Der polnische Historiker Arkadiusz Stempin sieht im Erzbischof von Krakau, Kardinal Grzegorz Ryś (Foto oben), eine Vorzeigefigur in der Kirche Polens. Dieser habe den "übersteigerten Nationalkatholizismus" in der breiten Öffentlichkeit entlarvt, etwa vor einigen Wochen, als "die kitschige und gigantomanische Marien-Statue zum Vorschein kam", sagte Stempin in einem Interview mit "Christ in der Gegenwart" (aktuelle Ausgabe). Nach 1,5 Jahren Bauzeit wurde im polnischen Ort Konotopie eine riesige Marienfigur fertiggestellt und an Maria Himmelfahrt offiziell vom dortigen Bischof eingeweiht.
Auf einem weiteren Feld agiere die Kirche "ausnahmsweise vernünftig". Gemeint seien die wachsenden Spannungen innerhalb der polnischen Gesellschaft sowie der russisch-ukrainische Krieg. Nach Einschätzung des Historikers tritt die Kirche in Polen hier als Vermittlerin auf. Dazu gehöre ein Treffen mit Vertretern der Orthodoxen Kirche der Ukraine ebenso wie Briefe des polnischen Episkopats, die auf den Kanzeln verlesen würden. "Ich muss der Kirche Polens in diesem Fall volle Anerkennung aussprechen", so der Historiker.
Dennoch sei der Nationalismus stärker geworden, ebenso eine anti-ukrainische Stimmung, die von den rechten Parteien Konfederacja und Teilen der PiS geschürt werde, so Stempin. "Es ist aber keine breite anti-ukrainische Bewegung. Die Hälfte der Polen steht weiterhin zur Ukraine. Die finanzielle Hilfe ist jedoch deutlich zurückgegangen."
Appell weiterer Geistlicher
Als Hintergrund für die gegenwärtigen Spannungen zwischen Polen und der Ukraine nannte Stempin auch historische Konflikte. So hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einer ukrainischen Armeeeinheit den Ehrentitel "Helden der UPA" verliehen, woraufhin der polnische Präsident Karol Nawrocki Selenskyj den Orden des Weißen Adlers aberkannte. Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) war während des Zweiten Weltkriegs an den Massakern an der polnischen Bevölkerung in Wolhynien beteiligt. Nach Ansicht Stempins hat in Polen die nationalistische Strömung, besonders im Umfeld des Staatspräsidenten, die Oberhand gewonnen. Es sei "politisch unvernünftig", die Geschichte gerade jetzt heranzuziehen. Angesichts des Krieges mit Russland brauche die Ukraine vielmehr Raum, "um die Wunden auf beiden Seiten zu verarzten".
Auch innerhalb der Kirche gebe es Stimmen, die sich in dieser angespannten Situation zu Wort meldeten. Dabei rage Kardinal Ryś als Bischof hervor, so Stempin. Bereits im August sei eine Gruppe von 39 katholischen Geistlichen, die sich als "gewöhnliche und einfache Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen" bezeichneten, mit einem Appell an die Öffentlichkeit getreten – mit dem Titel: "Der Menschenhass entbehrt einer christlichen Grundlage". Unter den Unterzeichnern seien auch einige prominente Vertreter der katholischen Kirche in Polen. "Die Wirkung bleibt allerdings abzuwarten", so der Historiker. (mtr)