Es soll einer der richtig heißen Tage dieses Sommers werden. Anita Wendt geht mit einer Bekannten die Strandpromenade des schleswig-holsteinischen Ostseebads Dahme entlang. Es ist Vormittag, und der Seewind hält die Temperaturen noch erträglich. "Moin die Damen!", ruft Pater Ralf Winterberg ihnen zu. Er hat gerade das hölzerne Absperrgitter an seinem Strandkorb geöffnet. Wenn der 64-Jährige dort Platz nimmt, blickt er nicht aufs Meer. Der katholische Geistliche schaut auf die Menschen, die an den Cafés und Boutiquen entlangschlendern, und grüßt sie freundlich.
Die beiden Frauen bleiben stehen, ein Gespräch beginnt. Schließlich setzt sich Wendt zu Winterberg in den Strandkorb. "Ich bin zwar evangelisch, aber das macht ja nichts", sagt sie und lacht. Eine gute Viertelstunde spricht sie mit ihm, während das Urlaubsleben auf der Promenade seinen Lauf nimmt und einige Passanten zu ihnen hinüberschauen. "Ah ja, dieser Zuhör-Korb", sagt eine Frau leise zu ihrem Mann, als sie den Schriftzug am Kopfteil des Strandkorbs entdeckt.
Mit Schirmmütze und Shorts
Der Strandkorb des Ordensmanns ist kein normaler Strandkorb, sondern der Zuhör-Korb der Tourismusseelsorge Ostholstein. Winterberg sieht auch nicht aus wie ein typischer Pater. Mit Schirmmütze, blauem T-Shirt und Shorts erinnert er eher an einen Touristen-Guide, den Urlauber nach dem Weg fragen können.
Seit drei Jahren sitzt er als Tourismusseelsorger der Pfarrei Sankt Vicelin während der Urlaubssaison immer mittwochs im Zuhör-Korb in Dahme. In einigen anderen Nord- und Ostseeorten wie Tossens, Langeoog oder Kühlungsborn gibt es ähnliche Angebote. Sie richten sich an alle, die einfach mal mit jemandem sprechen möchten, der ein offenes Ohr für sie hat.
An der Strandpromenade im Ostseebad Dahme hat Pater Winterberg seinen Strandkorb.
Der Zuhör-Korb ist Seelsorge to go – außerhalb von Gottesdienst und Kirchengebäude. Niedrigschwellig, ohne Zeitdruck und unabhängig von Konfession oder Gesprächsthema. "Manche kommen gezielt zu mir, weil sie ein Anliegen haben. Manche bleiben zufällig stehen", sagt Winterberg. Einige kämen später sogar noch einmal vorbei und berichteten, was sich seit dem Gespräch verändert habe.
Warum sich Anita Wendt heute zu dem Ordensmann gesetzt hat? "Einfach so, vielleicht wegen des frischen Windes", sagt die 85-Jährige. Außerdem habe sie den Pater schon einmal in einem der ökumenischen Gottesdienste in Dahme gesehen. Seit Pfingsten sei sie da und werde bis Mitte Oktober in ihrem kleinen Häuschen bleiben, erzählt die Hamburgerin. "Nächstes Jahr ist es mein 50. Sommer."
"Kirche muss sich öffnen"
Früher sei sie mit ihrem Mann hergekommen. Doch seit seinem Tod vor vier Jahren komme sie allein. Mit Winterberg habe sie sich über ihren ursprünglichen Herkunftsort Leipzig unterhalten und darüber, warum sie dialektfreies Hochdeutsch spreche: Wendt arbeitete früher im Fernmeldeamt und verband Menschen telefonisch miteinander.
Das Angebot des Zuhör-Korbes findet sie gut. "Kirche muss sich öffnen und Leute ansprechen." Es könne gar nicht genug solcher Angebote geben. Ob katholisch oder evangelisch spiele dabei keine Rolle. "Vor allem für die Jugend muss man viel mehr tun", meint Wendt, die zwölf Jahre lang Kirchenvorsteherin ihrer Gemeinde war.
Alltag und doch ganz anders: Seelsorge auf der Ferieninsel Norderney
n der Regel lebt ein Gemeindeleben von den Anwohnern vor Ort – doch auf Norderney ist das anders. Die beliebte Urlaubsinsel beherbergt zahlreiche Gäste, die auch das Gemeindeleben prägen – das zudem ohne einen festen Priester auskommen muss. (Interview vom Juni 2021)
Zum InterviewDie Urlauberin weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Seelsorge ist. "Viele Leute schimpfen über die Kirche und die Kirchensteuer." Sie selbst sehe das anders. "Irgendwoher muss man ja seine Kraft holen." Als ihr Mann starb, hätten ihr viele geraten, einen Therapeuten aufzusuchen, um die Trauer zu bewältigen. Sie aber habe gedacht: "Nein, das machst du mit dir selbst aus. Und wenn was ist, setzt du dich auf die Kirchbank."
Dort habe sie intensive Gespräche mit ihrer Pastorin geführt – über Verlust und Verlassenheitsgefühle, aber auch über viele andere Themen ihres Alltags. "Da merkt man erst, dass man nicht verlassen ist, sondern behütet." Die Kirche sei für sie zu einer Kraftquelle geworden.
Seelsorger sieht sich als Botschafter
Ähnliches könne auch der Dahmer Strandkorb bieten, wenngleich Winterberg das Angebot eher als Möglichkeit für einen ersten Kontakt mit Urlaubern versteht. Sich selbst sieht er als Botschafter der Kirche, der seinen Gesprächspartnern beispielsweise zeigt, welche Angebote es auch in ihren Heimatorten gibt.
Im Durchschnitt führt der Geistliche an einem Vormittag ein bis zwei Gespräche pro Stunde. Außer in Dahme ist er einmal pro Woche auch in Grömitz mit einem Seelsorgeangebot vertreten, eine Kollegin ist auf Fehmarn im Einsatz. "Ich liebäugle noch mit Heiligenhafen", sagt Winterberg. Dort könne er sich vorstellen, seinen Strandkorb an einem zentralen Ort aufzustellen, an dem viele Menschen vorbeikommen – mitten auf dem Marktplatz.