Wie ein deutscher Priester an den Petersdom berufen wurde

Don Lodovico – Rheinischer Revoluzzer im Segensbüdchen

Der Priester Ludwig Kröger steht vor einem "Segenshäuschen" im Petersdom und lächelt in die Kamera
Bild: KNA/Sabine Kleyboldt

"Ich glaube, es gibt sowas wie Fügung." Wer Ludwig Kröger erzählen hört, mag ihm zustimmen. Und der drahtige Geistliche erzählt gerne. "Zu meiner Priesterweihe 1992 in Aachen bekam ich von einem befreundeten Bischof aus Italien ein ungewöhnliches Geschenk: ein in rotes Schweinsleder gebundenes Buch von 1753."

Das kostbare Original mit dem Wappen von Papst Johannes XXIII., dessen Sekretär Loris Francesco Capovilla dem deutschen Priester das Buch schenkte, enthielt die Statuten des Domkapitels von Sankt Peter in Rom, also das Regelwerk der größten Kirche der Christenheit. "Ich habe mich immer gefragt, warum ausgerechnet ich kleines Aachener Priesterlein ein solches Volumen geschenkt bekommen habe."

Brief an Kardinal Gambetti

Die Antwort erhielt Kröger über 30 Jahre später, als er nach gesundheitlichen Problemen begann, seinen Nachlass zu ordnen. "Mir war klar, dass das Buch am besten im Archiv des Petersdoms aufgehoben wäre, und schrieb dem zuständigen Kardinal Mauro Gambetti."

Die Einladung nach Rom kam rasch: Am 5. Dezember 2024 überreichte Kröger dem hocherfreuten Kardinal das wertvolle Buch. "Wir haben uns wunderbar unterhalten. Und dann fragt er mich auf einmal: 'Willst du nicht Kanoniker an Sankt Peter werden?'" Kröger ist immer noch baff. "Daran, einmal als Priester im Petersdom zu arbeiten, hätte ich im Traum nicht gedacht!" Kurz glaubte er sogar, Gambetti mache einen Scherz. "Aber ich bin 'ne Kölsche Jung, deshalb hab ich sofort zugesagt." Und plötzlich ging ihm auf: Vielleicht hatte Kardinal Capovilla (1915-2015), den er schon vor seinem Studium in Rom kennenlernte und noch am Sterbebett besuchte, mit seinem Buchgeschenk genau das im Sinn.

Einziger deutscher Priester am Petersdom

Nach dem Tod von Papst Franziskus und der Wahl seines Nachfolgers wurde es für Kröger ernst: Am 2. September 2025 berief Leo XIV. den Rheinländer offiziell an den Petersdom – als einzigen Deutschen. Seither wuselt "Don Lodovico", wie er sich selbst in Rom nennt, durch die Ewige Stadt und den Vatikan, wahlweise im schwarzen Nissan oder auf seinem klappbaren E-Bike.

Priester Ludwig Kröger,
Bild: © KNA/Sabine Kleyboldt

Am 2. September 2025 berief Leo XIV. den Rheinländer offiziell an den Petersdom – als einzigen Deutschen. Seither wuselt "Don Lodovico" durch die Ewige Stadt und den Vatikan, wahlweise im schwarzen Nissan oder auf seinem klappbaren E-Bike.

Als Kanoniker am Petersdom ist er einer der 24 Priester im brombeerfarbenen Talar, die für Liturgie, Seelsorge, Kunst und Kultur zuständig sind. Kröger, der bereits im Bistum Aachen bischöflicher Beauftragter für alte und kranke Priester war, kümmert sich um emeritierte Kollegen, zum Beispiel den letzten deutschen Kanoniker am Petersdom: Kardinal Walter Brandmüller (97), der bis heute in einer Wohnung im Vatikan lebt.

Etwa die Hälfte der Priester am Petersdom sind Italiener, außerdem Männer aus Frankreich, Argentinien, Brasilien, Spanien, dem Kongo, den Niederlanden – und Deutschland. Sie leiten die neun Werktags- und fast genauso viele Sonntagsmessen sowie Andachten, bieten Seelsorge für die Ministranten und Mitarbeitenden der Dombauhütte, moderieren samstags das Konzert am Cattedra-Altar, und: betreuen die "Accoglienza" im linken Seitenschiff, das sechseckige Häuschen, das Kröger rheinisch-liebevoll "Segensbüdchen" nennt.

