Standpunkt

Gefühle sind schlechte Ratgeber für eine Wahlentscheidung

Eine Papiertasche der Partei "Alternative für Deutschland" in einer Kirchenbank.
Bild: KNA/Harald Oppitz

Sachsen-Anhalt hat gewählt: Eine deutliche Mehrheit gibt ihre Stimme einer demokratiefeindlichen Partei, die keinen Hehl daraus macht, dass sie den Rechtsstaat demontieren, Minderheiten benachteiligen, Freiheiten einschränken und den Bildungsbereich zu ihren eigenen Gunsten umbauen möchte.

Es mangelt nicht an Erklärungsversuchen: die Wende als Lebenseinschnitt, mangelnde Demokratieerfahrung nach NS- und DDR-Vergangenheit, niedrige Löhne, das Bildungsniveau und Protest gegen die aktuelle Politik. Keiner dieser Erklärungsversuche überzeugt mich. Vielleicht braucht man auch gar nicht nach vernünftigen, nach "guten" Gründen suchen. Die tragfähigste Begründung sperrt sich gegen alle Vernunft: Die Wählerinnen und Wähler der AfD entscheiden nach Bauchgefühl. Es fühlt sich gut an, es "denen da oben" zu zeigen, die scheinbar unumstößlichen Regeln des gesellschaftlichen Diskurses bewusst zu brechen, scheinbar Schuldige anzuprangern und Teil einer offensichtlich aufstrebenden Bewegung zu sein.

Gefühle sollte man nicht unterschätzen. Sie sind auch nicht per se falsch. Sie taugen – insofern sie durchaus real sind – als Erklärung. Sie sind aber keinesfalls eine Entschuldigung. Gefühle sind schlechte Ratgeber für eine Wahlentscheidung. Um es klar zu sagen: Es gibt nicht einen einzigen vernünftigen, keinen einzigen "guten Grund", für die Wahl einer demokratiefeindlichen Partei. Wirklich keinen.

Meine Solidarität gilt allen, die ihre Stimme nicht der AfD geschenkt haben. Dafür bedanke ich mich – insbesondere als Enkeltochter einer aus der DDR geflüchteten Frau, die sich zeitlebens mit den Folgen von Diktatur und Flucht auseinandersetzen musste und die den Menschen im Osten Deutschlands immer sehr verbunden blieb – von Herzen. Danke!

Katharina Goldinger

Die Autorin

Katharina Goldinger ist Theologin und Pastoralreferentin im Bistum Speyer und Religionslehrerin an einem Speyerer Gymnasium. 

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.