Das jüdisch-christliche Erbe habe der Welt Zivilisation, Freiheit und Glauben geschenkt, behauptete unlängst Benjamin Netanjahu in Washington vor evangelikalen Gruppen. Nicht nur Israels Ministerpräsident, auch andere Gruppen und Parteien in Europa und den Vereinigten Staaten beschwören seit etlichen Jahren ein gemeinsames jüdisch-christliches Erbe. Sind solche Äußerungen gutzuheißen, weil damit endlich auch der jüdische Einfluss auf die westliche Zivilisation gewürdigt wird, oder steckt mehr dahinter?
Tatsächlich funktioniert der Begriff als sogenannte dogwhistle (Hundepfeife), also codierte Aussage. Der Begriff wirkt harmlos oder sogar positiv, beinhaltet aber eine versteckte, oft politische Zusatzbotschaft. Wie eine Hundepfeife, deren Ton nur Hunde hören, ist die Botschaft für Uneingeweihte nicht sofort als schwierig zu erkennen.
Für die Vereinigten Staaten hat die US-amerikanische Religionshistorikerin K. Healan Gaston die Geschichte des Begriffes von den 1890er Jahren bis in die Gegenwart aufgearbeitet. Gaston argumentiert in ihrer Darstellung "Imagining Judeo-Christian America. Religion, Secularism, and the Redefinition of Democracy" (2019), dass der Rückgriff auf das jüdisch-christliche Erbe ursprünglich ein Projekt des amerikanischen Liberalismus war, der damit den Diskurs für nicht-protestantische Stimmen öffnen wollte.
Von der Inklusion zur Exklusion
Es gab laut Gaston "eine sich abzeichnende Überzeugung in Amerika, dass Demokratie den jüdisch-christlichen Glauben erfordere und dass andere Gruppen von Gläubigen, säkulare Juden und Nichtgläubige die Demokratie gefährdeten". Somit würde ein Rückgriff auf eine jüdisch-christliche Gesellschaft römisch-katholische und jüdische Menschen stärker einbeziehen und gleichzeitig als Bollwerk gegen nicht-theistische oder polytheistische Menschen dienen.
Der Kalte Krieg und die Präsidentschaft Ronald Reagans (1981-1989) verstärkten laut der Historikerin die Überzeugung, dass nur die Ressourcen der jüdisch-christlichen Tradition "die Bedeutung des Individuums und die Ordnung des Universums" zufriedenstellend erklären könnten. Zu diesem Zeitpunkt schien nach ihren Erkenntnissen der Wandel von einem liberalen Fokus auf Inklusion hin zu einem konservativen Fokus auf Exklusion vollzogen zu sein.
Der niederländische Politikwissenschaftler Cas Mudde hat in Interviews und Analysen im Umfeld seines Buches "The Far Right Today" (2019) darauf hingewiesen, dass sich viele europäische Rechtsaußenparteien – etwa FPÖ, Front National/Rassemblement National, Lega und Teile der AfD – heute öffentlich pro-israelisch und philosemitisch inszenieren.
In Europa hingegen war die Ergänzung vom christlichen zum jüdisch-christlichen Abendland zunächst eine späte, aber notwendige Anerkennung der jüdischen Wurzeln des Christentums, das den Kontinent über Jahrhunderte prägte. Die Einsicht erfolgte aber zu spät, veranlasst vor allem aus Reue über jahrhundertelange Gewalt und Diskriminierung gegen Juden in Europa.
Für Israel, gegen den Islam
Wie in den USA ist aber auch in Europa Exklusion das Schlüsselwort, um die Verwendung des Begriffes "jüdisch-christliches Abendland" in aktuellen Diskursen zu verstehen. Laut Gaston wird nicht mehr der Kommunismus, sondern zunehmend der Islam als Gegenbild konstruiert. Spätestens seit den PEGIDA-Protesten ab 2014 und dem Aufstieg rechtspopulistischer Parteien wie der AfD wird von diesen der Begriff "jüdisch-christliches Abendland" häufig als identitätspolitische Formel verwendet – als Versuch, Europa kulturell gegenüber dem Islam abzugrenzen.
