Unglück vor drei Jahren

Kircheneinsturz in Kassel: Untersuchung sieht Pfusch bei Leimarbeiten

Elisabetkirche Kassel
Bild: Marcus Leitschuh

Rund drei Jahre nach dem Einsturz des Dachs der Elisabethkirche in Kassel gibt es weitere Erkenntnisse, die mangelhafte Leimarbeiten bei den Holzbalken als Unglücksursache ausmachen. Laut Bericht der "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen" (Dienstag) hat die Materialprüfung ergeben, dass in nahezu allen Holzproben Klebstoff fehlte oder die Holzteile unregelmäßig geleimt waren. Der Kasseler Professor für Bauwerkserhaltung und Holzbau, Werner Seim, und sein Team untersuchten demnach die Dachbalken sowie die Verbindungen der Holzbauteile. "Es ist eigentlich ein Wunder, dass das Dach so lange gehalten hat", so Seim, der von "Pfusch" sprach.

Von außen sei dieses Problem nicht erkennbar gewesen, so Seim weiter. Die Herstellerfirma habe damals über kein funktionierendes Qualitätssicherheitskonzept verfügt, weil das verwendete Verfahren "technisches Neuland" gewesen sei.

Festgottesdienst am Tag zuvor

Die Deckenkonstruktion des 1959/60 erbauten und als Kulturkirche im Umfeld der Kunstaustellung documenta bekannten Gotteshauses war am 6. November 2023 ins Kircheninnere gestürzt. Alle 26 Dachbalken brachen in der Mitte und beschädigte weite Teile der Inneneinrichtung, etwa die Orgel. Das Dach ruhte auf einer auf Ziegel-Beton-Wänden aufgelegten Holzkonstruktion. Verletzt wurde bei dem Unglück niemand. Noch am Tag zuvor war die Kirche bei einem Festgottesdienst voller Menschen. Zum Zeitpunkt des Einsturzes war nur ein Kirchenmitarbeiter im Gebäude, der sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte.

Ein im Sommer 2024 vom Bistum Fulda vorgestelltes Gutachten hatte bereits verschiedene Mängel bei der Planung und der Ausführung der Holzkonstruktion als Grund für den Dacheinsturz genannt. Schon damals hieß es, dass die Verbindungen der geleimten Balken aus heutiger Sicht mangelhaft gewesen seien, die Unglücksursachen vorab jedoch nicht erkennbar.

Wie geht es weiter?

Unterdessen gibt es bereits konkretere Pläne zur künftigen Nutzung der Kirche. Marcus Leitschuh von der Steuerungsgruppe "Zukunft Elisabethkirche" erklärte gegenüber katholisch.de, dass die Kirche als Gottesdienst- und Kulturort erhalten bleiben soll. 2027 werde die Kirche in Kassel über ein langfristiges Konzept für den gesamten Innenstadtstandort entscheiden; dass die Kirche dort weiter präsent sein soll, sei bereits klar. Überlegt wird laut Leitschuh, ob Teile des Gesamtgrundstücks etwa für Wohnungen genutzt werden könnten. Damit könnten Einnahmen erzielt werden, die dabei helfen, den Gebäudeunterhalt zu sichern. Eine 2024 durchgeführte Umfrage auf einer eigens eingerichteten Internetseite hatte verschiedene Sichtweisen auf die künftige Nutzung der Kirche ergeben. Die Mehrheit der Befragten sprach sich demnach für eine multifunktionale Nutzung aus, die religiöse, kulturelle und soziale Aspekte verbindet.

Im Blick auf die notwendigen Dachbaumaßnahmen erklärte Leitschuh, dass die Bauaufträge vergeben worden seien. Bis Jahresende soll es ein neues Dach geben und damit die Kirche wieder für die Öffentlichkeit begehbar sein. Alle weiteren konkreten Renovierungsmaßnahmen würden noch abgestimmt. Zur documenta 2027 soll wieder eine Ausstellung an der Elisabethkirche stattfinden, bei der sich der Künstler Jan St. Werner auch auf die zerstörte Orgel beziehen werde. (mal)