Er werde die geistige Grundhaltung von Bischof Karl-Heinz Wiesemann und dessen Fähigkeit vermissen, den Menschen das Evangelium nahezubringen, sagt Theo Wieder. Er hat in den vergangenen Jahren eng mit Wiesemann zusammengearbeit: Wieder ist Mitglied im Vorstand des Katholikenrats im Bistum Speyer. Das ist das höchste Vertretungsgremium von Laien in der Diözese. Zudem ist er Co-Vorsitzender der Diözesanversammlung – das höchste pastorale und synodale Gremium des Bistums, das auch den Bischof berät. Im katholisch.de-Interview blickt Theo Wieder auf die Amtszeit von Bischof Wiesemann zurück und spricht über Anforderungen an dessen Nachfolger.
Frage: Herr Wieder, mit 66 Jahren hat Bischof Karl-Heinz Wiesemann sein Amt niedergelegt. Hat Sie die Entscheidung überrascht?
Wieder: Ja, die Entscheidung hat mich sehr überrascht. Wir haben sie einerseits mit großem Respekt zur Kenntnis genommen – andererseits aber durchaus auch mit Bedauern, weil wir als Katholikenrat und Diözesanversammlung sehr gerne weiter eng mit Bischof Wiesemann weitergearbeitet hätten.
Frage: Können Sie den Schritt denn nachvollziehen?
Wieder: Uns war klar, dass es in den vergangenen Jahren einige Dinge im Bistum gab, die ihn wirklich sehr mitgenommen haben. Das war in der Zusammenarbeit feststellbar und er hat auch keinen Hehl daraus gemacht. Sehr belastet haben ihn insbesondere die Missbrauchsfälle im Bistum Speyer und die zahlreichen Gespräche mit Betroffenen, weil er sich aus meiner Sicht nicht vorgestellt hat, dass das in der auf die Botschaft Jesu Christi verpflichteten Kirche, für die er steht, so passieren konnte. Und sicherlich hat ihn auch der Rücktritt und Kirchenaustritt des früheren Generalvikars Andreas Sturm vor einigen Jahren sehr beschäftigt. Schließlich dürfte anstehende Umsetzung der in ihren Eckwerten beschlossenen Pfarreistrukturreform mit sicherlich manchen harten Diskussionen seine Entscheidung beeinflusst haben. Das war uns alles bewusst – und dennoch hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mit einem Amtsverzicht gerechnet.
"Dort, wo er sprach, hatte sein Wort Gewicht", sagt Theo Wieder über Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Wieder gehört zum Vorstand des Katholikenrats im Bistum Speyer und ist Co-Vorsitzender der Diözesanversammlung. Außerdem ist er Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und war Mitglied der Synodalversammlung des Synodalen Wegs der Kirche in Deutschland.
Frage: Welche Bilanz ziehen Sie persönlich nach der Amtszeit von Bischof Wiesemann?
Wieder: Bischof Wiesemann hat viele Dinge angestoßen, auf den Weg und auch ins Ziel gebracht. Es gab mit dem Prozess Gemeindepastoral 2015 schon einmal eine Pfarreireform, die mit der Erarbeitung einer neuen Vision für das Bistum mit dem Titel "Ein Segen sollt ihr sein" einherging, mit der Perspektiven für eine zukunftsfähige Kirche aufgezeigt wurden. Seit einigen Jahren läuft außerdem der bereits aufgezeigte neue Pfarreistrukturprozess. Parallel dazu galt es auf dem Synodalen Weg die Zeichen der Zeit zu erkennen und in konkrete Reformschritte umzusetzen sowie die Einbindung dieser Entwicklung in die Weltsynode der katholischen Kirche zu gestalten. Bischof Wiesemann hat synodal gedacht und es war ihm wichtig, keine Spaltung zwischen Reformwilligen und Reformunwilligen oder Ortskirche und Weltkirche zu provozieren. Daher hat er auch zu Geduld gemahnt, wenn etwa auf Laienebene schnelle und zu große Reformschritte gefordert wurden. Aus seiner eigenen kritischen Meinung zum priesterlichen Pflichtzölibat, zu Frauen in Weiheämtern und zur kirchlichen Sexuallehre hat er dabei keinen Hehl gemacht. Dort, wo er sprach, hatte sein Wort Gewicht. Wir sind Bischof Wiesemann für seinen Dienst in der Kirche, seinen Dienst an den Menschen und der Zusammenarbeit auf Augenhöhe sehr dankbar und werden seine geistige Grundhaltung und seine Fähigkeit vermissen, den Menschen das Evangelium nahezubringen.
Frage: Nun läuft im Bistum Speyer die Suche nach einem Nachfolger für Bischof Wiesemann. Der Synodale Weg der Kirche in Deutschland hat in einem seiner ersten Beschlüsse mehr Laienbeteiligung bei diesem Prozess gefordert. Ist das Domkapitel schon auf Sie zugekommen?
