Der Magdeburger Diakon Christoph Tekaath wünscht sich einen genaueren Blick auf die Biografien und die Lebenswirklichkeit der Menschen in Ostdeutschland. "Ostdeutsche Lebensgeschichten werden noch immer zu selten in ihrer Gänze wahrgenommen", schreibt Tekaath in einem am Freitag veröffentlichten Beitrag für das theologische Portal feinschwarz.net. Zu ihnen gehörten DDR-Erfahrungen und der radikale Umbruch nach 1989/90: Verluste und Entwertungen ebenso wie Aufbrüche, neue Freiheiten und enorme Bewältigungsleistungen. "Wer nur die Verletzungen sieht, macht Ostdeutsche zu Opfern. Wer sie ignoriert, versteht einen Teil der heutigen Wirklichkeit nicht." Dies erkläre zwar keine Wahlentscheidung und entschuldige keine menschenfeindliche Position. "Aber vielleicht hilft es zu verstehen, warum Protest auf Resonanz stößt."
Wer verstehen wolle, müsse sich hineinbegeben – in Lebensgeschichten, Enttäuschungen und Hoffnungen, in Erfahrungen von Anerkennung und Missachtung. "Man muss zuhören, bevor man erklärt", betont Tekaath, der vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September, die die AfD mit deutlichem Abstand gewonnen hatte, Koordinator der kirchlichen "Bewusst wählen"-Kampagne gewesen war. Vielleicht, so der Diakon weiter, sei Sachsen-Anhalt "weniger Sonderfall als Seismograf". Schwindendes Vertrauen in Institutionen, politische Polarisierung und der Verlust kirchlicher Selbstverständlichkeit seien längst keine ausschließlich ostdeutschen Phänomene mehr.
Aus "Bewusst wählen" wird "Bewusst handeln"
Selbstkritisch äußerte sich Teekaath zum Erfolg der "Bewusst wählen"-Initiative. Nach der Landtagswahl müsse die Frage erlaubt sein, ob die Initiative erfolgreich gewesen sei. "Vielleicht war es zu einfach, Plakate mit Menschenwürde, Nächstenliebe, Solidarität und Dialog aufzuhängen. Ein Wert, der nur auf einem Plakat steht, verändert noch keine Gesellschaft." Deshalb müsse aus "Bewusst wählen" jetzt "Bewusst handeln" werden. "Menschenwürde muss erfahren, Solidarität erlebt, Nächstenliebe konkret und Dialog ermöglicht werden."
Der Bistumsrat des Bistums Magdeburg hatte sich in seiner jüngsten Sitzung Ende September ebenfalls dafür ausgesprochen, die "Bewusst wählen"-Kampagne unter dem Titel "Bewusst handeln" fortzuführen. Ziel sei es, "den Einsatz für Menschenwürde, Nächstenliebe, Solidarität und Dialog als Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens dauerhaft zu stärken", teilte das Bistum mit. Mit der "Bewusst wählen"-Initiative hatte sich die katholische Kirche in Sachsen-Anhalt im Vorfeld der Landtagswahl für die Stärkung der demokratischen Kultur, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Achtung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen auf Grundlage des christlichen Menschenbildes engagiert. (stz)