Geistliche Gespräche am Segensbüdchen

Hier können die Menschen Messen bestellen und Rosenkränze oder Bibeln segnen lassen. "Meistens ist das aber nur ein Medium, um sich selber segnen zu lassen. Das ist eine große pastorale Aufgabe, weil sie in einer ganz kurzen Momentaufnahme ein Gespräch beginnen, das ich aufgreife, und ihnen dann möglichst in ihrer eigenen Sprache einen persönlichen Segen gebe." Das geht über Konfessionen und Religionen hinweg: "Zu mir sind sogar schon Hindus oder auch eine jüdische Familie gekommen, die gesegnet werden wollten. Klar, sag' ich, wir Menschen brauchen alle Gottes Zuspruch."

Wenn die Schlangen vor dem Büdchen allzu lang werden, erteilt er den Segen schon mal nach Sprachgruppen: Auf Spanisch, Italienisch, Englisch und – sofern mehrere Interessenten vorhanden – auf Deutsch. Inzwischen hat der energische Gottesmann auch Grundkenntnisse in Griechisch, Portugiesisch und Polnisch im Repertoire, um möglichst viele Menschen in der eigenen Sprache zu erreichen. "Die Arbeit im Segensbüdchen, das ist meine Berufung", so Kröger über seinen Lieblingsdienst im Petersdom.

Internationale Messe in der Papst-Basilika

Aktuell wird im Domkapitel diskutiert, am Petersdom eine internationale Messe anzubieten. Diese sollte werktags und sonntagnachmittags in anderen Sprachen als nur Italienisch abgehalten werden. Für Kröger ist es inzwischen Routine, am Hochaltar der Basilika, direkt unter dem berühmten sonnengelben Heilig-Geist-Fenster von Gian Lorenzo Bernini, die Messe zu feiern. Nicht nur die Predigt, sondern die ganze Liturgie hält der 64-Jährige selbstverständlich auf Italienisch.

Daran, einmal als Priester im Petersdom zu arbeiten, hätte ich im Traum nicht gedacht!

— Ludwig Kröger

Doch er setzt auch eigene Akzente. "Ich habe einmal eine kleine Revolution angezettelt", sagt Kröger nicht ohne Stolz. Es geschah beim Besuch einer Freundin, Bundeswehr-Offizierin, seit 51 Jahren Ministrantin und Weihrauchfass-Profi in Soldatengottesdiensten am Kölner Dom oder Militärwallwallfahrten nach Lourdes. "Vor ihrem Besuch sagte sie mir: 'Es wäre die Krönung meines Ministrantinnen-Daseins, einmal bei der Messe im Petersdom dienen zu dürfen'." Für Kröger kein Problem. "Bring einen schwarzen Talar mit", sagte er der Freundin. "Ein Rochette, also das Übergewand, finden wir in der Sakristei des Petersdoms."

Messdienerinnen verboten

Gesagt – getan: Alle waren fertig für die Messe, niemand nahm Anstoß an der Frau mit dem Weihrauchfass – bis auf den Chefzeremoniar des Domkapitels. "Er kam auf mich zu und sagte: 'Das geht nicht. Das ist der Job der Jungs hier'", erzählt Kröger kopfschüttelnd. "Ich kann die Frau doch jetzt nicht auffordern, das Gewand abzulegen", so seine Erwiderung. "Na ja, heute darf sie ausnahmsweise", räumte der Zeremoniar ein. "Dann ist aber Schluss."

Der Gottesdienst lief einwandfrei, die Ministrantin wurde von den Kollegen für das geschickte Schwenken des Weihrauchfasses bewundert, erinnert sich Don Lodovico. "Aber für den aus Brasilien stammenden Zeremoniar war das revolutionär. Dafür habe ich eins draufbekommen." Immerhin hat er die Freundin glücklich gemacht – und vielleicht ein Zeichen gesetzt in Sachen Frauen am Altar. "Da hängen wir im Petersdom sehr weit hinter der Realität. Dabei würden wir viel gewinnen, wenn wir Frauen mehr in die Liturgie einbinden würden."

"Eine ziemlich große Frechheit"

Hat der Rheinländer weitere Revolten in Planung? "Ich bin noch nicht einmal ein Jahr hier, ich finde mich schon ganz gut, denn das war doch eine ziemlich große Frechheit", sagt er schmunzelnd. "Und ansonsten nehme ich es halt gelassen."

Vor allem ist Ludwig Kröger dankbar für den unerwarteten Karriereschritt ins Zentrum der Christenheit. "Mein Gott, der Petersdom ist mein Arbeitsplatz! Ich darf da predigen, Messe feiern und Menschen begleiten aus der ganzen Welt. Da kriege ich noch immer 'ne Gänsehaut."

Sabine Kleyboldt (KNA)