Krieg, Klimawandel, Soziale Medien

Schulseelsorgerin: Jugendliche machen sich Sorgen um ihre Zukunft

Schulseelsorgerin Beatrix Mählmann
Bild: Jakob Mählmann

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter psychischen Belastungen, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen. Auch Beatrix Mählmann, Lehrerin und Schulseelsorgerin am Bischöflichen Cusanus-Gymnasium in Koblenz, nimmt diesen Trend wahr. Im Interview mit katholisch.de spricht sie über die Arbeit als Schulseelsorgerin, mit welchen Themen die Schülerinnen und Schüler auf sie zukommen und welche Rolle der Glaube in der Schulseelsorge spielt.

Frage: Frau Mählmann, wie sind Sie zur Schulseelsorge gekommen?

Mählmann: Ich arbeite seit 2003 hier am Gymnasium als Lehrerin für Deutsch und katholische Religion, ich bin also schon länger mit der Schule vertraut. Eigentlich habe ich mich schon von Anfang an als junge Lehrerin sehr für die Schulpastoral interessiert und habe viel dabei mitgemacht, zum Beispiel bin ich bei Besinnungswochenenden mitgefahren oder habe Gottesdienste vorbereitet. Bevor unser langjähriger Schulseelsorger nach 32 Jahren in den Ruhestand ging, fragte mich mein Chef, ob ich diese Funktion übernehmen wolle. Ich wusste sofort, dass das etwas für mich ist, sagte zu und durfte dann an einem zweijährigen Weiterbildungs-Programm des Bistums Mainz in der Kooperation mit Trier teilnehmen. Schon in der Weiterbildung habe ich gemerkt, wie viel es mich selbst weiterbringt.

Frage: Inwiefern?

Mählmann: Man lernt, anders auf Menschen zu schauen. Auch auf sich selbst. Das öffnet einem natürlich die Augen und geht einher mit einer eigenen spirituellen Entwicklung. Ich bin dadurch auch überzeugt: Wenn man anderen auf dem Weg zu  mehr innerer Freiheit helfen möchte, dann muss man auch die eigenen Baustellen anschauen und sich selbst weiterentwickeln.

Frage: Wie sieht die Arbeit als Schulseelsorgerin aus?

Mählmann: Bei uns an der Schule gibt es verschiedene Bereiche. Einerseits ist da die Seelsorge im eigentlichen Sinn, also dass man als Ansprechpartner da ist für jede Art von Sorgen oder Situationen, wo es jemandem nicht gut geht. Dazu gehört auch die Trauer- und Krisenseelsorge, zum Beispiel bei einem Todesfall in der Familie oder in der Schülerschaft. So hatten wir vor drei Jahren zwei Todesfälle nach schwerer Krankheit in der Schülerschaft, was für die anderen Jugendlichen natürlich eine schwierige Sache ist. Ich versuche, auf die Trauernden zuzugehen und unterstütze die Kolleginnen und Kollegen darin, die Situation in ihrer Klasse mit guten Gesprächen oder Ritualen aufzufangen. Seelsorgliche Begleitung findet aber häufig auch spontan am Rande von Veranstaltungen statt, die wir organisieren. Das ist eigentlich der größere Teil meiner Arbeit. Zum Beispiel organisiere ich Gottesdienste zusammen mit unserem Schulpfarrer, Besinnungstage für die Oberstufenschüler sowie Fahrten, zum Beispiel zur Abtei Himmerod und nach Taizé. Dabei kommt man mit den Jugendlichen ins Gespräch und begleitet sie ein wenig in ihrer Lebenssituation.

Frage: Hat sich die Schulseelsorge in den vergangenen Jahren verändert?

Mählmann: Jeder Schulseelsorger kann seine eigenen Schwerpunkte setzen, deswegen findet eigentlich immer eine gewisse Veränderung statt. In meiner Zeit als Schulseelsorgerin habe ich in den letzten Jahren festgestellt, dass die Schülerinnen und Schüler für die Frühschichten immer mehr ansprechbar werden. Das sind Morgenandachten an vielen Freitagen um sieben Uhr mit Liedern, Gebeten, Schriftlesung und Texten, die von Kindern und Jugendlichen in einer AG selbst vorbereitet werden. Wir sitzen bei Kerzenschein auf dem Boden unserer Schulkapelle und teilen im Anschluss Tee und Brötchen. In den letzten zwei Jahren hat diese Veranstaltung erfreulich viel Zulauf bekommen, auch von den Eltern und Geschwistern der Schülerinnen und Schüler. Früher waren wir immer sehr wenige, inzwischen ist der Raum meist bis oben hin voll. In der Fastenzeit haben wir schon einmal 80 Leute gezählt, und das, obwohl es freiwillig ist. Ich schließe daraus, dass das Bedürfnis nach Stille und Besinnung zunimmt. Ich bekomme auch oft die Rückmeldung, wie gut es tut, mit so einer lockeren Atmosphäre in den Tag zu starten.

Ein leerer Klassenraum
Bild: © IMAGO / imagebroker (Symbolbild)

Das Bedürfnis nach Stille und Besinnung nehme zu, sagt Beatrix Mählmann.

Frage: Mit welchen Themen kommen die Kinder und Jugendlichen gewöhnlich auf Sie zu?

