Papst Leo XVI. hat vor Kurzem den Münchner Kardinal Reinhard Marx im Amt des Koordinators des vatikanischen Wirtschaftsrats bestätigt – ebenso die deutsche Rechtswissenschaftlerin Charlotte Kreuter-Kirchhof als dessen Vize-Koordinatorin. Der Rat, der das wirtschaftliche Handeln des Vatikan überwachen soll, besteht aus 15 Mitgliedern, Geistlichen wie Laien. Im Gespräch mit katholisch.de spricht Kreuter-Kirchhof über ihre Aufgaben im Wirtschaftsrat und wie sie die Zusammenarbeit empfindet.
Frage: Frau Kreuter-Kirchhof, vor kurzem hat Papst Leo Kardinal Reinhard Marx im Amt des Koordinators des vatikanischen Wirtschaftsrats bestätigt. Sie bleiben weiterhin seine Stellvertreterin. Mit welchen Aufgaben sind Sie dort betraut?
Kreuter-Kirchhof: Dem Wirtschaftsrat obliegt vor allen Dingen die Aufsicht über die Verwaltungs- und Finanzstrukturen des Heiligen Stuhls. Ganz konkret genehmigt der Rat den jährlichen Haushaltsplan und den Haushaltsabschluss des Heiligen Stuhls und legt beides dem Papst vor.
Frage: Wie ist die Zusammenarbeit in diesem Gremium? Dort wirken immerhin Kardinäle und Laien zusammen…
Kreuter-Kirchhof: Ich erlebe die Zusammenarbeit als sehr gut und sehr vertrauensvoll. Wir treffen uns mehrmals im Jahr und tagen im Vatikan. Der Wirtschaftsrat hat 15 Mitglieder, acht Kardinäle und sieben Expertinnen und Experten verschiedener Nationalitäten. Dieses gute Miteinander erlebe ich als synodal. Wir beraten gemeinsam und entscheiden gemeinsam, um so den Papst durch unsere Empfehlungen zu unterstützen. Dabei sind die Themen, mit denen wir uns befassen, Finanz- und Verwaltungsthemen sowie strukturelle Verwaltungsfragen.
Frage: Sie sind Vizekoordinatorin des Wirtschaftsrats. Welche Verantwortung tragen Sie persönlich und welche Entscheidungen bereiten Sie gemeinsam mit Kardinal Marx vor?
Kreuter-Kirchhof: Das Amt der Vizekoordinatorin begründet eine Vertretungsaufgabe. Das Gremium wird von Kardinal Marx geleitet; den Sitzungen geht eine Vorbesprechung voraus. Beraten wird dann im Wirtschaftsrat mit allen gleich stimmberechtigten Mitgliedern.
Papst Leo XVI. hat vor Kurzem den Münchner Kardinal Reinhard Marx im Amt des Koordinators des vatikanischen Wirtschaftsrats bestätigt.
Frage: Was sind derzeit die größten finanziellen Herausforderungen für den Heiligen Stuhl?
Kreuter-Kirchhof: Der Vatikan ist ein Mikrostaat. So betreffen die wirtschaftlichen Themen Fragen, die sich vermutlich den meisten Staaten der Erde stellen. Es geht zum Beispiel um die Entwicklung der Renten, um die Finanzplanung und den Haushalt dieses kleinen, aber nicht nur für die katholische Kirche sehr wichtigen Staates.
Frage: Wie unabhängig kann der Wirtschaftsrat gegenüber der Kurie und den einzelnen vatikanischen Institutionen arbeiten? Gibt es Bereiche, in denen Sie sich noch mehr Kompetenz oder Transparenz wünschen würden?
Kreuter-Kirchhof: Der Wirtschaftsrat ist unabhängig von der Kurie und den Institutionen des Heiligen Stuhls; er ist nicht weisungsgebunden. Er wurde von Papst Franziskus eingerichtet und ist in der Verfassung des Heiligen Stuhls verankert. Ziel ist es, dazu beizutragen, die Verwaltung transparent, effizient und im Sinne der katholischen Soziallehre im Austausch mit den Dikasterien und anderen Einrichtungen des Heiligen Stuhls zu gestalten.
Frage: Sie gehören dem Wirtschaftsrat seit 2020 an und sind seit 2021 Vizekoordinatorin. Was hat sich in diesen rund sechs Jahren bei den Finanzen konkret verändert und wo sehen Sie noch Reformbedarf?
