Bischof Luc Olivier leitet das Bistum Tôlagnaro im Süden Madagaskars. Anlässlich des Monats der Weltmission des katholischen Hilfswerks missio ist er derzeit in Deutschland unterwegs. Im Interview mit katholisch.de spricht er über Armut, Wassermangel und Rohstoffabbau in seiner Heimat – aber auch über das, was ihm Hoffnung und Mut macht.
Frage: Bischof Olivier, Sie leiten seit drei Jahren das Bistum Tôlagnaro im Süden Madagaskars – ein Bistum, das wahrscheinlich kaum jemand in Deutschland kennt. Wie würden Sie den Menschen in Deutschland Ihr Bistum beschreiben?
Olivier: Tôlagnaro ist ein Bistum, das von großen Gegensätzen geprägt ist. Das fängt mit den Regionen an, aus denen sich die Diözese zusammensetzt: Androy und Anosy. Während Androy zu den trockensten Gebieten des Landes zählt, ist Anosy landschaftlich vielfältiger und niederschlagsreicher. Ein weiterer großer Gegensatz ist der zwischen Arm und Reich: Es gibt in unserem Bistum sehr viel Armut, gleichzeitig ist die Region reich an Bodenschätzen wie Gold und dem Mineral Glimmer. Von diesem Reichtum bekommt die lokale Bevölkerung allerdings kaum etwas ab. Die pastorale Struktur unserer Diözese wiederum ist von großen Entfernungen geprägt. Viele Gemeinden liegen weit auseinander und sind nur schwer erreichbar.
Frage: Ihr Bistum gehört zu den größten und – Sie deuten es an – ärmsten Madagaskars. Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Herausforderungen für die Menschen in Tôlagnaro?
Olivier: Die größten Herausforderungen sind sicherlich die Armut und der Wassermangel in Androy. Rund 80 Prozent der Menschen dort leben von der Landwirtschaft – doch wenn es nicht genug regnet, fällt die Ernte aus und die Menschen leiden Hunger. Viele Familien haben kaum Möglichkeiten, ihre Lebenssituation zu verbessern. Erschwerend hinzu kommen die großen Entfernungen. Die meisten Menschen leben sehr abgelegen und haben kaum Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen Angeboten.
Frage: Welche konkreten Folgen hat der Wassermangel für die Menschen in Androy?
Olivier: Der Wassermangel bestimmt den Alltag vieler Familien. Kinder müssen teilweise mehrere Stunden am Tag unterwegs sein, um Wasser für ihre Familien zu holen. Das bedeutet, dass ihnen diese Zeit beispielsweise für die Schule fehlt. Gleichzeitig führen die Dürren, wie gesagt, zu Ernteausfällen und Hunger. Für die Familien ist das eine enorme Belastung. Wasser ist deshalb eine unserer wichtigsten Aufgaben: Die Menschen brauchen Zugang zu sauberem Wasser, damit sie gesund leben und eine Zukunft aufbauen können.
Ich besuche die Pfarreien und nehme mir Zeit für Gespräche. Ich möchte die Menschen kennenlernen, ihre Sorgen hören und mit ihnen ihren Glauben teilen.
— Bischof Luc Olivier
Frage: Viele Menschen bei Ihnen sind zum Kochen auf Holzkohle angewiesen, wodurch die Abholzung der Wälder beschleunigt und die klimatischen Probleme weiter verschärft werden. Wie kann man Menschen, die selbst ums Überleben kämpfen, dazu bewegen, ihre natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen?
Olivier: Für die Menschen ist Holzkohle keine freiwillige Entscheidung, sondern eine Frage des Überlebens. Sie brauchen Energie zum Kochen. Deshalb kann man ihnen nicht einfach sagen, dass sie keine Holzkohle mehr verwenden sollen – auch wenn die durch die Abholzung der Wälder ausgelösten Umweltprobleme offensichtlich sind. Wir müssen den Menschen Alternativen ermöglichen und gleichzeitig dafür sorgen, dass sie ihre Lebensgrundlagen schützen können. Als Kirche versuchen wir deshalb, die Menschen zu begleiten und für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur zu sensibilisieren. Aber das ist eine große Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können.
Frage: Sie sagten es bereits: Ihr Bistum ist reich an Bodenschätzen. Warum kommt dieser Reichtum bei der lokalen Bevölkerung kaum an?
