Sektion "Gipfelkreuz" des Alpenvereins

Gott im Gebirge suchen – und finden

Gott im Gebirge suchen – und finden
Bild: KNA/Christoph Renzikowski

Die Sonne lacht wie neugeboren vom blauen Himmel über Berchtesgaden; König Watzmann samt ebenfalls versteinerter Frau und zu Fels erstarrten Kindern ist zum Greifen nah; frischer Schnee aus einer Kaltfront hat ihre Spitzen weiß gepudert – eine Szene wie gemalt: Tourenwetter. Auf der Rossfeld-Panoramastraße knattern Motorräder an strampelnden Rennradlern vorbei. Gar nicht so leicht, an einem Ferienwochenende kurz vor Mittag noch einen der 400 Parkplätze an den Aussichtspunkten zu ergattern. Beim Ahornkaser gibt es einige Lücken. Glück gehabt. Oder ist eine höhere Macht im Spiel?

Die zweitjüngste Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) ist unterwegs im äußersten Südostzipfel Bayerns. Sie nennt sich "Gipfelkreuz" und ist seit 2020 ein bundesweites Sammelbecken für christliche Alpinistinnen und Alpinisten aller Couleur. Die konfessionellen Hintergründe und bevorzugten Sportarten ergeben eine bunte Mischung: Freikirchliche Kletterer treffen auf katholische Schneeschuhwanderer und evangelische Erlebnispädagogen.

Gelegenheiten schaffen, Gott zu begegnen

Daniel Jägers (43), Pfarrer der bayerischen Landeskirche in Ungarns Hauptstadt Budapest, scharte vor sieben Jahren elf Gleichgesinnte um sich. Aus den Zwölf der ersten Stunde ist eine Gemeinschaft von inzwischen mehr als 9.000 Mitgliedern geworden. Allein im vergangenen Quartal gab es gut 1.500 Neueintritte. Bei allen Unterschieden verfolgen sie eine Idee: Bergsport mit Glauben zu verbinden, hoch oben tiefe Erlebnisse miteinander zu teilen. Gelegenheiten zu schaffen, Gott zu begegnen.

Gehe und höre, schau, nimm wahr mit allen Sinnen: Gottes Schöpfung bietet Wunderbares.

— Erhard Steiger

Vor dem Start zu einer Ausbildungstour gibt es einen Segen: "Gehe und höre, schau, nimm wahr mit allen Sinnen: Gottes Schöpfung bietet Wunderbares." Erhard Steiger (72) betet vor. Steiger ist der Senior unter den angehenden Tourenleitern, die jüngsten sind Anfang 20. Der ehemalige Priester, Mönch und Erwachsenenbildner aus der Pfalz hat seine gleichaltrige Ehefrau Rita mitgebracht. Sie leitete viele Jahre den Alpenverein in Pirmasens. Dort habe es für sie beide nicht mehr so recht gepasst, erzählt das Paar. Bei den Gipfelkreuzlern haben sie eine neue Heimat gefunden. Ab dem ersten Kontakt hätten sie gespürt: "Hier sind wir willkommen, hier sind wir richtig."

Die Wege zur neuen Sektion sind so verschieden wie die des Herrn. Mundpropaganda im Hauskreis, ein Kontakt am Gipfelkreuz-Stand auf der "Mehr"-Konferenz des Augsburger Gebetshauses, Sektionswechsel, aber auch für DAV-Neulinge attraktive Mitgliedsbeiträge sorgen für stetes Wachstum.

Gründung war nicht unumstritten

Im Hauptverein mit seinen über 1,6 Millionen Mitgliedern war die Gründung nicht unumstritten. Schließlich sind die Untergliederungen des Alpenvereins weitgehend lokal organisiert und nicht überregional oder thematisch. 1986 formierte sich in München nach englischem Vorbild der "Gay Outdoor Club". Aus der losen Gruppe wurde 2004 "die queere Sektion" im DAV. Das war sozusagen die Blaupause für Gipfelkreuz, erzählt Jägers. "Aber ihr Christen seid doch keine diskriminierte Minderheit" – "Wenn wir das erlauben, dann kommen auch die Schäferhundebesitzer und wollen ihre eigene Sektion". Mit solchen Vorbehalten mussten sich die Gipfelkreuz-Pioniere auseinandersetzen. Doch das ist Geschichte. Nach sieben Monaten war die Aufnahme perfekt. Den Ausschlag gab bei der Entscheidung eine Stimme mehr als nötig. Zufall?

