Katholische Prägung geht zurück

Warum in Lateinamerika Freikirchen zum Stadtbild gehören

Evangelikale Gläubige in Rio de Janeiro
Bild: IMAGO / epd

Wer unbedarft durch das Zentrum von Rio de Janeiro läuft, dem fallen direkt die vielen Kirchen auf: Marienstatuen, der Stadtpatron Sebastian, barocke Stuckverzierungen und glänzende Kerzenleuchter – die katholische Prägung Brasiliens ist buchstäblich mit den Händen greifbar. Bei einer Fahrt aus der Stadt heraus zeigt sich aber ein anderes Bild: An den Ausfallstraßen, an den Rändern der Favelas, stehen die glitzernden Logos der großen Pfingstkirchen. Denn der Anteil der Katholiken in Brasilien geht zurück, jener der Evangelikalen und Pfingstkirchen steigt – ein verbreitetes Phänomen in Lateinamerika.

Als Erbe der Kolonialisierung sind die Länder Lateinamerikas ursprünglich katholisch geprägt gewesen, wenn sie sich auch unterschiedlich entwickelt haben. Das eingangs erwähnte Brasilien ist seit jeher ein sehr gläubiges Land, 79 Prozent der Menschen sagten in einer Umfrage 2024, Religion sei ihnen wichtig. In Argentinien sind es dagegen nur 37 Prozent, Länder wie Peru (67), Mexiko (50), Kolumbien (57) oder Chile (40) liegen dazwischen. Was aber alle verbindet: Der katholischen Kirche kehren die Menschen den Rücken – und die Protestanten sind zu einer festen Größe geworden, wenn auch in unterschiedlichen Dimensionen: In Brasilien sind mittlerweile ein knappes Drittel aller Menschen Protestanten, in Mexiko ist es dagegen nur jeder Zehnte. In Panama oder der Dominikanischen Republik sind heute sogar mehr als die Hälfte der Menschen Anhänger von Pfingstkirchen. "Lange wenig beachtet, mittlerweile oft beschrieben, ist die Konvertierung großer Bevölkerungsteile zu den verschiedenen Formen des Evangelikalismus eine der größten demografischen, kulturellen und mentalitätspolitischen Transformationen der vergangenen Dekaden in Lateinamerika. Während evangelikale Gruppen lange abseits der politischen Arenen standen, sind sie mittlerweile zu zentralen politischen Akteuren aufgestiegen", schreibt dazu etwa der Lateinamerika-Experte Jonathan Neu in einem Beitrag für die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung.

Der Kolonialismus spielt – gemeinsam mit sozialen Faktoren – auch eine Rolle bei der Entstehung der Freikirchen. Denn die Region macht ab den 1960er Jahren einen Wandel durch: Die Agrargesellschaften werden industrialisiert, Menschen ziehen vom Land in die Städte. Dadurch zerbrechen angestammte soziale Bindungen, auch jene zur Kirche. In den Städten ist die Oberschicht zwar katholisch und durch das koloniale Erbe geprägt, für die Armen gibt es aber kaum Infrastruktur. Viele Menschen fühlen sich entwurzelt, sie sind arm und haben keine Stimme in der Gesellschaft.

Befreiungstheologie und neue Kirchen

In diesem Klima entsteht auch die Befreiungstheologie: Die Basisgemeinden versuchen, an die verlorengegangenen ländlichen Strukturen anzuschließen. Doch es ist nicht die einzige Bewegung, die die Menschen am Rand der Großstädte in den Blick nimmt. Auch die charismatischen Prediger der pfingstlich geprägten Freikirchen tun das, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, sagt der Jesuit Martin Meier, Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat gegenüber katholisch.de: "Gesteuert wurde diese Entwicklung aus den USA. Dabei ging es um ein Zurückdrängen der Bewegung der Basisgemeinden und der fälschlich als marxistisch etikettierten Theologie der Befreiung im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil." Dabei füllen die Pfingstkirchen auch Leerstellen der staatlichen Fürsorge, schreibt Jonathan Neu: "Im Kontext extremer Armut, Gewalt und sozialer Marginalisierung bedarf es eines Glaubens, der starke Leitplanken und Regeln bietet und den Einzelnen täglich neu befähigt, in der allgegenwärtigen Verzweiflung nicht der Selbstzerstörung zu erliegen." Auch theologisch unterscheidet sich der Ansatz der Pfingstkirchen gegenüber der katholischen Befreiungstheologie. Während die Befreiungstheologie die Armut manchmal sogar romantisiert, kommen die Pfingstkirchen mit einem Versprechen: Dem sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg. In ihrer Welt gilt das Wohlstandsevangelium: Wer ein gottgefälliges Leben führt, den adelt Gott mit Geld und Ansehen. Dieses Verständnis ist natürlich vor allem als Rückschluss interessant: Wer reich ist, wird wohl auch moralisch viel richtig gemacht haben.

"Zu den Erfolgsfaktoren gehören die einfachen und klaren Botschaften, die unmissverständlichen und rigiden moralischen Imperative und die Zusage der Prediger und Kirchengründer, dass jede und jeder Einzelne (wirtschaftlich) erfolgreich sein kann, wenn er nur mit Spenden, Taten und Gebeten seinen festen Glauben unter Beweis stellt", so Adveniat-Hauptgeschäftsführer Maier. Damit sind die Pfingstkirchen in gewisser Weise auch erfolgreich: Denn ihre Mitglieder schaffen zum Teil tatsächlich den Aufstieg – gar nicht selten ist das Dank der eifrig eingeforderten Spenden der Prediger selbst. Doch das ist kein Hindernis, steht er doch als positives Beispiel für seine Gemeinde – die dadurch erlebt: Der Aufstieg ist möglich und auch aus unseren Reihen kann man es schaffen. Neu schreibt aber auch: "Gleichzeitig bleiben nicht wenige Gläubige, die über Jahre hinweg noch das Wenige, das ihnen zur Verfügung stand, an die Gemeinschaft gegeben haben, arm – was ihnen dann auch noch als Zeichen ihres Unglaubens ausgelegt wird –, während ihre Pastoren zu Millionären werden. Das Spannungsverhältnis zwischen spiritueller Selbstwirksamkeit und ökonomischer Ausbeutung gehört unweigerlich zum ambivalenten Charakter des Neopentekostalismus."

