Der christliche Glaube "verdirbt" nach Worten des Trierer Bischofs Stephan Ackermann nicht das Denken. Vielmehr habe der Glaube die Kraft, "das Denken zu weiten, wenn der Glaube zugleich bereit ist, vor dem Forum der Vernunft Rechenschaft abzulegen über das, was ihn bewegt", sagte Ackermann laut einer Mitteilung der Deutschen Bischofskonferenz von Sonntag in einem Gottesdienst in der Koblenzer Liebfrauenkirche zur Jahrestagung der Görres-Gesellschaft.
Die Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft ist den Angaben zufolge mit rund 3.000 Mitgliedern eine der größten und zugleich eine der ältesten deutschen Wissenschaftsgesellschaften. Sie ist benannt nach Joseph Görres (1776–1848). Der Gelehrte, Publizist und Laientheologe war ein Vorkämpfer staatsbürgerlicher und kirchlicher Freiheitsrechte.
Nicht im Elfenbeinturm
Görres stehe für eine Wissenschaft, "die sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern die gesellschaftliche Auseinandersetzung sucht, um dem Wohl aller zu dienen", betonte Ackermann. Die Jahrestagung, die am Sonntag zu Ende ging, war auch der Höhepunkt des Jubiläumsjahres der Görres-Gesellschaft: Am 25. Januar 1776 wurde in Koblenz ihr Namenspatron Joseph Görres geboren, die Gesellschaft selbst wurde vor 150 Jahren dort gegründet.
Der Präsident der Görres-Gesellschaft, Bernd Engler, betonte, dass Erkenntnisse aus der Wissenschaft in die Gesellschaft getragen werden müssten. "Den gewaltigen Herausforderungen, vor die wir gestellt sind, werden wir nur im Zusammenspiel von Wissenschaft und Öffentlichkeit begegnen können." Ähnlich äußerte sich auch der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Gordon Schnieder (CDU): "Denn gerade in Zeiten tiefgreifender Veränderungen sind wissenschaftliche Erkenntnisse, die uns Orientierung geben, umso essenzieller."
"Größe einer Pflaume"
Der Wissenschaftsjournalist Harald Lesch warnte laut Mitteilung beim Festakt am Sonntag davor, die Grundlage des vernünftigen, durch Begründungen und Erkenntnisse motivierten Handelns zu verlassen. "Unser Verstandesorgan schrumpft bei Nichtbenutzung auf die Größe einer Pflaume, wie MRT-Aufnahmen zeigen. Wenn Du es nicht benutzt, dann geht es Dir verloren. Das erleben wir gerade im KI-Hype." Lesch kritisierte auch den Energie- und Wasserverbrauch für Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI). (KNA)