Der Weg zum Purtschellerhaus führt über eine nicht enden wollende hölzerne Stiege – oder ist es eine Himmelsleiter? Rita Endres-Steiger protestiert, ihr ist das Tempo zu schnell. Zeit für eine Verschnaufpause – und einen frischen spirituellen Impuls. Jakob, Maschinenbauingenieur in Stuttgart, hat ein handgemaltes DIN-A4-Blatt dabei: darauf ein Berg, ein Skitourengeher und eine Bibelstelle aus dem Buch der Sprüche, es geht um Gottvertrauen. Jakob spricht von einem "megacoolen Vers". Der bestärke ihn bei kniffligen Entscheidungen in den Bergen, etwa bei Lawinengefahr nicht in den falschen Hang einzufahren. Dabei ist ihm durchaus klar: Gottvertrauen ersetzt sorgfältige Planung und Risikoabwägung nicht, aber es kann vielleicht ein verführerisches Bauchgefühl korrigieren.

Bild: © katholisch.de (Archivbild)

Ein Gipfelkreuz in den Bergen.

Das Purtschellerhaus liegt mitten auf der deutsch-österreichischen Grenze. Wer von der Gaststube aufs Klo will, muss sie überqueren, markiert durch einen Farbstrich am Boden. Nach 1945 war die Schutzhütte der einzige Treffpunkt für Leute von hüben und drüben, solange am Schlagbaum niemand durchgelassen wurde. Grenzen überwinden, das hat sich auch der Gipfelkreuz-Vorstand vorgenommen – und Toleranz gegenüber Andersdenkenden in der Satzung verankert. Konfessionelle Eigenheiten sollen das Miteinander bereichern, nicht hemmen. Wenn aber nur eine Minderheit die Lieder ohne Noten aus dem zusammenkopierten Heft kennt, wird der gemeinsame Gesang schnell dünn. Musikalisch sei noch "Luft nach oben", räumt der Vorsitzende ein.

Geschafft, zufrieden – und voller Vorfreude

Oben bietet sich eine spektakuläre Aussicht vom Dachstein bis zum Untersberg. Direkt hinter der Hütte ragt der Hohe Göll mit seiner schroffen Nordflanke auf. Die Gruppe packt ihre Brotzeitbeutel aus. Andrea, Elektrotechnikstudentin aus Augsburg und Absolventin einer Bibelschule, interpretiert die Emmaus-Geschichte. "Also ich weiß nicht, wie es euch geht", sagt die 23-Jährige. "Aber manchmal erkenne ich Jesus einfach in meinem Leben nicht." Den beiden Jüngern gingen ja auch erst im Nachhinein die Augen auf, wer sich da unterwegs zu ihnen gesellt hatte. "Vielleicht erzählt ihr euch auf dem Abstieg, wo ihr Jesus schon mal erlebt habt. Ich finde es jedenfalls immer superermutigend, wenn ich darüber staunen darf, wie Gott anderen begegnet ist."

Beim nächsten Halt leitet Anna aus Lüdenscheid eine Sinnesübung an: Je fünf Minuten schweigend gehen, erst den Körper spüren, dann riechen, hören, sehen. Tatsächlich verstummen die Gespräche ringsum. Der Hexenschuss von letzter Woche? Tut gar nicht mehr weh. Feinkörniges Geröll unter der Sohle? Jetzt mal schön sorgfältig auftreten. Da – ein Kuckuck ruft. Der wäre beim Plausch über Erfahrungen mit Jesus oder den noch nicht erklommenen Traumgipfel kaum bemerkt worden. Von einer gefassten Quelle gluckert klares Nass in einen Trog. "Ströme lebendigen Wassers, das ist das Motto meiner nächsten Pilgerwanderung im Lechtal", erzählt Erhard Steiger nach der Rückkehr ins katholische Jugendhaus Marktschellenberg. Geschafft, zufrieden – und voller Vorfreude.

Christoph Renzikowski (KNA)