Interview mit Noah Walczuch

"Netzwerk Weltsynode": Müssen Synodalität an die Basis bringen

Der Koordinator des Netzwerks Weltsynode, Noah Walczuch, vor dem Petersdom
Bild: Privat

Fast zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Abschlussdokuments der Weltsynode ist die Weltkirche weiter mit der Umsetzung der Beschlüsse beschäftigt. Im kommenden Jahr stehen Evaluierungsversammlungen auf verschiedenen Ebenen an. In vielen deutschen Bistümern gibt es synodale Teams, die sich darum kümmern – bislang oft eigenständig. Das "Netzwerk Weltsynode Deutschland" will diese Teams nun miteinander vernetzten. Im katholisch.de-Interview erklärt der Koordinator Noah Walczuch, wie das gelingen konn und warum es bei Synodalität aus seiner Sicht darum geht, die eigene Taufwürde wiederzuentdecken.

Frage: Herr Walczuch, Sie haben das "Netzwerk Weltsynode Deutschland" gegründet. Was ist die Idee dahinter?

Walczuch: Dahinter steckt tatsächlich eine kleine Geschichte: Ich bin im Diözesankomitee Regensburg aktiv und da haben wir vor ungefähr einem Jahr eine Einladung zum Treffen der synodalen Teams in Rom erhalten haben. Wir waren selbst ziemlich überfordert, weil wir nicht wussten, was ein synodales Team ist und warum ausgerechnet wir diese Einladung bekommen. Ich bin dann mit einem meiner Vorstandskollegen nach Rom gefahren – und war tief beeindruckt, was zur Weltsynode in der Welt alles läuft. Als ich nach Deutschland zurückgekehrt bin, habe ich mich gefragt: Wie sieht es hier eigentlich aus mit diesen synodalen Teams? Auf einer Karte des vatikanischen Synodensekretariats war bei Deutschland jedenfalls ein großer weißer Fleck.

Frage: Wie sind Sie damit umgegangen?

Walczuch: Ich habe noch einmal die Dokumente des vatikanischen Synodensekretariats gelesen und bin dann in Rücksprache mit dem Vorstand des Diözesankomitees auf Bischof Rudolf Voderholzer zugegangen und habe ihn gefragt: "Sie betonen ja immer, dass römische Synodalität Ihnen wichtig ist. Wie sieht es dann mit einem synodalen Team aus?" Da hat er mir zugestimmt und wir sind jetzt seit ungefähr einem Jahr an der Arbeit. Der Jesuit Clemens Blattert hat uns hier auch sehr geholfen. Ich habe dann über das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) erfahren, dass es auch andere Bistümer gibt, die hier aktiv sind, es aber letztlich kein nationales Team gibt und auch keine Vernetzung stattfindet. Vor einem halben Jahr sind dann Gerhard Frübis aus dem Bistum Speyer und ich auf die Idee gekommen, dieses Netzwerk zu gründen. Das war die Geburtsstunde.

Ich bin davon überzeugt, dass Synodalität eine tiefgreifende Haltung ist, aus der die Kirche ganz viel Kraft schöpfen kann.

— Noah Walczuch

Frage: Warum liegt Ihnen der weltweite synodale Prozess so am Herzen, dass Sie so viel Zeit dafür aufwenden?

Walczuch: Ich bin davon überzeugt, dass Synodalität eine tiefgreifende Haltung ist, aus der die Kirche ganz viel Kraft schöpfen kann. Ich war in der Vergangenheit viel in der Weltkirche unterwegs und bin fasziniert, wie jeder seine Verantwortung übernimmt. Der Grund von Synodalität ist aus meiner Sicht eigentlich, die eigene Taufwürde wiederzuentdecken. Das habe ich in Rom gesehen und erlebe es jetzt auch im Bistum Regensburg durch das Synodenteam bei uns. Das treibt mich an und es macht mir wirklich Freude, an diesem neuen Aufbruch mitzuwirken.

Frage: Sie wollen die Diözesen miteinander vernetzen. Wie kann das konkret aussehen?

Walczuch: Das Herzstück sind unsere digitalen Austauschtreffen. Dadurch, dass wir in ganz Deutschland verteilt sind, können wir uns nicht so leicht in Präsenz treffen. In den nächsten Monaten haben wir acht dieser digitalen Treffen geplant. Zwei solcher Treffen gab es bereits. Wir wollen dabei auf einzelne Themen in der Vorbereitung auf die Evaluierungsversammlungen auf nationaler und kontinentaler Ebene blicken. Dazu wollen wir auch noch Gäste einladen. Zusätzlich wollen wir einen Newsletter mit Best-Practice-Beispielen aus allen Diözesen aufsetzen und andere Möglichkeiten bieten, um in Kontakt zu kommen und Ressourcen zu teilen.

Frage: Welche Ergebnisse und Eindrücke haben Sie aus den Treffen mitgenommen, die bereits stattgefunden haben?

Walczuch: Die wichtigste Erkenntnis war eigentlich, dass alle ganz unterschiedlich arbeiten. Rom hat für diesen Prozess ja relativ wenig Vorgaben gemacht. Das kann zunächst Orientierungslosigkeit bedeuten, drückt aber die Vielfalt aus, die ja auch von Rom gewünscht wird. Zudem haben wir festgestellt, dass wir alle gemeinsam vor einer großen Herausforderung stehen.