Mählmann: Viele Kinder und Jugendliche leiden unter der Trennung oder Scheidung ihrer Eltern. Manchmal sorgen sie sich auch um ihre Eltern, wenn diese die Probleme nicht selbst anpacken. Wir haben gerade bei leistungsstarken Schülerinnen und Schülern auch immer wieder psychische Probleme oder Essstörungen. Aber auch aktuelle gesellschaftliche und politische Themen machen vielen Jugendlichen Sorgen. Der Klimawandel zum Beispiel oder die Angst vor einem Krieg, insbesondere seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges. Natürlich bekommen die Kinder die Diskussionen um atomare Bedrohung und Aufrüstung mit und fragen sich, wie sich das auf ihre Zukunft auswirkt. Ein Oberstufenschüler hat mir erzählt, dass der Vater bei der Bundeswehr ist und er sich Sorgen um ihn macht. Ein anderer Junge geriet beim Aufheulen einer Sirene in Angst, weil er dies direkt mit Krieg in Verbindung brachte. Ein weiteres Thema, das definitiv erst in den letzten Jahren häufiger aufkam, sind die Sozialen Medien. In meiner Jugendzeit war das noch gar kein Thema. Jetzt höre ich manchmal von Jugendlichen, wie sie von ihrer TikTok-Sucht erzählen und nach einem Ausweg suchen. Oder auch von Schülerinnen, die online sehen, wie sich ihre Freunde ohne sie verabredet haben. Das verletzt natürlich das Selbstwertgefühl, und das Gefühl des Ausgeschlossenseins wird bestärkt. Diese Gefühle sind in der Adoleszenz zwar normal, aber Kinder und Jugendliche werden heutzutage auf Schritt und Tritt damit konfrontiert und vergleichen sich deutlich häufiger.

Frage: Kommen die Kinder und Jugendlichen nach den Sommerferien vermehrt auf Sie zu?

Mählmann: Manchmal begleitet man Schülerinnen und Schüler über längere Zeit, da vereinbare ich dann gerne Termine direkt nach den Sommerferien. Auf eigenen Antrieb kommen häufig diejenigen, die mich vom Unterricht her kennen. Bei den Einführungstagen der Oberstufe gehe ich aber auch bewusst auf die Stammkurse zu, informiere sie über die Schulpastoral und versuche die Schülerinnen und Schüler für einen guten Umgang mit eigenen Krisen zu sensibilisieren. Wenn man so erste Schritte auf sie zumacht, fällt es ihnen später viel leichter, ein Gespräch zu suchen. Oft sind es aber auch Kolleginnen und Kollegen, die einen Kontakt zur Schulseelsorge vermitteln, oder Freundinnen und Freunde, die kommen, weil sie sich um jemanden Sorgen machen. Dann freue ich mich immer besonders, dass Menschen in unserer Schule so aufeinander achten. Ich würde auch sagen, dass das Bewusstsein für seelische und psychische Belastungen im Leben bei vielen, die an der Schule arbeiten, gestiegen ist. So dachten früher einige, dass unsere Kinder eher nicht mit Krisen und Problemen zu kämpfen hätten, da viele aus gut situierten Familien kommen. Aber das stimmt natürlich nicht.

Frage: Welche Rolle spielt der Glaube in der Schulseelsorge?

Mählmann: Für die Schulpastoral ist der Glaube motivgebend und motivierend zugleich. Wir arbeiten aus einer christlichen Berufung heraus, unsere Aufgabe ist es also, in der Nachfolge Jesu Menschen in schwierigen Situationen zu begleiten, ihnen zu begegnen und für sie da zu sein. Dennoch heißt es nicht, dass es in jedem Gespräch um den Glauben geht. Ich würde sogar sagen, dass das eher ein Vorurteil ist. Manchmal wird man als Repräsentantin der Kirche auch abgelehnt oder als zu fromm disqualifiziert, oft vor allem von Leuten, die einen gar nicht kennen. Dabei kommen die wenigsten Jugendlichen mit Fragen des Glaubens auf einen zu, das passiert am ehesten bei Todesfällen. Ich möchte auch niemandem meinen Glauben in Gesprächen aufzwingen. Dennoch hilft mir der Glaube persönlich, Impulse zu finden, und ich bin auch überzeugt, dass mir der Glaube den besten Halt im Leben gibt.

Frage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mählmann: Ich wünsche mir vonseiten des Bistums auf jeden Fall weiterhin viel Unterstützung, auch materieller Art. Seit letztem Jahr gibt es im Bistum Trier ein regelmäßiges Treffen der Schulseelsorger aller Schulen, eine ermutigende Maßnahme, die auch zeigt, dass wir wertgeschätzt werden. Gerade wir als Schulseelsorger haben auch den Vorteil, im direkten Kontakt mit Jugendlichen zu stehen, was viele Gemeinden ja vermissen. Ansonsten hoffe ich weiterhin auf eine gute Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen und der Schulleitung. Und natürlich, dass die Schülerinnen und Schüler offen sind für dieses Angebot. In einer zerbrechlichen Welt wie unserer gibt der Glaube an Gott, an Jesus, Halt, Kraft und Gelassenheit. Es würde mich riesig freuen, wenn viele Menschen in der Schule davon auch etwas mitbekommen und so froher durchs Leben gehen.

Ayleen Over