Standpunkt

Diakonie ist schon Gottesdienst

Eine Pizza Margherita mit Tomaten, Käse und Basilikum.
Bild: mizina/Fotolia.com

Die Kirche St. Theodor im rechtsrheinischen Kölner Stadtteil Vingst betritt man am besten durch das Basement. Dort gibt es eine Kleiderkammer, ein Lebensmittellager und eine riesige Fahrradwerkstatt. Dazu noch eine Imbiss-Fritteuse und einen großen Pizzaofen. Wer die breite Treppe hinaufgeht, steht auf einmal mitten im Gottesdienstraum. Und versteht: Die Basis, das Fundament von allem ist die Diakonie. Die selbstlose, absichtslose Zuwendung zum anderen. Sie findet sich eben nicht in einer muffigen Abstellkammer. Die Architektur von Paul Böhm führt das täglich vor Augen. Und Menschen feiern so anders Gottesdienst. Ich habe es selbst erlebt.

Der scheidende Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, hat in einem schönen Interview mit der Herder-Korrespondenz auf diesem Umstand hingewiesen. "Die heutige Zeit fordert uns heraus, möglichst authentisch und diakonisch Kirche zu sein", sagt er da. Was bedeutet das? Wenn die Menschen in Vingst oben im Gottesdienst das "Vater unser" beten, macht unten einer die Pizza für alle. "Unser tägliches Brot gib uns heute" meint doch: "Schenk mir jeden Tag einen Menschen, der meinen Hunger sieht. Und mir ein Brot macht." Oder eben eine Pizza. Die Liebe Gottes und seine Gegenwart beginnt eben nicht selten mit einem Butterbrot.

Ich bin sicher, Feige meint genau das, wenn er im Interview sagt: "Es geht nicht darum, den Menschen das Evangelium überzustülpen." Überstülpen würde bedeuten, diese Verbindung zu kappen. Die Treppe abzureißen. In Vingst kannst du jederzeit überprüfen, ob die Feiergemeinde oben auf Kurs ist. Du musst nur die Treppe hochgehen. Ich verstehe Bischof Feige so: Evangelisierung bringt nichts, wenn die Liebe bloß behauptet wird. Jemand erlebt sie hingegen, wo sie ihm begegnet. Und da hat er recht. "Die Kirche hatte eine starke soziale Dimension, etwa bei der Unterstützung von Waisen und Witwen und der Bestattung mittelloser Menschen", sagt Feige, der Kirchenhistoriker mit dem Blick auf die alte Kirche. "Das könnte zu denken geben."

Ein Moment der Zuneigung kann entscheidend sein. "Dein Glaube hat dir geholfen!" (Mt 9,22), sagt Jesus zu der Frau mit den Blutungen, die sein Gewand bloß einmal berührt. Diakonie ist mehr als soziale Arbeit. Sie ist schon Gottesdienst.

Peter Otten

Der Autor

Peter Otten ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Agnes in Köln. Seit einigen Jahren bloggt er unter www.theosalon.de.

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Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.

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