Jahrzehntelang hat er als Katholik in der DDR erfahren, wie ein autoritäres Regime Menschen unfrei macht. Dass nun in Sachsen-Anhalt, wo sein Bistum Magdeburg liegt, mit der der AfD eine vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik in Regierungsverantwortung kommen könnte, erfüllt Bischof Gerhard Feige mit großer Sorge. Vor der Landtagswahl am 6. September kritisiert er immer wieder in klaren Worten die menschen-, demokratie- und kirchenfeindliche Haltung der AfD. Im Interview appelliert er an Bürgerinnen und Bürger, ihre mühsam erkämpfte Freiheit nicht leichtfertig an der Wahlurne zu verspielen.
Frage: Sie haben sich jetzt vor der Landtagswahl mit der Initiative "BEWUSST WÄHLEN" eingebacht. Was passiert da genau?
Feige: Zunächst haben wir eine Landespressekonferenz im Landtag veranstaltet. Damit sind wir in die Öffentlichkeit gegangen. Das Thema hat sich in der Bundesrepublik und darüber hinaus verbreitet. Es wird wahrgenommen und es ist vielfältig. Es gibt Fahnen, die daran erinnern, es gibt Flyer, es gibt Anregungen für Gespräche. Die KEB (Anm. d. Red.: Katholische Erwachsenenbildung) ist mit einbezogen.
Wir haben uns überhaupt im katholischen Bereich vernetzt, auch mit unserer Schulstiftung, mit dem Caritasverband, mit der katholischen Erwachsenenbildung und so weiter. Wir versuchen, dieses Thema ins Bewusstsein zu rufen und zu multiplizieren, sodass es in den Gemeinden und unseren Einrichtungen aufgegriffen wird. Ich bekomme so viel Resonanz, dass ich merke, dass es gezündet hat. Da ist etwas in Bewegung geraten.
Frage: Wenn Sie eben von Resonanz sprechen: Welche Leute erreichen Sie da oder welche wollen Sie erreichen? Katholiken, Christen darüber hinaus?
Feige: Es richtet sich zunächst einmal an die Mitglieder unserer Gemeinden und die Mitarbeitenden in unseren Einrichtungen. Darunter ist ein Großteil nicht katholisch und nicht evangelisch. Das heißt, ihnen soll bewusst gemacht werden, was da auf uns zukommt. Denn es betrifft auch unsere kirchlichen Einrichtungen.
Ich merke, dass in der Gesellschaft Reaktionen kommen. Man nimmt das wahr. Es richtet sich aber an die Bevölkerung insgesamt – an alle Menschen guten Willens.
Dann muss man ganz nüchtern sehen: AfD-Wähler, die bewusst dazu stehen, werden sich davon nicht beeindrucken lassen. Aber diejenigen, die anderer Meinung sind, werden dadurch gestärkt. Manche danken mir für die klaren Worte und geben das dann weiter. Wir erreichen evangelische wie katholische Menschen und manche, die noch schwanken, sodass deren Gewissen davon eventuell angesprochen wird.
Frage: Wenn um die 40 Prozent der Leute darüber nachdenken, die AfD zu wählen, heißt das, dass auch in den Gemeinden diese Leute sein müssen. Sagen die das offen oder halten diese sich eher bedeckt?
Feige: Wenn ich beispielsweise bei Visitationen unterwegs bin, schneide ich das Thema immer wieder an. Die, mit denen ich zusammenkomme, sind auch der Meinung, die ich vertrete. Mit den anderen gibt es kaum einen Kontakt und das ist vielleicht auch ein Problem.
Die Meinungsverschiedenheiten gehen durch die Familien, durch Freundeskreise und durch Nachbarschaften hindurch. Um den Zusammenhalt nicht zu gefährden, sprechen viele nicht mehr darüber. Das Thema wird dann ausgeklammert. So eine Erfahrung mache ich auch.
Wenn Sie katholische Christen fragen würden, kennen die kaum jemanden, der offen darüber redet. Das Einzige ist, dass ich manchmal Mails von AfD-Sympathisanten oder AfD-Wählern bekomme. Entweder anonym, mit Pseudonym oder mit Klarnamen. Bei manchen, die noch einigermaßen sachlich sind, versuche ich, etwas zu entgegnen und zu antworten, manchmal auch sehr ausführlich. Aber die Reaktionen, die dann kommen, zeigen mir, dass da bei vielen kaum etwas zu bewegen ist.
Zur Landtagswahl hat das Bistum Magdeburg die Kampagne "Bewusst wählen" gestartet. "Wir versuchen, dieses Thema ins Bewusstsein zu rufen und zu multiplizieren, sodass es in den Gemeinden und unseren Einrichtungen aufgegriffen wird", sagt Bischof Gerhard Feige. "Ich bekomme so viel Resonanz, dass ich merke, dass es gezündet hat. Da ist etwas in Bewegung geraten."
