Plötzlich knistert ein Feuer. Kein gemütliches Lagerfeuer, sondern ein Scheiterhaufen. Hell lodern die Flammen, in denen der Kirchenreformer Jan Hus im Jahr 1415 bei lebendigem Leib verbrennt – von den Kirchenfürsten als Aufrührer und Ketzer verurteilt.
Es ist eine von Dutzenden Szenen, die der Berliner Bildkünstler Yadegar Asisi für sein neues Großpanorama zum Konstanzer Konzil zusammengefügt hat: Eine 3.500 Quadratmeter große, turmhohe Bildkomposition, die Besucher in das mittelalterliche Konstanz entführt. "Mein Wunsch ist, dass Besucher in die Bildwelten eintauchen, sich emotional von den erzählten Geschichten berühren lassen", sagte Asisi bei der Präsentation am Donnerstag.
Geschickte Licht- und Toneffekte verändern das Seherlebnis
Vom 15 Meter hohen Turm in der Mitte des neu gebauten Panorama-Gebäudes ergeben sich immer neue Einblicke. Durch geschickte Licht- und Toneffekte verändert sich das Seherlebnis. Am Ende der Nacht wacht die Stadt langsam auf, am Mittag pulsiert das Leben. Bevor es dann wieder Abend wird.
Stichwort: Konstanzer Konzil
Das Konstanzer Konzil war eine der größten kirchlichen und politischen Versammlungen des Mittelalters. Es hatte enorme Bedeutung für den internationalen kulturellen und intellektuellen Austausch. In Konstanz wurde nicht nur Kirchen-, sondern auch weltliche Machtpolitik gemacht. Zwischen 1414 und 1418 kamen in der Bodenseestadt Tausende Gesandte, Bischöfe, Gelehrte und Fürsten zusammen. Ziel war, die damalige Kirchenspaltung zu überwinden. Seit 1378 rangen zeitweise drei Päpste und deren verfeindete Unterstützer um die Vorherrschaft. Vor allem durch den Einfluss des deutschen Königs Sigismund (1411–1437) gelang 1417 mit der Wahl von Papst Martin V. (1417–1431) ein Neuanfang. Es war die einzige Papstwahl auf deutschem Boden.
Auch vereinbarten die Konzilsteilnehmer, kirchliche Reformfragen künftig in regelmäßigen Abständen bei einem Konzil zu beraten; eine Idee, die sich gegen wiedererstarkende Päpste später nicht durchsetzte. Viele Probleme und Konflikte schwelten daher weiter und mündeten 100 Jahre später in die Kirchenspaltung und die Konfessionskriege. Inhaltlich beschäftigte sich die Konzilsversammlung auch mit reformatorischen Strömungen. Am folgenreichsten war die Auseinandersetzung mit dem böhmischen Theologen Jan Hus: Der Prager Gelehrte wurde als Ketzer verurteilt und in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt. (KNA)
Für das Panorama hat das Kreativteam von Asisi Hunderte Fotos, Zeichnungen und digitale Kompositionen zusammengefügt. Schauspieler werden in historischen Kostüme in Szene gesetzt – als Wäscherin, Wirt oder König. Die Detailgenauigkeit der Einzelszenen ist verblüffend.
In allen Gassen und Hinterhöfen ist Leben. Schweine werden geschlachtet, Boote gebaut, Leder gegerbt. Über den See kommen Waren in die Stadt. Am Himmel fliegen Krähen. Der Papst segnet das Kirchenvolk. Jan Hus veröffentlicht seine Kirchenkritik. Weil es nicht genügend Unterkünfte gibt, schlafen weniger betuchte Besucher in großen Holzfässern. Um die Ecke warten Prostituierte auf Kunden. Ein Seiltänzer balanciert über den detailgetreu dargestellten Hausdächern.
Musik spielt wichtige Rolle
Eine wichtige Rolle der Inszenierung spielt die Musik, sie verstärkt die emotionale Wirkung des Panoramas. Komponist Eric Babak hat sich von mittelalterlichem Spiel inspirieren lassen, aber einen eigenen Klangteppich geschaffen. Zusammengesetzt aus 300 Tonspuren, vom Feuerknistern über Gelächter bis zur Kirchenglocke. "Chöre, Orchester, Solisten – wir haben alle Register gezogen", sagt Babak. Die Musik kommt aus hinter der Leinwand versteckten Lautsprechern. Punktgenau von dort, wo das Geräusch hingehört.
Inhaltlicher Leitgedanke des Asisi-Panoramas ist es, das Konstanzer Konzil als Ringen von Fürsten, König und Päpsten um Macht zu zeigen. "Meine Überzeugung ist: Der unerbittliche Kampf um Macht ist der Untergang der Menschheit", sagt Asisi. "Das Konstanzer Konzil zeigt, wie tief diese Dynamik in unserer Geschichte verankert ist – und bis heute Anlass zur Auseinandersetzung bietet." Das Panorama ist auch ein Appell zum freien und fairen Austausch von Ideen und Kulturen.
Das mittelalterliche Konzilsgebäude befindet sich am Hafen der Bodenseestadt Konstanz.
Gebaut wurde das Panorama-Gebäude nach langen politischen Querelen an einer zuvor wenig einladenden Stelle am Rand der Konstanzer Innenstadt. Von einem "Unort zwischen Schnellstraßen, Tankstellen und Gewerbegebiet" sprach Architekt Matthias Sauerbruch. Den es durch den markanten Neubau zu einem Ort für Kultur zu verwandeln galt.
Millionenbetrag von privaten Investoren
Private Investoren um den Pforzheimer Unternehmer Wolfgang Scheidtweiler investierten einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag, um das 50 Meter hohe, zylindrische Holzhochhaus zu errichten. In den beiden obersten Etagen entstehen ein Restaurant und Veranstaltungsräume. Die Außenhülle ist durch farbige, dreieckige Wandelemente gestaltet, die den Turm schon von weitem sichtbar machen. Je nach Blickrichtung verändert sich die Farbe. Von einer neuen architektonischen Landmarke für Konstanz spricht Oberbürgermeister Ulrich Burchardt.
Das Konstanzer Konzil ist Asisis 17. Panorama. Weitere Großbilder hat Asisi auch in Pforzheim, Leipzig, Dresden und Berlin gestaltet. Gezeigt werden dort historische Szenen oder Naturbilder wie der Amazonasregenwald oder die Antarktis. "Ich hoffe, noch ein bisschen Lebenszeit zu haben, um weitere Bilder zu realisieren, die ich schon im Kopf habe", sagt der 71-jährige Künstler. "Und zwar ganz bewusst auf analoge Art. Nur so ist die Konzentration der Besucher möglich, die selbst zum Regisseur ihres Seherlebnisses werden. Und ich bin überzeugt: Das analoge Großpanorama wird ein Medium der Zukunft sein." Zu erleben ab Samstag in Konstanz.
Infobox
Panorama Konstanz, Reichenaustraße 110, 78467 Konstanz; Eintritt: 18,50 Euro, Familien 47 Euro; Kinder bis sechs Jahre frei.
Weitere Informationen zum Panorama Konstanz