Pilgerprojekt im Ruhrgebiet besteht seit 30 Jahren

"Auf die Beine kommen": Psychiatriepatienten auf dem Jakobsweg

"Auf die Beine kommen": Psychiatriepatienten auf dem Jakobsweg
Bild: KNA/Andreas Drouve

Auf den Etappen des Jakobswegs von Herne im Ruhrgebiet nach Santiago de Compostela in Spanien sei sie – im wahrsten Sinne des Wortes – "wieder auf die Beine gekommen", erzählt Ursula R. und ist auch Jahre später gerührt, wenn sie davon spricht. Die Pilgertour, an der sie als Patientin der Psychiatrie im St. Marien Hospital in Herne-Eickel teilnahm, habe sie aus ihrer psychischen Erkrankung gezogen und ihr wieder ermöglicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Seit 30 Jahren unternimmt die Klinik mit Patientinnen und Patienten, die dies möchten und körperlich können, den Pilgerweg, jedes Jahr im September eine Etappe. "Jakobustherapie" nennen sie es und können medizinische Erfolge vorweisen. "Die Patienten gewinnen Selbstbewusstsein, können sich auf ihre Kräfte konzentrieren – und nicht auf die Defizite – und brauchen weniger Medikamente", sagt der Leiter der Klinik, Chefarzt Peter Nyhuis, zum 30-jährigen Jubiläum des Projekts.

Am Montag (7. September) brechen wieder 20 Patientinnen und Patienten zur diesjährigen Tour nach Frankreich auf. Untergebracht sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einfachen Hotels, von wo aus sie zu den Tagesetappen starten. 20 Kilometer werden sie jeden Tag gehen. "Aus Menschen, die als krank gelten, werden in dieser Zeit Pilger. Das ist der Erfolg", sagt Nyhuis.

Patienten beteiligen sich an Planung und Vorbereitung

Der Anfang des Projekts 1996 war unspektakulär, aber schon im Einklang mit den Therapiemethoden der offenen Klink des katholischen Hospitals. "Wir ermuntern Patienten immer, ihre Stärken, ihre Interessen und Fähigkeiten zu entwickeln", sagt der Chefarzt. Kein Mensch sei nur psychisch krank, jeder habe auch andere Seiten. Bei einer Visite habe sein Vorgänger mit einem Mann, der stationär behandelt wurde, über dessen Aktivitäten gesprochen, und dabei von den Jakobswegen im Ruhrgebiet erfahren.

"Unser Team hat dann in kurzer Zeit entschieden, dass wir auf Jakobswegen der Umgebung erste Übungswanderungen machen könnten", berichtet der Psychologe Wilhelm Hamer, der von Anfang an dabei war. Dabei hätten sich erste Erfolge gezeigt: Den Patienten habe es gutgetan, in der Gruppe zu gehen, auf dem Weg therapeutische Gespräche zu führen und dann auch Verantwortung für das Projekt zu

übernehmen: Sie planen die Etappen, organisieren während des Jahres Übungswanderungen, halten Vorträge über Kunst, Kultur und Natur auf den Wegen.

"Die Mitarbeit an dem Projekt ist ein Geländer in meinem Leben geworden, daran kann ich mich immer festhalten, wenn es mal ein bisschen schlechter geht", erzählt Fatma T., die seit zehn Jahren mitpilgert. Für sie als Muslimin sei es besonders interessant, die vielen christlichen Kirchen und Kapellen am Wegesrand zu entdecken.

Bild: © picture alliance / imageBROKER

Das Ziel des Jakobswegs: Santiago de Compostela.

Von 1999 bis 2010 waren die Gruppen dann zum ersten Mal etappenweise bis nach Santiago de Compostela unterwegs. "Die Ankunft in Santiago war ein einmaliges Erlebnis", erinnert Ursula R. sich. Sie war als Ärztin nach der Wende aus Dresden ins Ruhrgebiet gekommen, fühlte sich aber nicht akzeptiert und entwickelte eine psychische Erkrankung. Zunächst noch zögernd schloss sie sich dem Projekt an. Wie die meisten bezweifelte sie, dass sie 20 Kilometer am Tag wandern könnte. Aber sie hielt durch. "Das Pilgern hat mein Leben verändert." Zum Jubiläum ist sie aus Dresden angereist, wo sie inzwischen wieder lebt.

Die Ankunft in Santiago war ein Höhepunkt. Aber danach? "Das Ende jeder Tour, und schon gar die Ankunft am Ziel, ist der schwierigste Punkt für die Patienten", sagt Ergotherapeutin Beate Brieseck, die die Pilger seit 30 Jahren begleitet. "Der Abschied von der Gruppe, die Rückkehr in den Alltag, fällt vielen schwer."

In diesem Jahr geht es zu Pilgeretappen in Frankreich

Das Team der Klinik beschloss deshalb, nach der Ankunft wieder neu zu beginnen. Dieses Mal durch halb Europa, immer auf Jakobswegen. In Annaberg in Sachsen waren sie erneut gestartet, jeweils in gemischten Gruppen aus erfahrenen und neuen Patienten. "Anfangs arbeiteten wir mit Patienten, die hier stationär aufgenommen sind, das haben die Krankenkassen aber nicht voll übernommen. Deshalb sind jetzt diejenigen dabei, die in der offenen Tagesbetreuung bei uns sind", sagt der Psychiater Peter Nyhuis. Einen Teil der Kosten steuert ein Förderverein aus Spenden bei.

Dieses Jahr macht sich die Gruppe nach der Verabschiedung mit einem Reisesegen und einer Jakobsmuschel auf den Weg in den Südwesten Frankreichs. Über Limoges und das Périgord geht es dann bis zum Fuß der Pyrenäen.

Irene Dänzer-Vanotti (epd)