Frage: Es heißt ja immer wieder, dass man die AfD inhaltlich stellen muss. Wie geht das überhaupt, wenn sich offenbar so viele nach einfachen Antworten, einem klaren "Ja" und "Nein" und nach starken Männern sehnen? Was tun, wenn man mit Argumenten nicht weiterkommt?
Feige: Das ist das große Problem, dass es weitgehend von Stimmung abhängt und Argumente nicht zählen. Mottos auf Wahlplakaten machen das deutlich: Ein riesengroßes Plakat hat beispielsweise die Unterschrift: "Er hat einen Plan." Was will man da mit Argumenten sagen?
Ich werde da eher an die Olsenbande (Anm. d. Red.: eine Filmreihe dänischer Gaunerkomödien) erinnert. Egon Olsen hatte auch immer einen Plan und landete im Chaos. Weitere Plakate schreiben: "Alles ist möglich" oder "Alles wird gut". Da werden paradiesische Verhältnisse versprochen, als ob es keinerlei Probleme gäbe, die man eventuell noch gar nicht lösen kann. Wie will man dagegen antworten? Wir können nur unsere Position immer wieder deutlich machen, Schwachstellen verdeutlichen und klar machen, wo es um Menschenfeindlichkeit geht.
Frage: Der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, war ursprünglich katholisch, ist aber vor längerer Zeit ausgetreten. Vor seinem Austritt hatte er Sie um ein Gespräch von Katholik zu Katholik gebeten. Wie haben Sie ihn da erlebt, was ist das für ein Typ?
Feige: Das war damals hier in der Büroetage. 2015 oder 2016 als gerade der große Flüchtlingsandrang war. Damals war die AfD noch dabei, ihr Grundsatzprogramm zu entwickeln. Ich kann mich nicht mehr an Details erinnern. Aber ich glaube, es ging damals um die Flüchtlingsfrage und wie die Kirche darauf reagiert und eingestellt ist und wie er das sieht. Ich weiß nur, dass unsere Positionen schon damals nicht verträglich waren. Wie er damals gewirkt hat, kann ich nicht mehr sagen. Sigmund ist 1990 geboren und ich habe ihn sehr wahrscheinlich gefirmt.
Wenn ich aber heutzutage in die Medien schaue und Beiträge wie die Bürgerdialoge sehe, dann wird er als smarter Schwiegermutter-Typ beschrieben. Er ist das freundliche Gesicht der AfD. Er strahlt, er lobt die Leute und er versucht, über Attraktivität etwas zu erreichen.
Wir leben in einem Rechtsstaat, keinem Schurkenstaat. Ich hoffe, dass das weiterhin so bleibt.
— Bischof Gerhard Feige
Frage: Nicht so freundlich kommt AfD-Landtagsabgeordneter Hans-Thomas Tillschneider daher. Einer der wichtigen Köpfe der AfD in Sachsen-Anhalt. Er gilt als besonders radikal. Was ist das für einer?
Feige: Er ist 1978 in Rumänien geboren. Er ist also ein Rumäniendeutscher – eigentlich mit Migrationshintergrund. Die Nationalsozialisten jedoch haben damals von "Volksdeutschen" gesprochen. Das ist eine eigene Mentalität. Die haben wahrscheinlich ihre Vorstellung von Deutschsein aus den letzten zwei Jahrhunderten.
Tillschneider ist in Baden-Württemberg aufgewachsen, hat promoviert und sich über den Islam habilitiert. Er gilt als einer der größten Islam-Hasser. Er wird von den Medien als rechtsextremistischer Weltanschauungsfundamentalist bezeichnet und tritt entsprechend aggressiv auf. Er ist sicher intellektuell versiert, aber eben in dieser Weise.
Frage: Sie nehmen in Ihrer Kritik kein Blatt vor den Mund. Müssen Sie nicht Sorge haben, falls die AfD an die Macht kommt, dass die auch gegen Sie persönlich vorgehen könnten?
Feige: Wir leben in einem Rechtsstaat, keinem Schurkenstaat. Ich hoffe, dass das weiterhin so bleibt. Sachsen-Anhalt ist ein Bundesland unter vielen. Die Bundesrepublik ist der weitere Rahmen.
Frage: Ich stelle mir vor, dass es ziemlich viel Kraft und Mut kostet, sich in so einer schwierigen Situation immer klar und pointiert zu positionieren. Woher nehmen Sie die Kraft und den Mut?
Feige: Auf jeden Fall habe ich zu DDR-Zeiten bewusst oder unbewusst gelernt, Haltung zu zeigen und das zu vertreten, wovon ich überzeugt bin.
Frage: Ihr Wahlspruch als Bischof lautet: "Wachet und betet". Wofür beten Sie, wenn Sie an die anstehende Landtagswahl und die Zukunft ihres Bundeslandes denken?
Feige: Dass der Kelch möglichst an uns vorübergeht, dass Sachsen-Anhalt tolerant, menschenfreundlich und weltoffen bleibt.