Laut den Wissenschaftlern Simone und Claudia Paganini zeigen viele biblische Figuren psychische Auffälligkeiten von Depressionen bis zu narzisstischen Tendenzen. "Angefangen bei der Genesis mit Adam und Eva bis zum Seher der Offenbarung – in jedem Buch gibt es Figuren, bei denen man Hinweise auf ein psychisches Störungsbild findet", schildern sie in einem Interview mit "Christ und Welt" (aktuelle Ausgabe). Jedoch: "Wir finden natürlich keine Anamnese-Berichte in der Bibel."
In den biblischen Erzählungen fehlten viele Details, die ein Psychiater für eine Diagnose brauche, so die Forscher weiter, die ein Buch zu dem Thema verfasst haben. Dennoch ließen sich Symptome feststellen. Mose beispielsweise zeige nach der Befreiung des Volkes Israel Anzeichen für eine Depression. "Er ist sehr erfolgreich, trotzdem kann er sich nicht freuen. Die Last der Verantwortung trägt er allein, er ist erschöpft und antriebslos, wünscht sich sogar den Tod", sagt Simone Paganini.
Hiob weise Symptome für Zwangsstörungen auf. Er mache sich übermäßig Sorgen um seine Kinder und bringe vorsorgliche Opfer, weil er befürchte, sie könnten Sünden begehen. Als er seine Kinder und Besitz verliere, falle er "in eine tiefe Depression und zieht sich zurück". In gesamten Buch Hiob höre das "Klagen eigentlich nie auf", sagt Claudia Paganini. Das habe etwas Pathologisches.
Jesus mit Impulsstörung?
Jesus selbst werde in der Bibel mit einer Neigung zum Alkohol beschrieben. Seine Reaktion auf die Viehhändler im Tempel lasse auf eine Impulsstörung schließen. Simone Paganini: "Jesus ist derjenige, der sagt: Wenn einer dich schlägt, halte auch die andere Wange hin. Und dann kommt er in den Tempel, ist verstimmt über die Viehhändler dort – und paff, geht es los." Gleichzeitig habe er auch selbst psychische Krankheiten geheilt, sagen die Wissenschaftler. Denn "viele psychische Erkrankungen wurden zur damaligen Zeit dem Teufel zugeschrieben", sagt Simone Paganini. Als Jesus Maria Magdalena sieben Dämonen austreibt, handelte es sich dabei vermutlich um psychische Krankheiten.
Die Wissenschaftler heben aber auch hervor: "In der Bibel werden Menschen nicht stigmatisiert." Viele seien sogar wichtig für die Heilsgeschichte. In der heutigen Zeit herrsche bei vielen die Meinung vor, "man müsse erst psychisch gesund sein, um ein gutes Leben führen zu können". Doch psychische Probleme bedeuteten nicht, dass der Mensch nichts leisten könne. "Die Bibel war da schon weiter als wir", sagt Claudia Paganini. (chd)