Der niederländische Politikwissenschaftler Cas Mudde hat in Interviews und Analysen im Umfeld seines Buches "The Far Right Today" (2019) darauf hingewiesen, dass sich viele europäische Rechtsaußenparteien – etwa FPÖ, Front National/Rassemblement National, Lega und Teile der AfD – heute öffentlich pro-israelisch und philosemitisch inszenieren. Dabei stammten diese Parteien meist aus Milieus mit antisemitischen Traditionen. Mudde beschreibt dies als einen "pro-Israel-turn", der sich vor allem gegen Muslime richte.
Dabei spielen Redner und Autoren oft an auf jahrhundertealte Konflikte und Kriege zwischen europäisch-christlichen und arabisch-osmanisch-islamisch geprägten Völkern und Kulturen. Gerne heranzgezogen werden als historisches Beispiel die Belagerung Wiens 1683 durch die Osmanen, die Reconquista in Spanien bis 1492 oder die Schlacht bei Tours und Poitiers. Ausgeblendet oder geleugnet werden jahrhundertelange wirtschaftliche Verflechtungen sowie gegenseitige kulturelle Bereicherungen.
Eine fast 2.000-jährige Gewaltbeziehung
Gleichzeitig blendet, wie bereits erwähnt, die Beschwörung des jüdisch-christlichen Abendlandes eine sehr lange Gewaltgeschichte aus gegen die jüdische Minderheit in Europa, die im Holocaust des 20. Jahrhunderts ihren Tiefpunkt fand. Andreas Benk, pensionierter Professor für Katholische Theologie am Ökumenischen Institut für Theologie und Religionspädagogik der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, hat vor zwei Jahren den Antijudaismus der Kirchen in einem Beitrag für das Portal katholisch.de zusammengefasst. Sein Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift "Bibel und Kirche" (Ausgabe 2/2024).
Judenfeindliche Polemik ziehe sich durch die Kirchengeschichte, stellte Andreas Benk fest. Es blieb nicht bei Schmähungen, so der pensionierte Professor für Katholische Theologie am Ökumenischen Institut für Theologie und Religionspädagogik.
Judenfeindliche Polemik ziehe sich durch die Kirchengeschichte, stellte er fest. Es blieb nicht bei Schmähungen, so führt Benk aus. Ab der Konstantinischen Wende (ab 313 n.Chr. bis 380) seien Jüdinnen und Juden einer Fülle von diskriminierenden kirchenrechtlichen Bestimmungen unterworfen worden, die zum Teil bis weit in die Neuzeit Bestand hatten.
Außerdem war christlicher Judenhass der Nährboden für Gewaltexzesse und Pogrome, sagt Benk. Bis in die Gegenwart werde christliche Judenfeindlichkeit als nur religiös bedingter Antijudaismus verharmlost und so versucht, diesen in Distanz zum rassistischen Antisemitismus zu bringen, erklärt der Theologe. Doch christlicher Judenhass habe sich nahtlos mit dem Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden rassistischen Antisemitismus verbunden. Dieser Antisemitismus führte dann im Nationalsozialismus zum Holocaust, dem insgesamt sechs Millionen Juden und Jüdinnen zum Opfer fielen.
Neue Sicht auf das christlich-jüdische Verhältnis
In der katholischen Kirche änderte sich das Verhältnis zum Judentum grundsätzlich erst in den 1960er Jahren mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Als Meilenstein gilt dessen Erklärung "Nostra aetate", die das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, insbesondere zum Judentum, beschreibt. Seitdem haben Antijudaismus und Antisemitismus offiziellkeinen Platz mehr in der katholischen Kirche.
Wenn also Benjamin Netanjahu und andere ein jüdisch-christliches Erbe beschwören, klingt das zunächst ansprechend. Auch der Begriff des "jüdisch-christlichen Abendlandes" wirkt positiv und anschlussfähig. Wachsamkeit und Kritik verlangt er jedoch, wenn er zum antiislamischen Kampfbegriff wird oder schönfärberisch ausblendet, wie viel Gewalt von Seiten der Christen gegenüber dem Judentum ausgeübt wurde.