Standpunkt

Der Gottesglauben ist weder ethisch noch politisch neutral

Ein Banner der Euro-kritischen Partei AfD steht am 26.08.2013 während einer Wahlkampfveranstaltung zur Bundestagswahl in Freiburg vor dem Freiburger Münster.
Bild: picture alliance/Rolf Haid

Schockstarre und Sprachlosigkeit sind jetzt genau eine Woche her. Doch schnell hat auch die Diskussion darüber begonnen, wie die Kirchen auf das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt reagieren sollen. Denn angesichts der Zustimmung für die AfD an den Wahlurnen, aber auch bei der sogenannten Sonntagsfrage, wen die Bürgerinnen und Bürger bei der nächsten Abstimmung über den Bundestag wählen würden, ist mehr Engagement für die Demokratie angesagt.

Der Münchener Kardinal Reinhard Marx hat vor diesem Hintergrund den christlichen Glauben als "Schwungrad für die Demokratie" bezeichnet. Auch die Kirchen müssten hier "ihre Hausaufgaben" machen. Er hat dafür prompt Widerspruch erhalten. Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück hat Marx entgegengehalten, dass Gott damit funktionalisiert würde. Er sei jedoch der "ganz Andere" und dürfe nicht entsprechend verzweckt werden.

Nun hat Tück Recht, dass es in der 2.000-jährigen Tradition der Kirche andere Zeiten gab und die Kirche auch in Ländern bestehen können muss, in denen es keine Demokratie gibt. Aber das heißt ja nicht, dass sie keine Position hat, worauf auch der Theologe Thomas Söding aufmerksam gemacht hat. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist klar, dass die katholische Kirche gut beraten ist, sich für die Demokratie als beste aller – immer mit Makeln – behafteten Staatsformen einzusetzen. Wie wären Menschenwürde, Menschenrechte und Minderheitenschutze besser zu gewährleisten?

Der Gottesglauben ist weder ethisch noch politisch neutral. Schon die biblische Botschaft spricht hier eine andere Sprache. Und wie wollte man sonst überhaupt den Anspruch erheben, sich heute in gesellschaftliche Debatten einzubringen? Es in jedem Fall gut, dass die Debatte über die Konsequenzen der Wahl in Sachsen-Anhalt in der Kirche geführt wird.

Stefan Orth

Der Autor

Dr. Stefan Orth ist Chefredakteur der "Herder Korrespondenz".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.