Der Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz zeigt sich entsetzt angesichts der Vertuschungsvorwürfe gegen den bekannten Münsterschwarzacher Benediktiner Anselm Grün und seiner Reaktion darauf. In einer Pressemitteilung (Sonntagabend) fordert das Gremium eine umfassende Aufklärung des Vorwurfs. "Außerdem halten wir es für dringend geboten, eine unabhängige Untersuchung durchzuführen, ob und inwieweit auch anderen mutmaßlichen wie überführten Missbrauchstätern durch das Recollectiohaus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach der Weg zurück in die Seelsorge geebnet wurde", so der Beirat weiter.
Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Paderborn hatte in ihrem vierten Jahresbericht in der vergangenen Woche Grün vorgeworfen, einen geständigen Missbrauchstäter aus dem Recollectio-Haus in die Seelsorge vermittelt zu haben. Das Recollectio-Haus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach bietet psychotherapeutische und geistliche Begleitung für Priester, Ordensleute und Mitarbeitende im Kirchendienst an. Grün ist Geistlicher Leiter der Einrichtung. Gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagte der Benediktiner: "Ich kann mich an den Fall nicht erinnern und schließe das auch aus." Der Betroffenenbeirat stellt die Frage, wie das zusammenpasse.
Betroffenenbeirat: Homosexualität galt als größeres Problem als Missbrauch
Dem Paderborner Bericht zufolge soll Grün dafür gebürgt haben, dass der geständige Priester nicht homosexuell sei und daher wieder in der Seelsorge eingesetzt werden könne. Für den Betroffenenbeirat ist das ein Zeichen für die damals "und zum Teil bis heute" in der katholischen Kirche vertretene Auffassung, dass "die homosexuelle Veranlagung eines Priesters ein weitaus größeres Problem darstelle als ein von ihm mutmaßlich begangenes Missbrauchsverbrechen. Die Opfer waren und sind dabei nicht im Blick."
Bei dem Fall aus den 1990er Jahren geht es um einen Paderborner Vikar, der einen 16-Jährigen sexuell missbraucht und sich im späteren Strafverfahren geständig gezeigt hatte. Nach einem Aufenthalt des Priesters im Recollectio-Haus habe Grün gegenüber Verantwortlichen aus dem Erzbistum Paderborn die Bereitschaft erklärt, den Priester in das Kloster Münsterschwarzach aufzunehmen. Außerdem habe er vorgeschlagen, den Vikar bis dahin in einer Gemeinde im Bistum Würzburg weiter in der Seelsorge einzusetzen. Dem Einsatz habe das Bistum Würzburg im September 1992 zugestimmt. Der Geistliche wurde daraufhin laut Jahresbericht von 1992 bis 2009 in Würzburg und ab 2009 im Bistum Erfurt eingesetzt. (fxn)