Ein Graduale mit gregorianischer Notatur liegt aufgeschlagen auf dem Tisch.
Gregorianik-Experte Christoph Hönerlage im Interview

"Ungeahnte Frische der mittelalterlichen Musik"

Kirchenmusik - 1.200 Jahre nach seiner Entstehung erfreut sich der Gregorianische Choral nicht nur unter Liturgikern großer Beliebtheit. Was die Faszination ausmacht und wie sich der archaische Gesang weiter entwickelt, erklärt Gregorianik-Experte Christoph Hönerlage.

Von Volker Hasenauer (KNA) |  Freiburg - 24.01.2016

Frage: Was macht für Sie die Faszination dieser Jahrhunderte alten lateinischen Kirchenmusik aus? 

Hönerlage: Der Gregorianische Choral ist der weltweit älteste, schriftlich überlieferte liturgische Gesang. Die Texte der einstimmigen lateinischen Gesänge gehen meist auf die Bibel, vor allem auf die Psalmen zurück. Diese spiegeln die wichtigsten Facetten des menschlichen Lebens wider. Die Verbindung von Wort und Musik, der Farbenreichtum der Tonarten und der hochdifferenzierte Rhythmus machen die Ausdruckskraft dieser Gesänge so faszinierend und einmalig. 

Frage: Aber doch in einer uns heute fernen Form, oder? 

Hönerlage: Überhaupt nicht! Dank der musikwissenschaftlichen Forschung der vergangenen Jahre sind wir heute endlich in der glücklichen Lage, diese Gesänge auf der Basis der ältesten Niederschriften aus dem 10. Jahrhundert zu interpretieren. Sie werden dadurch in all ihren Facetten wieder ganz neu lebendig. Dadurch können sie eine ungeahnte Frische und Lebendigkeit entfalten.

Christoph Hönerlage, Vorstandsmitglied der deutschsprachigen Gruppe der "Internationale Gesellschaft für Studien des Gregorianischen Chorals" (AISCGre).
Bild: © KNA

Christoph Hönerlage, Vorstandsmitglied der deutschsprachigen Gruppe der "Internationale Gesellschaft für Studien des Gregorianischen Chorals" (AISCGre).

Frage: Worin besteht nun diese Neuinterpretation?

Hönerlage: Die ältesten schriftlichen Überlieferungen der Gesänge ab dem Jahr 800 umfassen nur deren Texte, aber keine Niederschriften der Melodien. Erst ab dem 10. Jahrhundert finden sich sogenannte Neumen, mit denen die mittelalterlichen Schreiber über den Texten den rhythmischen Verlauf der Melodie notierten. Diese filigranen Zeichen wurden ab dem 11. Jahrhundert durch exakte Aufzeichnungen der Melodien abgelöst. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden dann die Melodien bearbeitet und so gründlich verändert, dass sie mit denen des Mittelalters fast nichts mehr gemein hatten. Dank der musikwissenschaftlichen Forschung, insbesondere des Benediktiners Eugene Cardine (1905-1988), sind wir erst heute wieder in der Lage, die mittelalterlichen Neumenzeichen richtig zu deuten und für die gesangliche Interpretation fruchtbar zu machen. Wir waren wohl nie so nah am Original wie heute.

Frage: Wie erklärt sich der Name Gregorianik?

Hönerlage: Der Name geht auf Papst Gregor den Großen zurück, der um das Jahr 600 eine Neuordnung der Kirchengesänge veranlasste. Allerdings wissen wir heute, dass der Gregorianische Choral erst deutlich später, nämlich in der Karolingerzeit der Jahre etwa von 750 bis 820 entstanden ist. Außerdem wurde er nicht in Rom komponiert, sondern nördlich der Alpen, möglicherweise im Umfeld der Kathedrale von Metz. Karl der Große setzte sich in seinem Reich für eine einheitliche Form des Gottesdienstes und damit auch der liturgischen Gesänge ein. Die bislang bestehenden, unterschiedlichen regionalen Traditionen wurden zurückgedrängt. Dabei diente der Name Papst Gregors dazu, diesen neuen Gesängen mehr Autorität zu verleihen. Dies war die Blütezeit des Gregorianischen Chorals.

Frage: Wie geht es dem Gregorianischen Choral im 21. Jahrhundert? Wer pflegt die Tradition?

Hönerlage: Vor allem die Ordensmänner und -frauen in den Klostergemeinschaften der Benediktiner und Zisterzienser. Aber auch an Kathedralen, Pfarrkirchen und Musikhochschulen gibt es Gregorianik-Gruppen. Ich selbst habe in Freiburg eine Frauen- und eine Männer-Schola gegründet. Nicht zuletzt kümmert sich die Internationale Gesellschaft für Studien des Gregorianischen Chorals um Forschung und Praxis des Gregorianischen Chorals. Aber einen 1.200 Jahre alten Gesang zu singen ist gar nicht so einfach! Entscheidend ist, dass dem Studium des Gregorianischen Chorals an Musikhochschulen mehr Gewicht und Raum gegeben wird, damit die Studierenden die Möglichkeit zu einem vertieften Eindringen in diesen faszinierenden Kosmos erhalten. Das passiert leider noch viel zu selten. Dabei kann ich aus eigener Erfahrung sagen, wie begeistert junge Musikerinnen und Musiker von der Gregorianik sind, wenn sie sich einmal darauf einlassen.

Der Gregorianische Choral wird heute vor allem noch von Ordensfrauen- und Männern gepflegt.

Frage: Aber es hätte keinen Sinn, neue Kompositionen im Stil des Gregorianischen Chorals mit modernen Texten, zum Beispiel auch auf Deutsch, zu versuchen? 

Hönerlage: Nein, die Epoche ist abgeschlossen. Heute geht es darum, den Reichtum der über Jahrhunderte verschütteten Gesänge neu hörbar zu machen. Neue Kompositionen für den Gottesdienst sollten sich die enge Verbindung der Musik mit dem liturgisch-biblischen Text im Gregorianischen Choral zum Vorbild nehmen. Neue Kompositionen und moderne Texte verlangen aber nach einer heutigen musikalischen Ausdrucksform.

Frage: Aber würden Sie sich nicht ein größeres Publikum jenseits der wenigen Experten wünschen? Wie wäre es etwa mit einem Gregorianik-CD-Projekt mit Helene Fischer?

Hönerlage: Wer auch immer sich auf den Reichtum des Gregorianischen Chorals einlässt, mag ich nicht entscheiden. Zu Gottesdiensten und Konzerten mit Gregorianischem Choral kommen übrigens beileibe nicht nur Experten. Offenbar vermögen diese Gesänge, auch heute noch ein breites und durchaus gemischtes Publikum anzusprechen. Auf dem Musikmarkt gibt es natürlich viele Bearbeitungen und Interpretationen, die aber oft wenig bis nichts mit den eigentlichen Anliegen des Chorals zu tun haben. Etwa wenn es in eine esoterische oder mittelaltergefühlsduselige Ecke geht. Ich würde da eher eine CD-Reihe im EOS-Verlag Sankt Ottilien empfehlen, bei der Choralscholen aus unserer Gesellschaft beteiligt sind. Hier sind Interpretationen auf dem Stand der neuesten Forschung zu hören.

Von Volker Hasenauer (KNA)