Nicht jede Frömmigkeitsform verbindlich

Kardinal warnt vor Vermischung von Glauben und Kulturpraktiken

Ein Kardinal bei der Feier eines Gottesdienstes im Petersdom.
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Kardinal William Goh hat davor gewarnt, kulturell geprägte religiöse Bräuche mit den grundlegenden Traditionen des christlichen Glaubens gleichzusetzen. Nicht jede Frömmigkeitsform sei für alle Katholiken verbindlich, betonte der Erzbischof von Singapur laut einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung. Problematisch werde es insbesondere dann, wenn lokale oder persönliche Praktiken anderen Gläubigen als allgemeingültige Norm auferlegt würden.

Goh unterscheidet zwischen der "Heiligen Tradition" der Kirche und "nachgeordneten Traditionen". Zur unverzichtbaren Glaubensüberlieferung zählten unter anderem Tod und Auferstehung Jesu Christi, das Letzte Abendmahl, das Glaubensbekenntnis, die Sakramente, die kirchlichen Institutionen, die päpstliche Unfehlbarkeit und das Weihesakrament, so der Kardinal. "Diese sind unantastbar, da sie das Selbstverständnis der Kirche prägen. Indem sie an diesen Traditionen festhält, erhält die Kirche ihr Fortbestehen."

Traditionen können wertvoll sein

Davon zu unterscheiden seien Bräuche und Formen der Frömmigkeit, die sich im Lauf der Geschichte unter bestimmten kulturellen Bedingungen entwickelt hätten. Als Beispiele nannte der Kardinal die Freitagsbuße, den Verzicht auf Fleisch, kirchliche Feste, Heiligengedenktage und Formen der Volksfrömmigkeit. Solche Traditionen könnten wertvoll sein, seien jedoch von Kultur, Kontext und persönlicher Frömmigkeit abhängig und deshalb nicht in gleicher Weise für alle Gläubigen verbindlich. "Leider gelingt es manchen nicht, zwischen Tradition und Traditionen zu unterscheiden", erklärte Goh. Damit werde zugleich der Unterschied zwischen den wesentlichen Glaubenslehren und kulturellen Praktiken verwischt, die in unterschiedlichen Gesellschaften entstanden seien. Noch problematischer sei der Versuch, solche kulturellen oder persönlichen Traditionen anderen aufzuerlegen und sie zur absoluten Norm christlichen Lebens zu erklären.

Goh steht seit 2013 an der Spitze des Erzbistums Singapur und wurde 2022 von Papst Franziskus (2013–2025) in das Kardinalskollegium aufgenommen. Mehrfach ist er mit Äußerungen in Bezug auf die kirchliche Lehre wie auch die Feier der vorkonziliaren Liturgie aufgefallen. Nach der Papstwahl im vergangenen Jahr hoffte er auf mehr Klarheit in der Kirchenlehre durch Leo XIV. und kritisierte, dass die Lehren von Franziskus "zweideutig erschienen, da er versuchte, alle Menschen in Bezug auf Doktrin und Moral zu erreichen". Auch zur Alten Messe sagte er, es komme nicht auf den Ritus oder die Form, sondern auf die Gottesbegegnung an. In seiner Diözese feiern rund 300 Gläubige die vorkonziliare Form der Messe – er selbst jedoch nicht. (mtr)