Warum publiziert ein renommierter säkularer Verlag wie Matthes & Seitz heute neu ein so altmodisch-katholisches Buch wie Bernanos‘ "Tagebuch eines Landpfarrers"? Das Buch, erstmals 1936 gedruckt, erschien kürzlich in einer gelungenen Neuübersetzung, schön ausgestattet.
Im Buch berichtet ein namenlos bleibender junger Pfarrer aus seinem Alltag in einem nord-französischen Dorf. Die Leute glauben kaum mehr, leben recht egoistisch, lehnen den Priester im Grunde ab. Dieser arbeitet viel, kämpft um die Menschen. Er ist schwer magenkrank, quält sich durchs Leben. Er berichtet von seinen Glaubenszweifeln, seinem Hadern, seinen Gesprächen mit Kollegen, die erfahrener sind als er, abgebrühter, resistenter. Er kann kaum beten, stellt die Warumfrage, aber an Gott hält er immer fest. Er ringt mit der Armutsfrage in einer reichen Kirche, lebt selbst extrem arm. Manche seiner Reflexionen sind recht abstrakt, schwer nachvollziehbar; die religiöse Kultur ist sehr anders als unsere heutige.
Klar, das Priesterbild ist das jener Zeit: der Einzelkämpfer, sehr fromm, aus den Sakramenten lebend, eher lehrend, aber persönlich bescheiden, hingegeben an seinen Dienst, die Sexualität eher verdrängend. Der Pfarrer ist nicht sehr intellektuell, aber denkend, suchend, ringend, dabei introvertiert, eher schüchtern, auch depressiv. Auch wenn gegenwärtig manche das alte Priesterbild wieder suchen, hat es sich doch sehr gewandelt – und muss sich weiterentwickeln: kooperativer werden (oder synodaler), vermittelnd, zeugnishaft, beziehungsorientiert, spirituell, und auch nicht auf allein lebende Männer beschränkt…
Erfreulich, diese neue Ausgabe. Wird sie gelesen? Irgendwie beeindruckt er doch, der arme Landpfarrer einer versunkenen Welt, er stupft die Phantasie an, provoziert auch. Manches an ihm hilft uns, anderes nicht. Wir sollten nicht nur – viel beschworen – die Ausbildung der Priester reformieren, damit die kaum noch vorhandenen Kandidaten unter den immer gewaltigeren Anforderungen nicht zusammenbrechen und der Beruf vielleicht wieder "attraktiv" wird. Wir müssen das Bild und den Auftrag des priesterlichen Dienstes selbst erneuern.
Der Autor
Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.