zweitens stellt sich hier einfach die Sinnfrage. Jeder, der inhaftiert worden ist, stellt sich zu einem gewissen Zeitpunkt die Frage: "Glaube ich etwas? Was glaube ich? An wen glaube ich? Was ist der Glaube meiner Kindheit und was kann der mir jetzt noch geben?" Das kommt alles an die Oberfläche, ähnlich dem Satz "Not lehrt beten". Ich habe das Gefühl, dass Gott die Inhaftierten im übertragenen Sinne noch mehr in den Arm nimmt, weil sie ihn – oder sie – gerade mehr brauchen. Nach meinem Gottesbild agiert Gott auch als Mutter. Ich bin selbst Mutter und ich nehme mein Kind auch fester in den Arm, wenn mein Kind weint. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mein Kind unterschiedlich liebhabe, aber in dem Moment braucht mein Kind mehr spürbares Dasein. Genauso würde ich sagen, agiert Gott auch mütterlich oder elterlich und sagt: Jetzt nehme ich dich ein bisschen fester in den Arm.

Teresa Kammerlander