Neue Idee: Balkonkraftwerke

Klimaschutz auf Bistumsebene: "Politik der kleinen Schritte"

Eine Photovoltaik-Anlage steht vor eine Kirche.
Bild: IMAGO / Horst Rudel

Schon vor elf Jahren rief Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Laudato si’" zu mehr Umweltschutz auf und warnte vor den Folgen des Klimawandels. Seither ist die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter weiter gestiegen. Auch für die Kirche stellt sich damit die Frage, wie aus dem Appell zum Schutz der Schöpfung konkretes Handeln werden kann. "Längst ist bekannt, dass Investitionen in den Klima- und Umweltschutz Investitionen in eine lebenswerte Zukunft sind", sagte Umweltbischof Rolf Lohmann im vergangenen Jahr. Wie dieser Anspruch in der Praxis aussehen kann, beschäftigt die deutschen Bistümer. Diözesanbaumeister Martin Matl gibt Einblick, wie es im Bistum Fulda aussieht – und auf was für Maßnahmen die Diözese beim Weg zur Klimaneutralität setzen.

Frage: Herr Matl, das Bistum Fulda will bis 2045 klimaneutral werden. Das ist in weniger als 20 Jahren. Was ist aus Ihrer Sicht der größte Hebel, um dieses Ziel tatsächlich zu erreichen?

Matl: Der entscheidende Hebel ist ganz sicher der Gebäudesektor. Dabei ist die Gebäudebeheizung der größte Energieverbraucher. Für die Beheizung klimaneutrale Energieträger zu finden, wird die wichtigste Transformation auf dem Weg zur Klimaneutralität sein – und da ist Photovoltaik (PV) ein ganz wichtiger Aspekt.

Frage: Gibt es ein konkretes Ausbauziel für Photovoltaik im Bistum – etwa eine bestimmte Zahl an Anlagen oder eine bestimmte installierte Leistung?

Matl: Bisher noch nicht. Wir haben Klimaschutzziele, die wir nun in Etappenziele übersetzen müssen. Das ist in Arbeit. Einige PV-Anlagen wurden bereits auf bistumseigenen Gebäuden installiert. In diesem Jahr konnten wir aber auch eine neue Stelle für das Klimaschutzmanagement besetzen. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, an der Umsetzbarkeit der Ziele zu arbeiten und die Beteiligten mitzunehmen.  

Bild: © katholisch.de/Uwe Bork (Archivbild)

So könnte es aussehen: Die Kirche St. Peter und Paul in Freiburg hat eine rund 250 Quadratmeter große Solaranlage auf dem Dach.

Frage: Was für Maßnahmen sind beispielsweise Teil Ihres Klimaschutzkonzeptes?

Matl: Wir wollen die Gebäudeenergieversorgung sukzessiv umstellen. Das heißt zu priorisieren: Dort, wo Sanierungs- oder Baumaßnahmen anstehen, können die technischen Anlagen ausgetauscht werden.

Frage: Eine Maßnahme, die Sie nun fördern, ist der Ausbau von Balkonkraftwerken. Warum gerade diese Technik, die ja weniger Strom produziert als eine klassische PV-Anlage?

Matl: Es handelt sich dabei um eine sehr niedrigschwellige Anlagentechnik. Es braucht keine langen Genehmigungsprozesse, keine Abstimmungen mit dem Energieversorger und keine Veränderungen an der Statik oder dem Hausanschluss. Das sind Anlagen, die fertig für die Steckdose sind und sich schon nach kurzer Zeit rentieren. Für uns ist das ein gutes Element, um auf dem Weg zur Klimaneutralität voranzukommen. Außerdem stehen im Bistum Gebäude, die gar nicht so hohe Stromverbräuche haben – zum Beispiel sporadisch genutzte Pfarrheime. Für diesen Strombedarf ist ein Balkonkraftwerk vollkommen ausreichend.

Frage: Wie läuft das Projekt bisher an?

Matl: Wir stehen noch ganz am Anfang. Ein paar Kirchengemeinden haben solche Anlagen bereits in Betrieb genommen. Jetzt müssen wir das Projekt weiter bekannt machen. Wir haben einen Anbieter gefunden, der ein gebrauchsfertiges Paket anbietet, das die Kirchengemeinden selbstständig bestellen und in Betrieb nehmen können. Auch die Finanzierung übernehmen die Kirchengemeinden.

zwei Solarpanelen hängen an einem Balkon eines Wohnhauses.
Bild: © IMAGO / teamwork (Symbolbild)

Das Bistum Fulda setzt bei der Umsetzung ihrer Klimaschutzziele auch auf Balkonkraftwerke.

