In manchen Dingen sind wir einfach schlecht: Wahrscheinlichkeiten berechnen zum Beispiel, Vorhersagen treffen, valide urteilen. Wenn ein Pullover von 200 Euro auf 100 Euro reduziert ist, werde ich es für einen guten Deal halten, unabhängig vom Wert des Pullovers (Ankereffekt). Und wenn ich auf dem Weg zum Flughafen von einem Flugzeugabsturz erfahre, werde ich mich deutlich unwohler fühlen als in dem Moment, in dem ich das Ticket kaufte (Verfügbarkeitsheuristik).
Unsere innere Statistik ist emotionsgeleitet – auch wenn wir selbst meinen rational zu urteilen. Die Psychologie spricht bei diesen Phänomenen von kognitiver Verzerrung. Es handelt sich um eine Eigenart des menschlichen Denkens. Zum Überleben hilft uns dieses automatische Urteilen, das schnell ist und unpräzise.
Das Evangelium ist jedoch nicht auf Überleben ausgelegt. Sondern auf Leben. Jesus zerlegt in seinen Gleichnissen genussvoll so manchen Denkfehler. So auch im heutigen Sonntagsevangelium.
Da haben welche mit dem Gutsherrn am Morgen ihren Tageslohn vereinbart: einen Denar. Sie hielten das für eine faire Bezahlung und – noch wichtiger – ausreichend für ihren Lebensvollzug. Dann stehen da am Ende des Tages Taugenichtse neben ihnen, die genauso viel erhalten. Unvermittelt stellt sich bei ersteren das Gefühl ein: Ich habe hier gerade etwas verloren.
Sozialpsychologen sprechen vom "Zero Sum Belief": Wenn jemand anderem etwas zugesprochen wird (Ressourcen, Aufmerksamkeit, Rederecht, Gendersternchen), entsteht bei mir automatisch der Eindruck, etwas zu verlieren. Wenn andere Menschen Sozialleistungen erhalten, bleibt logischerweise weniger für mich übrig. Wenn Gruppen, die neu hinzukommen oder sich neu definieren, ein Platz in unserer Gesellschaft zugesprochen wird, bleibt weniger Platz für mich.
Sowohl bei Ressourcen als auch bei Identitätskonflikten, lassen sich diese Schlussfolgerung nur schwer durch Realität belegen. Ein Denkfehler bleibt ein Denkfehler. Ein Denar bleibt ein Denar.
"Mit dem Himmelreich ist es wie …" – wie mit einem, der gibt, so dass alle genug haben: "Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir." Punkt. Gott ist souverän, die einzig absolut-gebend-souveräne Instanz. Eigentlich wäre es ganz einfach: Wir denkverzerrten Menschen könnten uns über die Gaben des Gebenden freuen – aneinander und füreinander. Und Ringen doch darum. Ein Trick legt die ganze Bibel, das ganze Evangelium nahe. Das "Sich-Erinnern" – gar nicht weit, gar nicht bis in ewige Vorzeiten, nur ein paar Zeilen vor dem Skandal. Denn: Diejenigen, die sich gerade betrogen fühlen, die hat der Gutbesitzer zuerst gesehen. Und geliebt.
Evangelium nach Matthäus (Mt 20, 1–16)
In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denár für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen.
Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!
bis hin zu den Ersten!
Die Autorin
Schwester Elisabeth Muche gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist in der Geistlichen Begleitung tätig und arbeitet als Psychotherapeutin in Berlin.
Ausgelegt!
Als Vorbereitung auf die Sonntagsmesse oder als anschließender Impuls: Unser Format "Ausgelegt!" versorgt Sie mit dem jeweiligen Evangelium und Denkanstößen von ausgewählten Theologen.