Dieser Wandel hat theologische wie auch atmosphärische Folgen: Anfangs handelt es sich bei vielen der Pfingstkirchen um kleine Garagen, in denen vor den Armen von Schuld, Askese und dem Kreuz gepredigt wird. Doch mit dem sozialen Aufstieg werden aus den Garagen glitzernde Paläste, in denen es – nun neupfingstlich oder neopentekostal genannt – um Erlösung und Segen geht. Askese etwa ist nun nicht mehr so gefragt.

Eine Freikirche in Salvador da Bahia in Brasilien
Bild: © IMAGO / Depositphotos

In vielen großen Städten Lateinamerikas fallen die Pfingskirchen auf, wie hier im brasilianischen Salvador.

Für Teile der Gesellschaft sind die Neo-Pfingstkirchen ein funktionierender Baustein der modernen Spiritualität. Es gibt Gottesdienste für Erfolg, Liebe und Gesundheit. Insbesondere beim Thema Heilungen kommen immer wieder Exorzismen vor. Zudem spielt für die persönliche Identitätsbildung von Freikirchlern die religiöse Verortung eine größere Rolle als in der Gesamtgesellschaft.

Das hat auch politisch Folgen: Die pentekostalen Gemeinschaften bringen ihre oft rigiden Moralvorstellungen und konservativen Gesellschaftskonzepte deutlich in den öffentlichen Diskurs ein. Maier führt aus: "Der frühere rechtsextreme Präsident Brasiliens Jaír Bolsonaro hatte mit seinem unverhohlenen messianischen Anspruch seine Macht ganz bewusst auf die vor allem in den brasilianischen Städten verbreiteten evangelikalen Kirchen und Pfingstbewegungen aufgebaut. Und selbst der sich als libertär gebende argentinische Präsident Milei nutzt die evangelikalen Mega-Churches, um seine Botschaft zu verbreiten – ist er dort doch nicht dazu gezwungen, sich regierungskritische Töne anzuhören, wie in den katholischen Kirchen des Landes." Es bleibt allerdings auch festzuhalten: Pfingstkirchen sind sehr unterschiedlich, theologisch wie politisch. Punktuell können sie eine enorme Wirkung entfalten, doch ein konsequentes gemeinsames politisches Programm gibt es nicht.

Dagegen fallen Pfingstkirchen immer wieder durch ihre Verbindungen zum organisierten Verbrechen auf. Manche Kirchen gibt es nur, um Geld mit ihnen zu waschen – kirchlichen Steuerprivilegien sei Dank. Auch mit den Banden, die Favelas kontrollieren, stecken manche Kirchen unter einer Decke – und lassen sich mit Spenden gern dafür entlohnen. Gegenüber dem Magazin "welt-sichten" spricht Sicherheitsexperte Robert Muggah vom brasilianischen Think-Tank Igarapé von einer "Gefängnis-Kirchen-Pipeline". In Rio de Janeiro seien heute 81 der 100 in Gefängnissen tätigen Sozialorganisationen evangelikal. Entsprechend habe die Zahl der sich zu Freikirchen bekennenden Drogenbosse zugenommen.

Katholischer Kirche ist etwas verloren gegangen

Ein Blick auf diese ganz unterschiedlichen Veränderungen in den Lateinamerikanischen Ländern zeigt: Da ist der katholischen Kirche etwas verloren gegangen. "Durchaus selbstkritisch muss gerade auch die katholische Kirche zugestehen, dass es Evangelikale und Pfingstler bei der einsetzenden Urbanisierung der 1960er-Jahre immer auch verstanden haben, als Erste und dann kontinuierlich bei den Menschen zu sein, die auf der Suche nach Arbeit vom Land in die sich ausbreitenden Armenviertel an den Rändern der Großstädte gezogen sind", sagt Maier. Gerade darin liege auch der Weg, den die katholische Kirche angesichts dessen beschreiten sollte: " Die katholische Kirche ist dort stark, wo sie als solidarische Weltkirche ganz im Sinne der Option für die Armen in den Armenvierteln nahe bei den Menschen ist." Denn angesichts fehlender Gesundheitsversorgung, dem Aufstieg von Populisten und einer Demokratie auf dem Rückzug seien die Probleme weiterhin groß.

Auf der Ausfallstraße Rio de Janeiros wird es Abend. In den Armenvierteln wird es dunkel, an der Autobahn sind die überdimensional großen Supermärkte dagegen in gleißendes Licht getaucht. Sie sind voller Menschen, die Waren über Waren in ihre Wagen legen. Dazwischen die selbstbewusst auftretenden Pfingstkirchen.

Ihr Aufwind hat sich in den vergangenen Jahren verlangsamt, sie sind zu einem festen Bestandteil einiger Länder geworden und prägen die Politik und die öffentliche Diskussion dort mit. Diese Entwicklung steht der europäischen Perspektive entgegen, wo Religion seit vielen Jahre auf dem Rückzug ist. So ist in Lateinamerika eine für hiesige Verhältnisse ungewohnte Form einer postmodernen Spiritualität entstanden, die alle Ambivalenzen in sich vereint, die auch alle anderen Spiritualitäten in sich tragen.

Christoph Paul Hartmann