Standpunkt

Wir müssen auch mit Andersdenkenden im Gespräch bleiben

Im Abendlicht. Menschen mit ihren Schatten.
Bild: IMAGO / Rolf Poss

Wer die Demokratie gefährdet sieht, schaut oft nach Berlin, in die Landtage oder auf Wahlplakate. Dort wird um Mehrheiten gerungen und über die Zukunft unseres Landes gestritten. Doch Demokratie ist mehr als Politik. Sie lebt nicht allein von Institutionen, sondern von Menschen. Deshalb glaube ich: Der wichtigste Ort für unsere Demokratie ist oft viel unspektakulärer. Es ist der Küchentisch.

Hier werden Sorgen ausgesprochen, Nachrichten diskutiert und Vorurteile hinterfragt. Hier lernen wir, dass unterschiedliche Meinungen nicht trennen müssen. Kinder wie Erwachsene erfahren, wie respektvoller Streit und echtes Zuhören gelingen können. Demokratie lebt vom Gespräch.

Gerade jetzt ist das wichtiger denn je. Der Ton in gesellschaftlichen Debatten wird rauer und Menschen werden schnell in Lager eingeteilt. Wer anderer Meinung ist, gilt oft als Gegner oder Gegnerin. Dabei scheitert Demokratie nicht erst an ihren Rändern. Sie wird auch dort schwächer, wo wir Andersdenkenden keinen Platz mehr an unserem Tisch zugestehen.

Gleichzeitig erleben wir vielerorts das Gegenteil: In kfd-Gruppen, Pfarrgemeinden und ehrenamtlichen Initiativen kommen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Überzeugungen zusammen. Sie engagieren sich, übernehmen Verantwortung und suchen gemeinsam nach Lösungen. Nicht immer harmonisch, aber respektvoll.

Dialog braucht Offenheit, aber er braucht auch Grenzen. Als Christinnen und Christen glauben wir an die unantastbare Würde jedes Menschen. Wer die Würde anderer Menschen bestreitet oder demokratische Grundwerte angreift, darf nicht auf Zustimmung hoffen. Gerade deshalb kommt es darauf an, mit Menschen im Gespräch zu bleiben, die anders denken, ohne diese Grenzen zu überschreiten. Niemand darf auf eine Meinung, eine Haltung oder einen einzelnen Satz reduziert werden.

Die großen Herausforderungen unserer Zeit lösen wir nicht, indem wir einander abschreiben, sondern indem wir wieder mehr miteinander reden. Veränderung beginnt nicht erst in Parlamenten. Sie beginnt am Küchentisch. Und sie braucht Menschen, die bereit sind, einen Platz freizuhalten für diejenigen, die anders denken als sie selbst.

Friederike Frücht

Die Autorin

Friederike Frücht leitet die Abteilung Kommunikation der kfd und ist Chefredakteurin der Mitgliederzeitschrift Junia.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.