Die Teilnehmer der Weltsynode in Gesprächen
Bild: © KNA/Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani (Symbolbild)

Die großen runden Tische in der Synodalaula sind zu einem Symbol für die Weltsynode geworden. Auch das dort praktizierte "Gespräch im Geist" hat in der Kirche Verbreitung gefunden. Für Noah Walczuch ist es das "Premiumprodukt" des Prozesses.

Frage: Und die wäre?

Walczuch: Wir müssen das Thema Synodalität an die Basis bringen. Das ist natürlich schwierig, weil Synodalität erst einmal sehr unkonkret ist und man es übersetzen muss. Wir haben gemerkt, wie sehr wir uns dabei gegenseitig bereichern können.

Frage: Inwiefern?

Walczuch: Zum Beispiel haben wir in unserem Bistum einen synodalen Flyer entwickelt mit Leitfragen für Gremien wie Pfarrgemeinderäte oder Jugendgruppen. Darin geht es um die Frage, wie wir miteinander umgehen und ob wir uns wirklich zuhören. Diesen Flyer werden wir in hoher Stückzahl drucken lassen, um ihn möglichst vielen Menschen zur Verfügung zu stellen.

Frage: Gibt es weitere Ideen, wie die Weltsynode an der Basis vermittelt werden kann?

Walczuch: Das Premiumprodukt der Weltsynode ist das Gespräch im Geist. Wir haben das hier im Bistum Regensburg in ganz unterschiedlichen Kontexten ausprobiert und haben die Erfahrung gemacht, dass das eine wirklich gute Möglichkeit ist, Menschen mit verschiedenen Hintergründen und Positionen ohne Konfrontation zusammenzubringen. Wir haben beispielsweise im Diözesankomitee mit dieser Methode gearbeitet und danach kamen Menschen zu mir und sagten: "Ich bin schon lange im Diözesankomitee – aber so intensiv wie heute habe ich noch nie mit den anderen gesprochen." Wenn man dann am Ende zu einem Ergebnis kommt, mit dem am Anfang niemand gerechnet hat, dann merkt man wirklich, wie der Heilige Geist wirkt.

Bilder von den Versammlungen der Weltsynode und des Synodalen Wegs nebeneinander
Bild: © KNA/Vatican Media/Romano Siciliani | KNA/Julia Steinbrecht | Montage:katholisch.de (Symbolbild)

Weltsynode und Synodaler Weg – beides lässt sich aus Sicht von Naoh Walczuch gut miteinander verbinden.

Frage: Laut Ihrer Website gibt es aktuell noch sieben Diözesen, die kein synodales Team eingerichtet haben. Woran hapert es dort noch?

Walczuch: Gerade in ostdeutschen Bistümern sind die Ressourcen knapp und es gibt wenig Menschen, die sich darum kümmern können. Ich finde es trotzdem wichtig, dass man einfach anfängt und dieses Thema nicht untergehen lässt. Auch diese Perspektiven sind wichtig, um ein vollständiges Bild von der Kirche in Deutschland zu bekommen.

Frage: Man kann den Eindruck gewinnen, dass der Synodale Weg der Kirche in Deutschland und die Weltsynode in vielen Punkten nebeneinander laufen. Wie lassen sich beide Prozesse besser verbinden?

Walczuch: Der Synodale Weg hat eine andere Herangehensweise an das Thema Synodalität. Dabei geht es schnell um neue Strukturen. Auch das kann ein Ausdruck von Synodalität sein. Ich glaube, dass sich beides sehr gut miteinander verbinden lässt. Der Synodale Weg ruft ja zum Bespiel dazu auf, Gremien möglichst divers zu besetzen mit unterschiedlichen Positionen und jungen Menschen. Auch die Weltsynode betont, dass dort, wo die Kirche sich versammelt, möglichst viele verschiedene Menschen vertreten sein sollen. Man darf aber bei den Strukturen nicht stehenbleiben: Die Weltsynode hat ja den Titel "Gemeinschaft – Teilhabe – Sendung". Gerade diese Sendung ist wichtig: Wir sind nicht Kirche für uns selbst, sondern es geht darum, das Gute, das wir erfahren, auch wieder hinauszutragen.

Frage: Sie studieren aktuell Theologie und überlegen Priester zu werden. Was muss denn ein synodaler Priester aus Ihrer Sicht heute mitbringen?

Walczuch: Ein synodaler Priester muss auf jeden Fall ein hörender Priester sein, der sich nicht von der Welt abkapselt, sondern die Probleme der Menschen und ihre Herausforderungen und Sorgen kennt, dem begegnet und nicht ausweicht. Mir ist dabei wichtig, dass Ausbildungswege in der Kirche sich nicht als Parallelwelt bewegen, sondern es wirklich Austausch mit den Menschen gibt. Auch mit Andersdenkenden. Außerdem sollte ein synodaler Priester nicht alles an sich reißen, sondern zur Eigenverantwortung aufrufen und Menschen befähigen, ihre Talente für die Gemeinde und für Gott einzusetzen.

Christoph Brüwer