Frage: Neben kleineren Pfarreien gibt es viele andere Gebäude kirchlicher Einrichtungen, die einen höheren Stromverbrauch haben. Zum Beispiel Verwaltungsgebäude oder Schulen. Ist so ein Projekt dann nicht ein Tropfen auf den heißen Stein?

Matl: Das ist natürlich kein Entweder-oder. Wir planen auch größere PV-Anlagen. Wir prüfen etwa Dächer von Schulen und Kirchengemeinden, bei denen sich so eine größere Anlage lohnen könnte.

Frage: Was sind Faktoren, die dabei eine Rolle spielen?

Matl: Erstmal schauen wir, ob bei dem Gebäude ohnehin eine Baumaßnahme ansteht. Dann überprüfen wir die Statik des Daches und wann wie viel Strom genutzt wird. Der Denkmalschutz spielt auch eine Rolle, aber da ist mittlerweile viel mehr möglich als noch vor einigen Jahren. Schlussendlich muss sich so eine Anlage aber auch finanziell lohnen. Und das tut sie vor allem, wenn der Eigenenergieverbrauch stimmt. Die Einspeisevergütung spielt bei der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung mittlerweile kaum noch eine Rolle.

Frage: Stichwort Bewahrung der Schöpfung: Ist es für Sie in Ordnung, dass der Ausbau von erneuerbaren Energien auch bei Bistümern so stark von wirtschaftlichen Faktoren abhängt?

Matl: Die Kirche ist nur handlungsfähig, wenn wir verschiedene Faktoren zusammendenken. Dabei spielen finanzielle Aspekte eine Rolle, aber eben auch die Frage nach ehrenamtlichem und hauptamtlichem Engagement. Für eine nachhaltige Zukunft der Kirche muss man eben soziale, kulturelle und auch wirtschaftliche Faktoren miteinbeziehen.

Es ist eine Politik der kleinen und konkreten Schritte – wie eben beim Balkonkraftwerk für Kirchengemeinden.

— Martin Matl

Frage: In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird das Geld in den Bistümern voraussichtlich knapper. Klimaschutzmaßnahmen sind aber oft teuer. Welchen Stellenwert hat da der Klimaschutz in der Finanzplanung?

Matl: Das Bistum hat nicht nur Klimaschutzziele, sondern auch eine Immobilienstrategie. Der Immobilienbestand wird in den kommenden Jahren deutlich reduziert werden. Es ist völlig klar, dass ein klimaneutraler Gebäudebestand ohne eine Reduzierung der Immobilien finanziell gar nicht vorstellbar ist. In den Pfarreien muss nun entschieden werden, welche Standorte weitergeführt werden. Dabei spielt auch eine Rolle, wie sich Gebäude sanieren lassen.

Frage: Während vor ein paar Jahren noch mehr als eine Million Deutsche für mehr Klimaschutz auf der Straße waren, scheint das Thema zurzeit von anderen Krisen verdrängt. Wie wollen Sie es schaffen, Katholiken an der Basis bei Ihren Klimaschutzstrategien mitzunehmen?

Matl: Vermittlungsarbeit ist ein Teil des Klimaschutzkonzeptes. Ich kann nicht verhehlen, dass wir noch am Anfang eines langen Weges stehen. Zurzeit handeln die Kirchengemeinden alle sehr unterschiedlich. Aber es ist letztendlich eine Frage, die uns alle betrifft.

Frage: Was muss in den nächsten 19 Jahren in Sachen Klimaschutz im Bistum Fulda passieren, damit Sie sagen können: Damit bin ich zufrieden?

Matl: Die größte Herausforderung ist ohne jeden Zweifel die Transformation weg von fossilen Energieträgern. Das tatsächlich umzusetzen, ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Daran werden wir unseren Erfolg messen. Wir können keine idealistischen oder utopischen Maßnahmen planen. Es ist eine Politik der kleinen und konkreten Schritte – wie eben beim Balkonkraftwerk für Kirchengemeinden.

Beate Kampen