Redemptoristenorden unter die Lupe genommen

Studie zeigt Chancen und Risiken bei der Missbrauchsaufarbeitung

Studie zeigt Chancen und Risiken bei der Missbrauchsaufarbeitung
Bild: KNA

Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt kann Betroffene stärken, sie aber auch erneut belasten und Konflikte verschärfen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Münchner Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), die am Freitag in Bonn vorgestellt wurde. Die Forscher nahmen nach eigenen Angaben erstmals nicht vorrangig die Missbrauchstaten selbst, sondern einen langjährigen Aufarbeitungsprozess unter die Lupe: den Umgang der früheren nordwestdeutschen Provinz des Redemptoristenordens mit sexualisierter Gewalt seit 2010. Das IPP bezeichnet die Untersuchung unter dem Arbeitstitel "Aufarbeitung der Aufarbeitung" als Pionierprojekt. Das sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut hat bereits mehrere Aufarbeitungsstudien zu sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche durchgeführt.

Der Orden hatte 2010 vergleichsweise früh mit umfangreichen Maßnahmen begonnen: Betroffene wurden gesucht und vernetzt, Gespräche geführt sowie Informationen veröffentlicht. Das habe sich deutlich vom damals häufig zögerlichen, abwehrenden und strategischen Agieren anderer katholischer Institutionen unterschieden, so das IPP. Bis heute wurden sechs Zwischenberichte zur Aufarbeitung veröffentlicht. Die Bilanz fällt dennoch ambivalent aus. Die Vernetzung habe Betroffenen geholfen, ihre Erfahrungen einzuordnen und sich als handlungsfähiger zu erleben, so die Forscher. Zugleich hätten teils heftige Konflikte mit Ordensmitgliedern und Beschäftigten von Einrichtungen retraumatisierend gewirkt und bei Betroffenen Erschöpfung und Resignation ausgelöst. Besonders viele Konflikte habe es rund um die Schule "Collegium Josephinum" in Bonn gegeben.

Unklare Ziele als Kernproblem

Ein Kernproblem war dem IPP zufolge, dass die Beteiligten zwar grundsätzlich die Notwendigkeit von Aufarbeitung anerkannten, aber keine gemeinsame Vorstellung davon entwickelten, was diese konkret leisten sollte. Unklar blieb teils auch, ob sich der Prozess auf den Orden insgesamt, das "Collegium Josephinum" oder sämtliche betroffenen Einrichtungen und Gemeinden beziehen sollte. Die Studie nennt zudem eine Marginalisierung weiblicher Betroffener. Nach umfangreichen Aktivitäten 2010 und 2011 sei die Ordensleitung in einen "vorsichtigen Rückzug" geraten. Konfliktvermeidung und unterschiedliche Erwartungen hätten eine aktive Aufarbeitungsstrategie erschwert. Auch eine fehlende Zeitperspektive habe bei vielen Beteiligten zu Orientierungsproblemen und Erschöpfung geführt.

Die Forscher empfehlen für künftige Aufarbeitungsprozesse unter anderem klar definierte Ziele und Zuständigkeiten, Verfahren zur Konfliktbearbeitung sowie eine eindeutige Zeitperspektive. Aufarbeitung dürfe nicht vom Einsatz Einzelner abhängen, sondern müsse institutionell verankert und mit ausreichenden Ressourcen ausgestattet sein, betonte Psychologe Peter Caspari. Für die Studie wurden 38 Interviews geführt, darunter mit 13 Betroffenen und 13 Ordensmitgliedern. Zusätzlich wertete das IPP Dokumente, Protokolle und Briefwechsel aus. Bekannt sind in der früheren Ordensprovinz mit Sitz in Köln laut IPP bislang 90 Betroffene und 29 Beschuldigte, darunter 27 Ordensmitglieder und zwei Lehrer. (KNA)