Skeptisch gegenüber Aufrufen zur Evangelisierung

Feige: Es geht nicht darum, Menschen das Evangelium überzustülpen

Gerhard Feige im Portrait
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Magdeburgs Bischof Gerhard Feige sieht im Lichte des kirchlichen Mitgliederrückgangs formulierte Aufrufe zur Evangelisierung kritisch. "Ich bin sehr skeptisch gegenüber Strategien und Methoden, mit denen Menschen bewusst überzeugt werden sollen", sagte Feige in einem Interview der "Herder Korrespondenz" (September-Ausgabe). Laut Religionssoziologen schritten gesellschaftliche Entwicklungen wie die Säkularisierung, Pluralisierung und Individualisierung voran. "Ich würde zusätzlich noch die Mobilisierung und die Digitalisierung nennen. Die Welt ist unheimlich komplex geworden. Methoden zur Evangelisierung scheinen mir kaum die richtige Antwort auf diese komplizierten Phänomene zu sein."

Mehr Kirchenmitglieder "nicht unser erstes Anliegen"

Mit Blick auf den Auftrag des Evangeliums, die Frohe Botschaft in die Welt zu tragen, sagte Feige: "Es geht nicht darum, Menschen das Evangelium überzustülpen. Die heutige Zeit fordert uns heraus, möglichst authentisch und diakonisch Kirche zu sein." Neben dem wichtigen karitativsozialen Dienst gebe es auch eine kulturelle Diakonie. "Sie ist dann gefragt, wenn Menschen Formen brauchen – bei großen Katastrophen genau wie im alltäglichen Leben und überall dort, wo sie auf der Suche sind." Das Angebot zur Feier der Lebenswende, einer Feier für konfessionslose Jugendliche, etwa nähmen im Bistum Magdeburg in manchen Jahren an die 1.000 Jugendliche an. Natürlich, so schränkte Feige ein, wäre es schön, wenn die Kirche mehr Mitglieder hätte. "Aber das ist nicht unser erstes Anliegen. Die Aufgabe der Kirche ist es, selbstlos für die Gesellschaft da zu sein."

Angesprochen auf das Bischofsamt, das Feige seit rund 21 Jahren selbst als Diözesanbischof innehat, sprach er von enormen Erwartungen, die sich sowohl seitens der Kirche als auch der Gesellschaft an das Amt richteten. "Zugleich wird man mit niederschmetternder Kritik konfrontiert." Damit habe er zu Beginn seiner Zeit als Bischof so nicht gerechnet. "Meine einstige Vorstellung von der Aufgabe war idealer und heiler als das, worin ich in der Wirklichkeit angekommen bin", so Feige, der im November die für Bischöfe geltende Altersgrenze von 75 Jahren erreicht und dem Papst bereits vor einigen Wochen seinen Rücktritt angeboten hat.

Wenig hoffnungsvoller Blick auf akademische Theologie

Kritisch äußerte sich Feige in dem Interview über das Bild vom Bischof als Hirten. "Das Hirtenbild ist für viele keine Idealvorstellung mehr – auch, weil es einer patriarchalischen Lebensform entstammt, die heute weitgehend abgelehnt wird." Das Bild könne aber insofern funktionieren, als Menschen immer noch das Bedürfnis hätten, sich anzulehnen, ermutigt und getröstet zu werden. "Es ist Aufgabe des Hirten, Getaufte zu befähigen, ihren Glauben selbstständig zu leben. Der einzige und wirkliche Hirte aber ist Christus selbst. Alle anderen sind höchstens Abbilder. Darunter würde ich heute nicht mehr nur die Bischöfe zählen, sondern alle Seelsorgerinnen und Seelsorger."

Wenig hoffnungsvoll blickt der Bischof laut eigener Aussage auf die Zukunft der akademischen Theologie in Deutschland. "Mit dem Rückgang der Studierendenzahlen werden Lehrstühle und ganze Fakultäten infrage gestellt. Dabei ist die akademische Theologie, insbesondere an staatlichen Universitäten, äußerst wichtig." (stz)