Standpunkt

Kirchen als Räume für eine zerrissene Gesellschaft

Kirchen als Räume für eine zerrissene Gesellschaft
Bild: picture alliance / teutopress

"Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Der 2019 verstorbene frühere Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde prägte 1964 dieses häufig zitierte Wort. Er machte damit auf ein Dilemma aufmerksam: Demokratie baut auf moralischen Werten, auf Gemeinsinn und auf dem Rechtsbewusstsein der Bürger*innen auf, darf diese innere Haltung aber nicht per Gesetz erzwingen. Würde er das tun, verlöre er seinen freien, liberalen Charakter und würde zum autoritären Staat. Gesellschaftliche Werte, Familienbilder aber auch ethische Haltungen wie Solidarität sind keine staatlichen Vorgaben, sondern werden durch die Bürger*innen ständig ausgehandelt. Staatlich geregelt wird, was Recht ist, aber nicht, was richtig ist.

Morgen ist Tag der Deutschen Einheit. Gefeiert wird die äußere Einheit, erlebt wird zeitgleich die innere Zerrissenheit im Land. Die Frage, was die Menschen tatsächlich eint, tritt hinter den erbitterten Kämpfen zurück. Es braucht Räume, in denen ohne "Schaum vor dem Mund" gemeinsam nachgedacht, respektvoll gestritten, Unterschiede formuliert und Gemeinsinn entwickelt werden können.

Die Kirchen könnten solche Räume bieten, in denen nach dem Gemeinsamen gesucht und über die Voraussetzungen gesprochen wird, die der Staat selbst nicht garantieren kann. Beim Katholikentag in Würzburg haben wir dies in der "Demokratiekirche" ausprobiert. Drei Markierungen unserer Demokratie bildeten das Geländer, an dem sich die Formate in der Würzburger Marienkapelle orientierten: Anerkennung der Würde aller Menschen, Ermöglichung der Teilhabe und Kommunikation, die tatsächlich der Verständigung dient.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der "Demokratiekirche": Der sakrale Resonanzraum hat wesentlich dazu beigetragen, dass Themen anders verhandelt werden konnten als wir es derzeit häufig erleben. Wo täglich geglaubt, gefeiert und erfahren wird, dass die Würde aller Geschöpfe ein göttliches Geschenk ist, das keinen Mehrheiten unterworfen ist, wird vielleicht auch anders über Würde und gesellschaftliche Teilhabe gesprochen. Und umgekehrt fördert das Sprechen über Demokratie im Kirchenraum im besten Fall auch das Bewusstsein für Demokratie im Inneren der kirchlichen Institutionen.

Burkhard Hose

Der Autor

Burkhard Hose ist Hochschulpfarrer in Würzburg.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.