Nikolai Losev liegt lang in der Kirche. Seine Stirn und die Hände berühren den Kirchboden. Es ist der Moment, auf den er so lange hingearbeitet hat. Noch vor einigen Jahren hat er es selbst nicht für möglich gehalten, dass aus ihm jemals ein katholischer Priester wird. Denn in seinem Heimatland und in seiner Familie hat der Katholizismus keine Rolle spielt.
"Achtzig Jahre staatlich verordnete Gottlosigkeit" – das habe sein Aufwachsen in Russland geprägt, erzählt er. Seine Eltern hatten keinen Bezug zur Kirche. Religion war in ihrer Erziehung unerheblich. Der 35-Jährige wird Anfang der 1990er Jahre dennoch orthodox getauft. Warum, das weiß er bis heute nicht. Mittlerweile sind seine Eltern verstorben. Losev glaubt, dass hinter dieser Entscheidung kein tiefer liegende Gedanke lag. Wiedereröffnete Kirchen waren nach dem Zerfall der Sowjetunion ein Symbol der neuen Freiheit. "Viele ließen ihr Kinder taufen, einfach deshalb, weil es nun möglich war", sagt Losev.
In seiner Familie spielt der Bezug zum Christentum dennoch keine Rolle. Nur seine Großmutter zeigt ihm einige orthodoxe Bräuche, Traditionen, Feste, die in der Familie existieren. "Ihr Glaube war sehr mit Volkstum vermischt", sagt er. Als er ungefähr 10 Jahre alt ist, bekommt Losev von seiner Musiklehrerin ein christliches Gebetsbuch geschenkt. Damit fängt er an zu beten – heimlich. Ihm ist es peinlich, sich betend vor seinen Eltern zu zeigen. Irgendwie habe er sich dennoch dazu hingezogen gefühlt, sagt er.
Familie oder die Kirche?
Wann sein Interesse für die katholische Kirche anfängt, kann Losev ganz genau benennen: vor dem Fernseher während der Beisetzung von Papst Johannes Paul II. Der Anblick macht etwas mit ihm. "Es fühlte sich so an, als wäre mein eigener Großvater verstorben", sagt er. Seine Eltern seien völlig ratlos gewesen, warum dieses ferne TV-Event ihren Sohn so emotional mitnimmt. Von da an beginnt der 14-Jährige, sich einzulesen in alles, was mit der katholischen Kirche zu tun hat. "Zum Glück war das die Zeit, in der sich das Internet immer weiterverbreitete", schaut er zurück. Die Liturgie und die Unterschiede zur orthodoxen Kirche faszinieren ihn.
Also nimmt er Kontakt zu einer der wenigen katholischen Kirchengemeinden in seinem Heimatland auf. In der großen und vor allem internationalen katholischen Gemeinde in seiner Studienstadt Moskau findet er seine religiöse Heimat. Er macht einen Glaubens-Kurs und findet heraus, wie er in die lateinische Kirche wechseln kann. Seinen Eltern erzählt er davon nichts. Für sie ist er der ambitionierte Psychologiestudent. Doch Losev treibt da schon eine Frage rum: Könnte der Beruf des Priesters zu mir passen?
Irgendwann stoßen seine Eltern in den sozialen Medien zufällig auf ein Foto von Losev im Altarraum seiner Kirche. "Danach begann eine sehr schwierige Zeit in unserer Beziehung", sagt Losev. Seine Eltern können seine Nähe zur Kirche nicht nachvollziehen. Sie verstehen nicht, was mit ihm geschieht. Irgendwann setzen sie ihn schließlich vor die Wahl: "Entweder die Familie oder diese ihnen unbekannte Kirche", so Losev. Er zieht von zuhause aus und muss nun sein Studium und eine Wohnung selbst finanzieren. Arbeit findet er im Veranstaltungsmanagement. Einer Arbeit, bei der er ständig von lauter Musik, Alkohol und ausgelassener Stimmung umgeben ist. Dabei verspürt er eine starke Sehnsucht. "Bei all dem vergänglichen um mich herum suchte ich nach etwas Beständigem – und das fand ich in Gott", sagt er.
Nikolai Losev wurde 1991 in Russland geboren.
Irgendwann wird die Frage nach seiner Berufung immer größer. Gerade seine Eltern können nicht nachvollziehen, warum er katholischer Priester werden will. Sie wollen eine weltliche Karriere für ihren gut ausgebildeten Sohn. Die Entscheidung für den Zölibat können sie nicht nachvollziehen. Wie viele Eltern hätten sie gehofft, dass Losev einmal eine eigene Familie haben würde und sie Enkelkinder bekommen würden, erklärt er. Der Konflikt nimmt ihn mit. Doch gerade in den Momenten, in denen er als Ministrant im Altarraum steht, hat er das Gefühl: Genau da gehört er hin.
Direkt nach seinem Studienabschluss nimmt er Kontakt zu einem Bischof auf und beginnt ein propädeutisches Jahr in Novosibirsk. Nach einigen Monaten bricht Losev aber ab. Ihm geht es zu dieser Zeit gesundheitlich nicht gut. Sein Bischof sagt ihm, er brauche noch mehr Zeit, um reifer zu werden und Lebenserfahrung zu sammeln. Also geht Losev zurück nach Moskau – etwas enttäuscht, aber nicht entmutig. In seinem Glaubensleben habe er schließlich immer wieder Phasen gehabt, in denen er stärker am Glauben gezweifelt habe. Auch trotz der Rückschläge ist die Kirche weiterhin der Ort, zu dem er sich hingezogen fühlt.
