Glaube, Kinder, Singen

Detlev Jöcker: Ich habe Gottes Nähe noch nie so intensiv empfunden

Detlev Jöcker: Ich habe Gottes Nähe noch nie so intensiv empfunden
Bild: katholisch.de

"Du hast uns deine Welt geschenkt, den Himmel, die Erde…": Die Lieder von Detlev Jöcker gehören für viele zum Soundtrack ihrer Kindheit. In Kindergärten, Schulen und Kindergottesdiensten werden die christlichen Lieder bis heute gesungen. Und hinter den eingängigen Melodien steckt eine persönliche Glaubensgeschichte.

Wie fand Jöcker zu seinem christlichen Liedgut? Im Interview mit katholisch.de zu seinem 75. Geburtstag spricht der Kinderliedermacher darüber. Außerdem erklärt er, welche Liedzeile ihm bis heute besonders viel bedeutet und was ein Besuch bei Papst Franziskus (2013–2025) bei ihm ausgelöst hat.

Frage: Herr Jöcker, Sie haben mit Ihren Liedern die Kindheit – vielleicht auch den Glauben – vieler Menschen mitgeprägt. Wie fühlt sich das an?

Jöcker: Ich empfinde es als Geschenk. Dass Eltern oder Erzieher Kindern diese Lieder vorsingen und sie mit Spaß die Schönheit Gottes erleben, ist für mich wirklich ein Segen. Genauso, dass die Lieder in den Kirchengemeinden und beim Religionsunterricht gespielt werden. Gleichzeitig ist es für mich selbst auch ein Geschenk, weil ich gerade über das christliche Kinderlied mein inneres glaubendes, suchendes und findendes Kind immer behalte.

Ich bin davon überzeugt, dass im christlichen Glauben viele Antworten auf aktuelle Fragen liegen.

— Detlev Jöcker

Frage: Warum schreiben Sie eigentlich christliche Kinderlieder?

Jöcker: Weil ich davon überzeugt bin, dass im christlichen Glauben viele Antworten auf aktuelle Fragen liegen. Gerade in Zeiten von Angst und Unsicherheiten spüren auch Kinder, vielleicht unterschwellig: Hier stimmt was nicht. Vielleicht sind auch die Eltern überfordert. Und ich finde da ist der Glaube an Gott und Christus eine hilfreiche Stütze – dass Kinder beim singenden Beten spüren, dass sie geliebt werden, dass sie wertvoll und nicht allein sind.

Frage: Sind die christlichen Kinderlieder auch ein Zeugnis Ihres Glaubens?

Jöcker: Auf jeden Fall! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Ursprung von vielem, was uns als Erwachsene beschäftigt und was uns geprägt hat, in der Kindheit liegt. Deshalb ist mein Glaube auch sehr durch meine Kindheitserfahrungen beeinflusst, denn meine Großmutter hat früher mit mir gebetet – ganz schlichte Dankes- und Bittgebete. Das hat mir gutgetan. Und dieses Gefühl habe ich durch mein Leben mitgenommen. Die Gnade, Freude und Stärke, die ich heute noch beim Gebet spüre, wurden auch häufig in meinen Kinderliedern verarbeitet.

Detlev Jöcker steht vor Kindern auf einer Bühne und hat die Arme gehoben.
Bild: © IMAGO / Funke Foto Services (Archivbild)

Detlev Jöcker bei einer Veranstaltung im Jahr 2018.

Frage: In ihren Liedern vermitteln Sie ein Bild von einem Gott, der unterstützt, der einen nie verlässt. Welches Bild haben Sie von Gott?

Jöcker: Für mich ganz persönlich ist Gott ein Reisebegleiter durchs Leben. Und je älter ich werde, desto häufiger entdecke ich ihn. Neben meinem Leben als Kinderliedermacher habe ich ja auch ein Leben als Erwachsener geführt – mit Krisen und mit Fehlern. Aber im Rückblick bin ich immer unterstützt worden. Auch wenn Gott manchmal fern war, ein strenger Gott oder ich seine Lösungen nicht direkt verstanden habe: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich letztendlich auf ihn verlassen kann.

Frage: Einige ihrer Lieder heißen: "Halte zu mir, lieber Gott", "Gott, dein guter Segen", "Du hast uns deine Welt geschenkt"– welche Botschaft wollen Sie den Kindern mit ihren Liedern ganz konkret senden?

Jöcker: Eine ganz einfache Botschaft. Ich möchte aus meiner persönlichen Erfahrung authentisch sagen: Ja, ich glaube daran, dass auch in schwierigen Situationen ein Gott da ist und dass er gut ist und einen trägt. Dass es sich in bestimmten Situationen lohnt – wenn Kinder traurig sind, wenn sie nicht weiterwissen, wenn sie Angst haben –, mit ihm zu sprechen, über ihn zu singen und ihn zu loben.

Gerade im miteinander freuen, aufeinander zugehen, sich miteinander bewegen, in den einfachen, unbeschwerten Momenten des Lebens, spüren Kinder die Schönheit Gottes und des Glaubens.

