Für den früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) war der Mauerbau am 13. August 1961 ein einschneidendes Erlebnis. "Mein Bruder und ich waren mit meinem Vater an der Ostsee. Dort haben wir die beunruhigenden Nachrichten im Radio gehört. Wir sind dann damals schnell wieder nach Hause gefahren", sagte Thierse, der als Kind in Thüringen wohnte, am Donnerstag in einem "Tagespost"-Interview. "Es herrschte eine furchtbare Stimmung. Eingesperrt zu sein, Sie können sich vorstellen, was das für einen 17-Jährigen bedeutet."
Als überzeugter Christ in der DDR habe er stets versucht, seinen religiösen Überzeugungen zu folgen. Gleichzeitig habe er aber auch unausweichliche Kompromisse eingehen müssen. "Ohne die war es nämlich nicht möglich, in so einer weltanschaulichen Erziehungsdiktatur zu überleben." Das sei auch schon vor dem Mauerbau so gewesen, danach aber noch stärker. "Diese Erfahrung hat die Katholiken in der DDR geprägt, im Guten wie im Schlechten."
Noch heute sei für ostdeutsche Katholiken die Minderheitserfahrung bestimmend. "Nichts ist selbstverständlich. Alles ist eine bewusste Entscheidung. Und für seine Entscheidung muss man Gründe anführen können. Sich selbst, aber auch den anderen gegenüber."
Thierse warnt vor AfD
Thierse beklagt zudem eine schwindende Erinnerungskultur an die Opfer des SED-Regimes. "Ich fürchte, dass vieles vergessen worden ist. Anders lässt sich nicht erklären, wer in Ostdeutschland AfD wählt. Diese Partei sagt ja ganz offen, dass sie das gute Alte wiederhaben wolle. Wollen die wirklich diese DDR zurück?", fragt er.
"Wir leben in einer Zeit dramatischer Umbrüche. Das führt bei den Menschen zu einer Sehnsucht nach einfachen Antworten und zu der Versuchung des Populismus", so Thierse. "Die AfD zeichnet ein illusionäres Bild von der Vergangenheit als Zukunft. Wir haben eine gefährliche Situation: Menschen lassen sich in ihren Zukunftsängsten verführen." (KNA)