In unserer Kultur ist es wichtig, Meinungen zu haben, im gesellschaftlichen und politischen, auch im religiösen Diskurs. Viele haben schon immer ihre Meinung, oder sie bilden sie schnell und unter Missachtung von Fakten aus. Man bleibt in der eigenen Meinungs-Blase, in der man sich gegenseitig bestätigt. Mancherorts darf man ungestraft lügen. In solchen Gruppen ist der Diskurs oft frei von Moral, frei von Denken für das Gemeinwohl, ganz orientiert an partikularen Interessen. Dieses Reden trennt Freunde von Feinden: Einfach sind die Wahrheiten, klar die Gegner, radikal die Kämpfe. Solches Meinen hebt sich ab von der Wirklichkeit und wird zur Ideologie, zum Machtgestus.
Wer hingegen Wissen hat, nimmt zuerst die Wirklichkeit wahr, die Fakten. Aus ihnen bildet er Argumente. Er hört auch die gegnerischen Argumente, lässt sich, wo nötig, korrigieren. Er akzeptiert die Komplexität und die Widersprüchlichkeit der Welt; oft sind diese unauflöslich, und man kommt nur mit Kompromissen weiter. Wer Wissen sucht, geht dialogisch voran, sowohl im alltäglichen Diskurs wie in der Wissenschaft. Er verifiziert seine Meinungen an der Realität. Er hört auch Gegner, ringt mit ihnen um die Wahrheit. Er denkt nicht im Freund-Feind-Schema, wehrt sich gegen Vereinfachungen, bleibt abwägend, handelt Kompromisse aus, will möglichst viele andere in seine Projekte integrieren. Autoritären Diskursen widerspricht er, er bleibt zivilgesellschaftlich engagiert, offen für meinungsbildende und demokratische Prozesse.
Dass das wissensbasierte, wirklich zuhörende und austauschende Gespräch durch das Anblaffen mit Meinungen ersetzt wird, ist ein Trend in der Gesellschaft und in der Politik. Populäre Medien fördern solche Trends – schnelle, klare Meinungen verkaufen sich besser als anstrengendes Denken. Seriöse Medien widerstehen dem Trend, wenigstens ansatzweise.
Auch die Kirche ist, wie immer, von diesen gesellschaftlichen Trends infiziert. Sollten sich nicht alle Christen heftig bemühen, dem zu widerstehen? Kann die Kirche Zufluchtsort werden für jene, die an gutem Denken und Reden und am gemeinsamen Engagement für eine besser Zukunft aller interessiert sind?
Der Autor
Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.