— Detlev Jöcker

Frage: Ihre Botschaft an Kinder ist einfach. Wie viel Theologie steckt eigentlich in ihren Liedern?

Jöcker: Ich bin kein Theologe, sondern Musiker und ein Mensch, der den Glauben für sich entdeckt hat. Dazu passt die Geschichte meines Sohnes Aaron gut. Ich bin Vater von vier Söhnen. Die ersten drei haben wir taufen lassen, aber bei Aaron haben wir gesagt: Wir überlassen es mal ihm, dass er das später selbst entscheiden darf. Er hat sich mit 29 Jahren taufen lassen, ist in seiner Kirchengemeinde sehr aktiv und engagiert und theologisch versiert. Er empfiehlt mir immer wieder Bücher oder Netzbeiträge mit theologischem Inhalt. Neulich sagte ich zu ihm: "Aaron, ich glaube, wir haben einfach unterschiedliche Zugänge zum Glauben. Du möchtest vieles verstehen und theologisch durchdringen. Mein Glaube kommt stärker aus einem unmittelbaren, fast kindlichen Vertrauen. Und ich finde, beides darf seinen Platz haben."

Frage: Ihr Glaube ist einfach, also sind auch ihre Lieder leicht und einfach?

Jöcker: Die Symbolik in meinen christlichen Kinderliedern ist sehr leicht. Manche sagen da: Ja, heile Welt. Ich sage: Was ist gegen eine heile Welt zu sagen? Gerade im miteinander freuen, aufeinander zugehen, sich miteinander bewegen, in den einfachen, unbeschwerten Momenten des Lebens, spüren Kinder die Schönheit Gottes und des Glaubens.

Frage: Nicht alles kann man Kindern zumuten. Gab es Themen, die Sie bewusst nicht behandelt haben?

Jöcker: Nein eigentlich nicht. Ich versuche nur das zu vermitteln, was ich authentisch selbst fühlen und leben kann. Es gibt auch Lieder, die im Zeitgeist erklingen, in denen es darum geht, Menschen nicht auszugrenzen, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben. Das ist der Rahmen, in dem sich meine Texte bewegen. Ein spezielles Lied über Trauer habe ich zum Beispiel noch nicht gemacht, aber es könnte sein, dass ich mir darüber in Zukunft Gedanken mache.

Das wünsch ich sehr, dass immer einer bei mir wäre, der lacht und spricht: 'Fürchte dich nicht'.

— Detlev Jöcker in einem seiner Lieder.

Frage: Sie haben bereits von der Einfachheit der Lieder gesprochen: Wie schreibt man christliche Lieder für Kinder so, dass sie damit etwas anfangen können, der Glaube aber nicht trivialisiert wird?

Jöcker: Ich habe das Glück, dass ich mit unterschiedlichen Textern zusammenarbeite. Da kommen unterschiedliche Facetten in die Texte hinein. Ein Autor wie Reinhard Becker, der selbst evangelischer Theologe ist und für die Ausbildung von Religionslehrerin in Nordrhein-Westfalen zuständig war, schreibt zum Beispiel sehr theologisch fundiert. Es gibt ja den Begriff vom kleinen Jesuslein als Verniedlichung christlicher oder theologischer Aussagen. Ich glaube, das ist in den Texten, die ich bisher übernommen oder auch selber geschrieben habe, nicht zu spüren.

Frage: Worauf achten Sie stattdessen?

Jöcker: Damit Kinder etwas mit den Liedern anfangen können, ist es wichtig, dass das Lied stimmig ist. Wenn ich ein Lied singe, in dem ich lobe und preise, dann sollte die Melodie für die Kinder spürbar nach oben gehen – wie bei dem Lied "Du hast uns deine Welt geschenkt".

Frage: Was macht also ein gutes christliches Lied von Detlev Jöcker aus?

Jöcker: Es sollte ohne Umwege in die Herzen, in die Köpfe, in die Hände und Beine der Kinder gehen. Und natürlich sollte es vom Glauben und von Jesus erzählen – davon, wie wir miteinander umgehen, aufeinander zugehen und uns gemeinsam an Gottes schöner Welt freuen.

Bild: © Detlev Jöcker (Archivbild)

Die Notizen von Komponist Detlev Jöcker zu seinem neuen Album.

Frage: Welche Liedzeile, die Sie in den vergangenen mehr als 30 Jahren geschrieben haben, ist Ihnen bis heute besonders wichtig?

Jöcker: Es ist ein sehr kurzer Kanon aus einem meiner ersten Lieder – "Das wünsch ich sehr". 1984 habe ich ihn geschrieben. Der Text ist von Kurt Rose: "Das wünsch ich sehr, dass immer einer bei mir wäre, der lacht und spricht: 'Fürchte dich nicht'." Ich finde, da ist so viel Essenzielles drin – über das, was für mich Glauben bedeutet und was ich seitdem in vielen Liedern in unterschiedlicher Form für Kinder übertrage.

Frage: Sie haben einmal gesagt, für Sie sei beten die Verbindung zum Glauben. Sie haben auch ein ganzes Album mit Vaterunser-Hits. Da heißt es "Wie soll ich nur beten?" Wie und wo beten Sie denn am liebsten?

