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Die verlorene demokratische Mitte – und wie Christus helfen kann

Die verlorene demokratische Mitte – und wie Christus helfen kann
Bild: IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Die Demokratie diffundiert. Die Wahlen der letzten Wochen zeigen, dass die extremen Ränder erstarken, während die Mitte schwächer wird. Sicher, die klassische Einteilung zwischen Rechts und Links funktioniert nicht mehr wirklich. Galt im Bund die CDU/CSU früher als eine Fraktion des rechten Spektrums, wurde die SPD der linken Seite zugeordnet. Weiter außen gab es keine politische Größe, die nennenswert gewesen wäre. Legendär ist der Spruch von Franz-Josef Strauß, dass es rechts der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben dürfe.

Die parlamentarische Mechanik hat sich seitdem grundlegend geändert. Die ehemaligen Volksparteien SPD und CDU/CSU, aber auch die Grünen finden sich in der Mitte wieder. Eigentlich waren sie da immer. Als im Parlament CDU/CSU und SPD den Großteil der Plätze zwischen den Rändern und der Mitte ausfüllten, kann man trefflich streiten, ob die links, rechts oder nicht doch eher mittig zu verordnen sind. Wahlen jedenfalls wurden früher immer in der Mitte gewonnen.

Diese Mitte ist jetzt verloren gegangen. Wahlen gewinnt, wer mit vollem Mund spricht, was kaum zu halten ist, wohl aber vorgibt, dem Volk aufs Maul geschaut zu haben. Der demokratische Diskurs hat sich in eine Kakophonie aus Unterstellungen, an der Wahrheit kaum interessierten Behauptungen und persönlichen Desavouierungen verwandelt. Wollen wir wirklich so leben?

Ernst-Wolfgang Böckenförde hat mit seinem Diktum Recht: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Wo die Mitte verloren geht, geht auch der Punkt verloren, der die Menschen zusammen hält. Wenn das Gravitationszentrum fehlt, driften die Dinge auseinander. Jedweder Zusammenhalt löst sich auf. So kann keine Gesellschaft überleben; übrigens auch die Kirche nicht, wo es doch anders sein sollte als in der Welt.

Was aber können wir tun? Wir können es machen, wie Jesus selbst, und die Mitte suchen. Er jedenfalls stellt ein Kind in die Mitte, um deutlich zu machen, dass im Reich Gottes die Schwachen und Geringen zählen (vgl. Mt 18,2). Oder er fordert einen Mann mit verdorrter Hand auf, in die Mitte zu treten, bevor er ihn heilt (vgl. Mk 3,3). Und schließlich tritt der Auferstandene in die Mitte der verängstigten Jünger, um sie aufzurichten (vgl. Joh 20,19). Die Christen sollten es ihm gleichtun und in die Mitte gehen, um die Ränder wieder einzufangen und Brücken zu bauen, auf denen man sich wieder begegnen kann. Ach, gäbe es im politischen Spektrum doch eine namhafte Partei, die dem dergestalt Christlichen Gestalt gäbe ...

Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

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