Kreuter-Kirchhof: Nach meinem Eindruck konnten wir eine gute Entwicklung begleiten und auch fördern, beispielsweise im Bereich der Finanzplanung. Grundlage ist auch hier die katholische Soziallehre. Transparenz und klare Verantwortungsstrukturen sind grundlegende Ziele der Arbeit des Wirtschaftsrats. Über die Verwendung von Geldern wird Rechenschaft abgelegt. Hier arbeitet der Wirtschaftsrat eng mit den verschiedenen Institutionen des Heiligen Stuhls zusammen.
Der Wirtschaftsrat ist unabhängig von der Kurie und den Institutionen des Heiligen Stuhls; er ist nicht weisungsgebunden. Er wurde von Papst Franziskus eingerichtet und ist in der Verfassung des Heiligen Stuhls verankert.
Frage: Wenn Sie Verantwortung und Rechenschaft erwähnen: Bedeutet das, dass es daran in der Vergangenheit gemangelt hat?
Kreuter-Kirchhof: Die Gründung des Wirtschaftsrates und der verschiedenen Finanzinstitutionen des Heiligen Stuhls war sicherlich eine Reaktion auf Ereignisse in der Vergangenheit. Nach meiner Erfahrung in den letzten sechs Jahren hat sich hier vieles zum Guten verändert. Dieser Weg ist sicherlich noch nicht abgeschlossen, aber es ist eine gute Entwicklung.
Frage: Gab es während Ihrer Zeit im Wirtschaftsrat Entscheidungen, bei denen Sie Ihre Position gegen Widerstand vertreten mussten?
Kreuter-Kirchhof: Natürlich werden nicht alle Überlegungen stets von allen in gleicher Weise geteilt. Deshalb ringen wir im Wirtschaftsrat um den richtigen Weg und suchen nach gemeinsamen Entscheidungen im Konsens. Im Wirtschaftsrat ist das in den letzten Jahren nach meinem Eindruck gut gelungen. Im Austausch mit den anderen Institutionen im Vatikan gibt es natürlich auch immer einmal unterschiedliche Positionen. Auch hier sind der intensive Austausch und das Gespräch entscheidend, denn alle sind in dem Ziel vereint, den Papst in seinem Dienst zu unterstützen. Das ist das Besondere an dieser Arbeit: Der Heilige Stuhl dient dem Papst, damit dieser seine Mission und seine Aufgaben erfüllen kann.
Frage: Sie sind Rechtswissenschaftlerin. Inwiefern prägt dieser Blick Ihre Arbeit im Gremium?
Kreuter-Kirchhof: Die Rechtswissenschaft legt insbesondere den Blick auf institutionelle und strukturelle Fragen. Dabei ist für mich die globale Perspektive besonders bereichernd. Wenn Sie sich die Mitglieder des bisherigen Wirtschaftsrats und die neu berufenen Mitglieder anschauen, erkennen Sie, dass die katholische Kirche eine Weltkirche ist. Im Vatikan begegnen sich Menschen aus allen Teilen der Welt. Diese unterschiedlichen Perspektiven ins Gespräch zu bringen und zu vereinen, das ist ein großes Geschenk – für die Kirche und auch für die Welt. Es gibt heute nicht viele Institutionen, die Menschen weltweit vereinen.
Frage: Papst Franziskus hat verstärkt Frauen in Leitungspositionen und in vatikanische Gremien berufen. Auch Sie gehörten zu den ersten Frauen im Wirtschaftsrat. Papst Leo setzt diesen Weg fort. Spielt die stärkere Beteiligung von Frauen inzwischen auch im Alltag des Vatikans eine Rolle oder ist sie noch immer etwas "Besonderes"?
Kreuter-Kirchhof: In der Tat sind sechs Mitglieder im Wirtschaftsrat Frauen. Papst Franziskus hat immer wieder Frauen in Leitungspositionen im Vatikan berufen, und Papst Leo setzt dies fort. Dies ist nach meinem Eindruck ein wichtiges Signal: Es ist der Wunsch des Papstes, dass Frauen in der katholischen Kirche stärker Verantwortung in Führungspositionen übernehmen und dieses sichtbar wird. In der Arbeit im Wirtschaftsrat zählen allein die fachliche Expertise und das gute Argument.