Olivier: Wir haben Gold, Mica, Saphire und andere Rohstoffe, die weltweit gebraucht werden. Aber wer profitiert von diesem Reichtum? Das sind vor allem die Wohlhabenden in Madagaskar und die ausländischen Unternehmen, die die Bodenschätze ausbeuten. Das wollen wir ändern. Mica zum Beispiel wird für den Glanzeffekt in Autolacken und Kosmetik gebraucht. Der Rohstoff wird auch in meinem Bistum gewonnen und anschließend ins Ausland exportiert. Ein großer Teil der Wertschöpfung entsteht also nicht bei uns, sondern anderswo, unter anderem in China, Kanada oder Europa. Wir brauchen deshalb mehr Transparenz über diese Handelsbeziehungen, eine gerechtere Verteilung des Reichtums und bessere Möglichkeiten für die Menschen vor Ort, von ihrer Arbeit in den Minen und den Ressourcen ihrer eigenen Region zu profitieren. Deshalb bitten wir auch die deutsche Bundesregierung, bei politischen Gesprächen mit der Übergangsregierung in Madagaskar ausdrücklich auf diese Transparenz und gerechtere Verteilung der Gewinne zu drängen. Auch von der Auto- und Kosmetikindustrie in den Industrieländern wünschen wir uns mehr Transparenz darüber, woher das verwendete Mica stammt und unter welchen Bedingungen es gewonnen wird. Die Industrie hat Verantwortung für die lokale Bevölkerung in meiner Heimat, damit sie in Würde leben kann.
Frage: Sie haben erzählt, dass viele Gemeinden weit auseinander liegen und nur schwer erreichbar sind. Wie schaffen Sie es als Bischof, den Menschen trotzdem nahe zu sein?
Olivier: Ich versuche, so oft wie möglich zu den Gläubigen zu fahren. Viele Gemeinden sind weit voneinander entfernt und die Straßen sind schlecht, manchmal kann man bestimmte Orte nur zu Fuß erreichen. Aber gerade deshalb ist es wichtig, dass ich als Bischof nicht nur in meinem Büro sitze. Ich besuche die Pfarreien und nehme mir Zeit für Gespräche. Ich möchte die Menschen kennenlernen, ihre Sorgen hören und mit ihnen ihren Glauben teilen.
Madagaskar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Armut, schwache staatliche Strukturen sowie die Folgen der Klimakrise erschweren den Alltag vieler Menschen. In diesem Jahr steht das Land im Mittelpunkt des Monats der Weltmission.
Frage: Priester, Ordensschwestern und Ehrenamtliche übernehmen in abgelegenen Regionen Aufgaben, die weit über die Seelsorge hinausgehen. Was bedeutet dieses Engagement für die Menschen?
Olivier: Die Kirche ist für viele Menschen nicht nur ein Ort, an dem sie beten können. Sondern sie ist auch ein Ort, wo sie Unterstützung bekommen, wenn sie krank sind, wenn ihre Kinder zur Schule gehen sollen oder wenn eine Familie nicht genug zu essen hat. Priester, Ordensschwestern und Ehrenamtliche sind sehr nahe bei den Menschen. Sie begleiten Familien, arbeiten in Schulen und Gesundheitsstationen und helfen bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser. Aber natürlich kann die Kirche nicht alle Probleme lösen. Dafür sind die Herausforderungen zu groß. Wir brauchen deshalb die Zusammenarbeit mit anderen Partnern und die Unterstützung von außen.
Frage: Trotz Armut, Dürre, Hunger und weiteren Herausforderungen: Was macht Ihnen Hoffnung?
Olivier: Ich erlebe jeden Tag Hoffnung. Besonders bei den Kindern und Jugendlichen sehe ich, dass sie trotz schwieriger Bedingungen mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Ich sehe Familien, die zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen. Und ich sehe Menschen, denen ihr Glaube Kraft gibt. Dieser Zusammenhalt und diese Hoffnung geben auch mir Kraft für meinen Dienst als Bischof.
Frage: Das Leitwort des diesjährigen Monats der Weltmission lautet "Sei mutig und stark". Was bedeutet dieses Bibelwort für Sie persönlich?
Olivier: "Sei mutig und stark" bedeutet für mich vor allem: nicht aufgeben. Gerade wenn die Situation schwierig ist, dürfen wir nicht die Hoffnung verlieren. Der wahre Mut kommt von Jesus Christus. Er gibt uns Kraft, Hoffnung und Freude – auch in schwierigen Zeiten. Das gilt für mich persönlich, aber auch für die Menschen in meiner Diözese.
Frage: Welche Unterstützung würden Sie sich von den Menschen in Deutschland wünschen?
Olivier: Die Menschen in Deutschland können uns vor allem durch ihre Solidarität unterstützen. Wir brauchen Hilfe für Bildung, für die Gesundheitsversorgung und für den Zugang zu sauberem Wasser. Gerade in den abgelegenen Regionen sind solche Projekte für die Menschen sehr wichtig. Aber Unterstützung sollte nicht nur bedeuten, dass Menschen aus Deutschland uns etwas geben. Es geht auch darum, Partnerschaften aufzubauen und voneinander zu lernen.