Andreas Tschurn kandidiert für die Linke – Wahlkampf mit Bibelwort

Warum ein Pfarrer zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt antritt

Pfarrer Andreas Tschurn am 1. August 2026 in Naumburg.
Bild: Karin Wollschläger/KNA

"Es fühlt sich für mich einfach genau richtig an, das jetzt zu machen", sagt Pfarrer Andreas Tschurn. "Ich habe das Gefühl, dass unser Land Sachsen-Anhalt wirklich in Gefahr ist, vor allem durch die Rechten." Der 41-Jährige steht beim Christoper Street Day (CSD) in Naumburg am Wahlkampfstand der Linken. Für die Partei tritt der evangelische Geistliche bei der Landtagswahl am 6. September in Sachsen-Anhalt an, allerdings als parteiloser Kandidat. "Es ist ein Stück Freiheit, das ich mir erhalten möchte ich möchte mich als Pfarrer nicht an eine Partei binden."

Tschurn trägt ein schwarzes T-Shirt und darüber eine schwarze Biker-Weste mit Aufnähern wie "LIBERTÉ, ÉGALITÉ, FCKAFD" oder "Alle zusammen gegen den Faschismus." Programmatisch, inhaltlich sei er voll auf der Linie der Linken, sagt Tschurn. "Das, was die Linken am Ende wollen, was sie als Konsequenzen fordern, das deckt sich ganz viel mit dem, was ich mir vorstelle, wie die Gesellschaft sein sollte. Der größte Unterschied ist: Wir leiten es verschieden her."

Wahlwerbung mit Bibelzitat

Das zeigt sich auch auf Tschurns Wahlkampf-Postkarten. Die Beschreibung, wofür er sich einsetzen will, beginnt mit einem Jesus-Wort aus der Bibel: "Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden." Dann folgen Forderungen nach besserer sozialer Infrastruktur im ländlichen Raum, gutem Nahverkehr, medizinischer Versorgung, Schulsozialarbeit, kostenfreiem Schulessen, fairen Löhne und Tarifbindung.

Zum Linken-Stand in Naumburg ist Tschurn an diesem Nachmittag aus Solidarität gekommen. Er selbst kandidiert im Nachbarwahlkreis Querfurt: "Ich habe mir diesen Wahlkreis ganz bewusst ausgesucht, weil dort der schlimmste Hetzer der AfD antritt: Hans-Thomas Tillschneider. Ihm möchte ich ganz gezielt widersprechen."

Gegenkandidat zu AfD-Scharfmacher Tillschneider

Tillschneider ist Vize-Landesvorsitzender und quasi der "Chefideologe" der gesichert rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt. Der promovierte Islamwissenschaftler gehört zum extremen Björn-Höcke-Lager seiner Partei. Er ruft regelmäßig zum Kirchenaustritt auf und überzieht Kirchen und Bischöfe immer wieder mit übelster Polemik. Er zeichnet auch verantwortlich für das extrem kirchenfeindliche Landtagswahlprogramm, in dem zudem mit großer Selbstverständlichkeit eine migrationspolitische Kehrtwende und Remigration gefordert werden.

"Ich werde ihm entgegenfeuern, dass er nicht so tun kann, als ob er das christliche Abendland rette", sagt Tschurn entschlossen. "Vom Evangelium haben wir ganz klar einen Auftrag, uns um Geflüchtete zu kümmern und sie aufzunehmen." Als Pfarrer habe er auch schon mehrere Kirchenasyle die die AfD abschaffen will in seiner Gemeinde begleitet. Er wolle alles in seiner Macht Stehende tun, so Tschurn, damit die AfD, die in Umfragen stabil bei 41 Prozent steht, nicht die Regierung in Sachsen-Anhalt übernimmt. "Meine Kandidatur scheint mir dafür der beste Weg und ein starkes Zeichen: nicht nur meckern, sondern machen!"

Postkarten von Pfarrer Andreas Tschurn
Bild: © Karin Wollschläger/KNA (Archivbild)

Postkarten von Pfarrer Andreas Tschurn, der als Parteiloser für die Linke bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt antritt, als Wahlwerbung am Wahlkampfstand in Naumburg, am 1. August 2026.

Das lässt sich Tschurn auch etwas kosten: Für den zwei Monate dauernden Wahlkampf ist er von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland vom Dienst freigestellt, bekommt aber kein Gehalt in dieser Zeit. Nach der Wahl am 6. September kehrt er wieder als Pfarrer in seine Gemeinde in Leuna, gut 40 Kilometer von Querfurt entfernt, zurück, wo er mit seiner Frau und den beiden Kindern im Pfarrhaus wohnt.

Denn: Tschurn hat keinen Listenplatz. Er kann nur in den Landtag einziehen, wenn er das Direktmandat holt. Doch das ist sehr unwahrscheinlich. Bei der Landtagswahl 2021 ging das Direktmandat mit 35 Prozent der Erststimmen an CDU-Frau Eva Feußner, die auch jetzt wieder antritt deutlich vor Tillschneider mit 28,5 Prozent auf dem zweiten Platz.

Widerspruch: Kirche und Linke?

Am Wahlkampfstand fragt eine ältere Frau verwundert nach, als sich herausstellt, dass Tschurn Pfarrer ist. "Viele denken immer noch, dass Linkspartei und Kirche ein Widerspruch sind. Aber das hat sich überholt. Die alte Kirchenfeindschaft ist Vergangenheit", sagt er und verweist auf den früheren Thüringer Ministerpräsidenten und bekennenden Christen Bodo Ramelow als Gewährsmann. Gefragt nach den antisemitischen Strömungen in der Linkspartei wiegelt Tschurn ab: "Das ist nicht die Parteilinie. Und hier im Osten habe ich das auch noch nicht erlebt." Er nehme die Linke als eine Partei wahr, die sehr viel intern diskutiere, sehr viele Stimmen zulasse "und das geht manchmal bis zur Schmerzgrenze".

Wie seine Pfarrgemeinde reagiert habe, als sie von seiner Kandidatur gehört habe? "Mein allgemeines politisches Engagement für Demokratie kennen viele, auch dass ich auf Demos gern mal das Mikro in die Hand nehme. Dass es jetzt für eine Partei ist da gab es dann doch ein Aufhorchen", berichtet Tschurn. "Aber im Prinzip ist es ja mein eigener Weg. Die Gemeinde begleitet mich nicht im großen Stil dabei, sondern wie alle Pfarrgemeinden haben wir gerade intern ganz eigene Probleme, die unglaublich viele Ressourcen binden." Diesen Herausforderungen widmet sich Tschurn dann wieder nach der Wahl.

Karin Wollschläger (KNA)