Beim AfD-Jubel am Sonntag kam mir Reinhold Schneiders Sonett von 1936 in den Sinn:
"Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.
Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen.“
Innere Emigration ist aber trotz des erschreckenden Trends nicht angesagt. Allen Krisen und Sorgen, geschickter Demagogie und Regierungsfrust zum Trotz konnten die Rechtsradikalen über zwei Drittel aller Deutschen bisher nicht betören. Die Voten der christlichen Minderheit ließen schon die NPD in Sachsen-Anhalt 2011 und Sachsen 2014 an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern und nun die AfD an der absoluten Mehrheit. Es ist eben nicht nur die verteufelte "Kirchensteuerkirchen"-Hierarchie, sondern die Schwarmintelligenz der Christen selbst, die zur Verteidigung der grundgesetzlichen Ordnung motiviert. Deren Schutz der Menschenwürde nannte Bischof Joachim Reinelt 1991 "verwirklichten Glauben".
Dass die Hälfte der Wähler Sachsen-Anhalts geschichtsvergessen, verblendet durch Dauerhetze im Netz, moralisch stumpf gegenüber rechtspopulistischer Schädigung anderer Länder und russischen Kriegsverbrechen Putin-Parteien nachläuft, ist eine nationale Schande. Wer diese Kritik als "Wählerbeschimpfung" delegitimiert und zur falschen Strategie erklärt, hat oft selbst inhaltliche Schnittmengen mit der AfD.
Jahrzehntelang wurde gefragt: Wie konnten die Erben Goethes und Kants dem monströsen NS-Regime folgen? Und nun soll nur noch sozio-ökonomisch und therapeutisch-versteherisch über und mit Extremisten-Wählern gesprochen werden? Autoritäre Parteien werden nicht nur von armen "Abgehängten“, sondern auch aus unmoralischem Antrieb gewählt: Egoismus, Gewaltaffinität, Opportunismus, Zerstörungswut. Und aus selbstbewusst auftrumpfender Dummheit, der Hybris von unten.
Sittliche Mindeststandards auch bei Wählern anzumahnen – von denen ja die Staatsgewalt ausgeht - gehört zu christlicher Weltverantwortung. Es wäre ein Missverständnis demütiger Kirche, zur Verletzung grundlegender Normen zu schweigen. Die beginnen an der Wahlurne, nicht erst im Staatshandeln. Betuliche Freisprüche der AfD-Wähler sind moralische Kapitulation. Sie kränken deren Opfer.
Der Autor
Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.