Wieder: Unmittelbar nach seiner Wahl ist der durch das Domkapitel gewählte Diözesanadministrator Markus Magin auf mich zugekommen und hat in einem ersten ganz wichtigen Schritt festgelegt, dass er auch in der Zeit der Sedisvakanz die Beratung durch die Diözesanversammlung will. Das ist nicht selbstverständlich, weil die Amtszeit der Diözesanversammlung mit der Amtszeit des Bischofs endet. In unserer Satzung steht aber, dass der Diözesanadministrator sich der Diözesanversammlung und ihrer Gremien bedienen kann. Dass Markus Magin das quasi als erste "Amtshandlung" erklärt, ist zunächst einmal ein starkes Zeichen. Zudem hat er mitgeteilt, den Vorstand der bisherigen Diözesanversammlung, den Vorstand des Katholikenrats und den Vorstand des Priesterrat sowie den Allgemeinen Geistlichen Rat einzuladen, um über die Kriterien, die wir in der Vorbereitung der Erarbeitung der sogenannten Dreierliste für einen neuen Bischof von Speyer für notwendig halten, gemeinsam zu beraten.
Frage: Im Bistum Speyer gilt das Bayerische Konkordat. Dadurch hat das Domkapitel keine Wahlmöglichkeit, sondern nur die Möglichkeit, dem Papst eine Liste mit drei Kandidaten zu schicken. Der Papst muss sich am Ende aber nicht an diese Vorschläge halten. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Mitwirkung?
Wieder: Wir werden als Katholikenrat und auch als Diözesanversammlung wie dargelegt in den kommenden Tagen überlegen, wie wir uns im Sinne des Synodalen Wegs in die Suche eines neuen Bischofs einbringen können – beispielsweise durch die Erarbeitung von Zielvorstellungen und Leitlinien, die wir uns für unseren neuen Bischof wünschen. Wir sind zudem bereit, Gedanken und Vorstellungen, die aus dem Bistum an uns herangetragen werden, als Vertretung der Gläubigen im Bistum zu artikulieren.
Leitet das Bistum Speyer, bis ein neuer Bischof gefunden ist: der bisherige Generalvikar und jetzige Diözesanadministrator Markus Magin. Er hat sich bereits an die Diözesanversammlung gewandt und deren Beratung erbeten.
Frage: Welche Eigenschaften muss ein neuer Speyerer Bischof denn aus Ihrer Sicht mitbringen?
Wieder: Wir brauchen jemanden, der zum Bistum Speyer, den sehr engagierten Menschen hier und den bisherigen Prozessen passt. Er muss – wie Bischof Wiesemann – nah bei den Menschen sein, sich einsetzen für das, was die Menschen in diesen Zeiten brauchen, die Zeichen der Zeit erkennen und weiterhin reformorientiert eine zukunftsfähige Kirche gestalten wollen. Wir wünschen uns zudem einen Bischof, der gerade in diesen herausfordernden Zeiten mutig die Frohe Botschaft verkündet und Begeisterung für die Sache Jesu vermitteln kann. Ein genaues Profil müssen wir aber im Vorstand des Katholikenrats und im Vorstand der Diözesanversammlung noch erarbeiten.
Frage: Es ist nicht die erste Bischofsernennung, die unter Papst Leo XIV. in Deutschland stattfindet. Wenn Sie sich die bisherigen Ernennungen anschauen: Macht Ihnen das eher Sorgen oder eher Hoffnung für den nächsten Bischof in Speyer?
Wieder: Wenn ich auf die wenigen Bischofsernennungen schaue, die ich im Blick habe und wo ich die handelnden Personen durch den Synodalen Weg ein wenig kenne, bin ich durchaus hoffnungsvoll, dass es gelingt, für das Bistum Speyer eine gute Lösung zu finden, die zu uns und zu den Menschen im Bistum passt. Selbstverständlich habe ich keine Kenntnisse darüber, wie man jetzt im Bischofsdikasterium in Rom auf die Situation in Speyer blickt. Aber ich bin guter Dinge, dass wir zumindest mit dem Domkapitel und dem Diözesanadministrator einen guten Weg gemeinsamer Beratung finden werden.
Frage: Gerade im Hinblick auf den Rücktritt von Bischof Wiesemann gibt es wieder Diskussionen über die Anforderungen an das Bischofsamt und die Frage, ob das nicht zu überfordernd ist. Welche Aufgaben könnten Laiinnen und Laien aus Ihrer Sicht denn künftig einem Bischof abnehmen, wenn das möglich wäre?
Wieder: Ich will das mal am Beispiel unserer Diözesanversammlung festmachen. Auch dort haben wir auf der Laienebene in den vergangenen Jahren einen intensiven Lernprozess durchlaufen. Wir mussten uns erst in die Aufgabe einarbeiten, einen Bischof zu beraten – vor allem, wenn der erklärt, sich allen Beschlüssen des Gremiums im Regelfall zu unterwerfen. Das ist auch für Laien neu. Ich denke aber, es ist uns in den vergangenen Jahren sehr gut gelungen, dies im Geist des Miteinanders zu schaffen – auch bei schwierigen Fragen in Zeiten zurückgehender personeller und finanzieller Ressourcen. Klar ist: Der Bischof hat immer die Letztverantwortung und ist immer an vorderster Stelle gefordert. In einer hierarchisch organisierten Kirche lässt sich das nicht wegdiskutieren. Das macht das Bischofsamt sehr herausfordernd und sicherlich manchmal auch emotional schwierig. Auch Bischöfe sind Menschen und dass eine solche Aufgabe durchaus an die Grenzen der Überforderung bringen kann, ist gut nachvollziehbar.