Während Menschen bei der Hitze vor allem schwitzen, dehnt sich Metall aus. Das kennt man von Brücken oder auch vom Eiffelturm, der im Sommer bis zu 30 Zentimeter größer ist als im Winter. In Kirchen hängen oft tonnenschwere Glocken aus Metall, die auch von den Sommertemperaturen beeinflusst werden. Der freiberufliche Glockensachverständige und Begründer der Glockenbörse Sebastian Wamsiedler erklärt im katholisch.de-Interview, was hohe Temperaturen mit den schweren Instrumenten machen.
Frage: Herr Wamsiedler, in den letzten Wochen gab es mehrfach tagelange Hitzeperioden mit Temperaturen über 35 Grad. Was machen solche Temperaturen mit Kirchenglocken?
Wamsiedler: Temperaturschwankungen haben auf Instrumente immer eine Auswirkung. Das kennt man vielleicht von Gitarren, Flügeln oder Streichinstrumenten. Da ist die Frage berechtigt: Passiert das auch bei Kirchenglocken? Wenn Sie in den letzten Tagen genau hingehört haben, haben Sie vielleicht bemerkt: So richtig schräg klingt das nicht. Eine Glocke ist ein Riesenhaufen aus Metall, der sich natürlich mit den Temperaturen verändert. Aber Einfluss auf den Ton hat das nur sehr wenig. Wenn wir als Glockensachverständige mit Stimmgabeln oder elektronischen Messgeräten den Ton bestimmen, dann fallen uns diese Abweichungen im Mikrotonbereich auf. Aber für das rein akustische Hören macht das kaum einen Unterschied.
Frage: Wie bemerkt man denn dann die Auswirkungen?
Wamsiedler: Eine Glocke besteht ja nicht nur aus dem Klangkörper. Dazu kommen der Klöppel, der die Glocke anschlägt, das Joch, an dem die Glocke aufgehängt ist, und der Glockenturm, an dem die ganze Technik hängt. Je nach Baumaterial kann es da schon mal kritisch werden, wenn es große Wetterumschwünge oder lange Hitzeperioden gibt. Glockenstühle bestehen oft aus Holz. Wenn es lange heiß ist, dann trocknet das Holz sehr stark aus und schrumpft. Einzelne Holzverbindungen im Glockenstuhl können dadurch lose werden. Im schlimmsten Fall so sehr, dass sich Verbindungen sogar lösen. Das ist schon kritisch, wenn daran eine zwei oder drei Tonnen schwere Glocke hängt.
Sebastian Wamsiedler ist begeisterter Glockensachverständiger.
Frage: Und was macht man dann?
Wamsiedler: Manchmal gibt es Lösungen für den Übergang. Wenn man den Turm aber nicht sichern kann, muss man abwarten, bis das Holz wieder feuchter wird und sich ausdehnt. In diesem Fall kann es tatsächlich vorkommen, dass Glockenanlagen wegen der Hitze stillgelegt werden müssen.
Frage: In der Kirche St. Walburga in Beilngries (Landkreis Eichstätt) konnte das Geläut während der aktuellen Hitzewelle zeitweise nicht genutzt werden. Ist das ein Einzelfall oder etwas, das in Zeiten der Klimakrise häufiger auftreten wird?
Wamsiedler: Es ist zwar kein Einzelfall, aber auch nicht die Regel. Solche Hitzesommer wie dieses Jahr haben aber natürlich einen Einfluss darauf. Es hängt aber auch davon ab, ob Glockentürme aus Holz oder aus Stahl gebaut wurden.
Frage: Was heißt das jetzt für Kirchengemeinden?
Wamsiedler: Ich empfehle, auch bei diesen Hitzetagen mal öfter auf den Glockenturm zu steigen. Auch wenn das bei der Hitze meist nicht sehr angenehm ist. Es lohnt sich, zu überprüfen, ob mit den Glockenanlagen alles in Ordnung ist. Wenn sich ein Bauteil gelöst hat, kann das gefährlich werden. In solchen Fällen sollte man die Glocke lieber abschalten.
Frage: Kann man Glocken und ihre Läutanlagen vor großer Hitze schützen?
Wamsiedler: Da habe ich mir ehrlich gesagt noch nicht wirklich Gedanken drum gemacht. Aber ich glaube nicht, dass sich durch die Hitze ein flächendeckendes Problem für die Glocken entwickeln wird. Klanglich halten die großen Instrumente die Temperaturen aus und technisch sind nur einige Anlagen von der Hitze so betroffen, dass es ein Sicherheitsrisiko gibt.