Jöcker: Meine Sicht auf das Beten hat sich in den unterschiedlichen Abschnitten meines Lebens verändert – so wie ich mich auch als Mensch verändert habe. Tischgebete und Dankesgebete sind mir weiterhin wichtig, wie mit meiner Großmutter. Für mich ist Beten mittlerweile aber nicht mehr nur den Kopf senken in meditativer Art und danke sagen.

Frage: Sondern?

Jöcker: In diesem Jahr war ich zum ersten Mal zum Sonnenuntergang auf dem höchsten Berg Kretas. Mit dem Auto ging es zunächst weit hinauf, die letzten 500 Höhenmeter bis zum Gipfel mussten wir zu Fuß bewältigen. Der Weg war teilweise sehr steil und führte über felsiges Gelände. Das hat mir zwischendurch richtig Angst gemacht. Sie glauben gar nicht, wie ich mich an Gott im Gebet festgehalten habe, um diese Angst zu verlieren, Vertrauen aufzubauen und innezuhalten. Dann war ich oben und die Sonne ging unter. Das hat mich so gepackt. Ich habe vor Rührung geweint, weil ich Gottes Nähe so intensiv empfunden habe wie selten zuvor. Für mich war auch dieser Moment eine Form des Gebets.

Bild: © L’Osservatore Romano/ Detlev Jöcker (Archivbild)

Der Kinderliederkomponist Detlev Jöcker bei seinem Treffen mit Papst Franziskus im Januar 2017.

Frage: 2017 wurden Sie für ihre Lieder zu Papst Franziskus (2013–2025) in den Vatikan eingeladen. Was ist Ihnen von diesem Besuch besonders im Gedächtnis geblieben?

Jöcker: Ich nahm gemeinsam mit vier anderen Eingeladenen an der Audienz teil. Neben mir stand übrigens Arnold Schwarzenegger. Es war ganz amüsant ihn in diesem Zusammenhang einmal zu erleben. Ich konnte beobachten, wie freundlich Papst Franziskus im Gespräch mit den anderen war. Als ich an der Reihe war, habe ich ihm die Erstausgabe vom Vaterunser-Album überreicht. Er hat sich sehr darüber gefreut und mich gefragt, warum ich denn diese Lieder geschrieben hätte. Ich habe gesagt: Das Vaterunser-Gebet ist für mich das Allerwichtigste, begleitet mich ein Leben lang und ich bete es immer wieder. Aber ich weiß auch, dass es für Kinder oft nicht so zugänglich ist. Da hat er aufmerksam zugehört und mir Gottes Segen für meine weitere Arbeit gewünscht. Es war ein ganz, ganz tolles, stärkendes und motivierendes Gefühl. Und ich denke immer wieder – vor allen Dingen, wenn ich die Lieder singe – an diese wirklich schöne, prägende und mutmachende Situation zurück.

Frage: Einer Ihrer Songs heißt: "Lieber Gott, ich danke dir". Zu ihrem 75. Geburtstag: Wofür sind Sie Gott dankbar?

Jöcker: Ich bin Gott dankbar für seine Führung – dass er mich bis heute auf meinem Weg, auf der Suche nach meiner inneren Mitte, nach meiner Liebe unterstützt. Ich danke ihm dafür, dass er mir die Begegnung mit so vielen liebenden Menschen gegeben hat, dass er mir genau diese Kinder geschenkt hat und die 11 Enkelkinder, jedes auf seine Art und Weise einmalig. Und ich danke ihm dafür, dass er mir das Talent geschenkt hat, Lieder zu schreiben, die Kinder in besonderer Weise in Bewegung bringen, auch im Herzen.

Solange mir noch Ideen einfallen und ich gesund bin, werde ich weitermachen.

— Detlev Jöcker

Frage: Ein anderer heißt "Guter Gott, ich bitte dich": Und worum wollen Sie Gott bitten?

Jöcker: Ich möchte ihn bitten, bei mir zu bleiben, mich auf meinem weiteren Lebensweg zu begleiten und mir die Gewissheit zu geben, dass ich in seiner Hand geborgen bin. Ich möchte ihn bitten den Menschen die Angst zu nehmen, die viele in der Welt gerade haben. Und ich möchte ihn bitten, dass meine Kinder und Enkelkinder ein Leben voller Licht und Liebe führen können.

Frage: Sie sind jetzt 75 Jahre: Zeit für den Ruhestand oder können wir mit weiteren Kinder-Kirchenliedern rechnen?

Jöcker: Eigentlich wollte ich ja zur Ruhe kommen. Aber ich war noch nie so kreativ und produktiv wie im letzten Jahr. Und ich bin stark inspiriert durch meine eigenen Enkelkinder. Außerdem fühle ich auch eine Art Verantwortung weiterzuschreiben. Ich glaube, es ist wichtig im Leben, Sinnstiftendes zu machen. Und wenn ich schon dieses Talent habe … Also ich denke, solange mir noch Ideen einfallen und ich gesund bin, werde ich weitermachen.

Christina Denk

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