Losev ist sich sicher, dass die Kirche in Russland ihm nicht so schnell erneut einen Platz im Priesterseminar anbieten werde – deswegen kommt ihm die Idee, sich im Ausland ausbilden zu lassen. Doch die Suche nach einem Platz erweist sich als schwierig. "Ganz gleich, an wen und in welchem Land ich mich wandte, die Situation war fast immer dieselbe: Überall brauchte man bereits ’fertige’ Priester". Einen unbekannten Kandidaten aufzunehmen und Zeit und Geld in dessen Ausbildung zu stecken, das konnten sich viele Bistümer in Frankreich oder Italien nicht vorstellen.
"Nikolai, die Kirche braucht Priester"
Über einen deutschen Priester, der viele Kontakte in die katholische Kirche in Russland hat, entsteht eine entscheidende Verbindung. Der Beliner Michael Theuerl lädt Losev nach Deutschland ein und sagt zu ihm: "Nikolai, die Kirche braucht Priester", erinnert er sich. Der damals 22-Jährige folgt seiner Einladung und will erstmal einen Monat in Berlin verbringen. Wirkliche Chancen, dass es dort mit dem Priesterseminar klappen könnte, macht sich Losev aber nicht. Er hat das Gefühl, das Land passe nicht zu ihm und nimmt das Angebot des Priesters nicht besonders ernst. "Doch die Reise war dann der Beginn eines ganz neuen Lebensabschnitts", schaut Losev zurück.
Durch eine Bekannte im Bistum Eichstätt verschlägt es Losev in den Südosten des Landes. Schon nach wenigen Tagen in Deutschland hat er ein Gespräch mit dem Regens des Priesterseminars und dem Bischof – auf Englisch, weil er noch kein Wort Deutsch spricht. Gregor Maria Hanke gibt ihm im Gespräch ein gutes Gefühl. "Er sagte zu mir, dass es egal sei, ob ich nach der Ausbildung nach Russland gehe oder hierbleibe. Entscheidend sei, dass die Kirche einen Priester mehr bekomme", erinnert er sich. Von diesem Vertrauensvorschuss sei er tief berührt gewesen und beginnt seiner Berufung im Bistum Eichstätt nachzugehen – rund 2000 km entfernt von seiner Heimat.
Die Kirche in Deutschland soll nicht als Behörde wahrgenommen werden, sondern als Quelle des Glaubens und der Hoffnung.
— Nikolai Losev
Losev beginnt Deutsch zu lernen, besucht den propädeutischen Kurs im Bamberger Priesterseminar. Dann folgt das Theologiestudium in Eichstätt, ein Uniwechsel nach Heiligenkreuz in Österreich. Insgesamt sind das zehn Jahre Büffeln, Dranbleiben und immer weiter Durchziehen. "Es war eine Zeit des Lernens, des Erwachsenwerdens und des langsamen Reifen für das Priestertum“, sagt Losev. Heute ist er stolz, dass er dieses Studium in einer Fremdsprache geschafft habe und scherzt: "Vermutlich wollte der Herr mich wirklich gern zu seinem Priester machen". Auch seine Eltern akzeptieren seinen Lebensweg nach und nach. An ihrem Lebensende seien sie sogar stolz gewesen, dass ihr Sohn Priester wird – und das auch noch in Deutschland.
Im April dieses Jahres wird Losev schließlich zum Preister geweiht. Im Bistum Eichstätt möchte er authentisch und ehrlich bleiben. Ihm ist es wichtig, den jahrhundertealten Traditionen der Kirche treu zu bleiben. "Ich will bei den Menschen sein, mit ihnen beten und die Sakramente feiern", sagt Losev. Beim Blick auf die Kirche in Deutschland verweist er auf ein Interview vom Mainzer Weihbischof Joshy Gerorge Pottackal. Er stammt aus Indien und sagt, dass der Kirche in Deutschland mehr Flexibilität und eine geringere Bindung an Protokolle guttun könnte. Auch Losev habe das Gefühl, dass sich die Kirche in Deutschland zu oft in Bürokratie verliere. Bei all den Räten, Kommissionen und Arbeitsgruppen verliere man viel Kraft und Zeit für die eigentliche Seelsorge. "Die Kirche in Deutschland soll nicht als Behörde wahrgenommen werden, sondern als Quelle des Glaubens und der Hoffnung", so Losev.
Nach mittlerweile 13 Jahren ist Deutschland sein Zuhause geworden. Gerade durch den Krieg in der Ukraine sind viele Beziehungen zwischen Russland und Europa gekappt. Sein Heimatland ist ihm mittlerweile viel ferner als noch vor einigen Jahren. "Ich träume davon, dass die Menschen in Europa und Russland eines Tages wieder zu einem echten Dialog zurückfinden", sagt er. Bald steht für ihn ein Urlaub in der Heimat an, auf den er sich schon besonders freut. In seiner Heimatgemeinde wird er seine Nachprimiz feiern, die gleichzeitig auch seine erste Messe auf Russisch sein wird. "Dorthin nicht mehr als Nikolai, sondern als Vater Nikolai zurückzukehren, wird für mich ein sehr bewegender Moment sein."