Ein Missbrauchsverdächtiger ist trotz Vorwürfen innerhalb der katholischen Kirche in Kroatien aufgestiegen. Zeitweise soll dieser sogar als Kandidat für das Bischofsamt gehandelt worden sein, berichtet das Nachrichtenportal "Dnevnik.hr“ am Dienstag. Demnach unterstützten führende kroatische Bischöfe den Geistlichen über Jahre hinweg und übertrugen ihm wichtige Aufgaben innerhalb der Bischofskonferenz.
Die Vorwürfe betreffen den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch eines damals 16-jährigen Seminaristen Anfang der 2000er-Jahre in Zagreb. Der Vorsitzende der Kroatischen Bischofskonferenz (HBK), Erzbischof Dražen Kutleša, war nach Angaben des Portals bereits im Juni 2022 über die Missbrauchsvorwürfe informiert worden. Dennoch verlängerte die Bischofskonferenz Anfang 2023 unter seinem Vorsitz das Mandat des beschuldigten Priesters in der Kommission für katholische Schulen um weitere fünf Jahre.
Möglicher Bischofskandidat
Trotz der Missbrauchsvorwürfe ernannte auch der damalige Bischof von Požega, Antun Škvorčević, den beschuldigten Priester zum Domkapitular – obwohl er bereits Jahre zuvor von den Anschuldigungen erfahren haben soll. Zudem soll der Geistliche offenbar sogar als möglicher Kandidat für das Bischofsamt gehandelt worden sein. Bereits 2018 warnte der frühere Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, die damalige vatikanische Kongregation für die Bischöfe vor einer möglichen Ernennung. Schönborn hatte laut des Berichts persönlich durch den mutmaßlichen Missbrauchsbetroffenen von den Vorwürfen erfahren.
Eine im Februar 2023 eingeleitete Untersuchung des Vatikans stufte die Missbrauchsvorwürfe schließlich als glaubwürdig ein. Das Dikasterium für die Glaubenslehre ordnete daraufhin ein kirchliches Verfahren an. Eine Entscheidung steht bislang aus. Nach Angaben der Kroatischen Bischofskonferenz wurde das Verfahren auf ausdrücklichen Wunsch der Polizei ausgesetzt, um die staatlichen Ermittlungen nicht zu gefährden. Trotz der laufenden vatikanischen Untersuchung ernannte der amtierende Bischof von Požega, Ivo Martinović, den beschuldigten Geistlichen im August 2025 zum Pfarrer. Erst ein Jahr später wurde er von dieser Aufgabe entbunden, nachdem der Fall für Aufsehen in der Öffentlichkeit gesorgt hatte. (mtr)