Erster Sonntagsgottesdienst nach dem Rücktritt des bedrohten Pfarrers

"Papa, warum ist der Pfarrer nicht da?"

Aktualisiert am 13.03.2016  –  Lesedauer: 
Rassismus

Zorneding ‐ Zorneding ist eigentlich ein idyllischer Ort. Doch damit ist es vorbei, seit die Gemeinde in die Schlagzeilen geriet, weil ihr aus dem Kongo stammender Pfarrer vor Morddrohungen floh. Am Sonntag fand der erste Gottesdienst ohne ihn statt.

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Es ist der erste Sonntagsgottesdienst nach dem Rücktritt von Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende. Der aus dem Kongo stammende Pfarrer hatte anonyme, rassistisch motivierte Morddrohungen erhalten. Vor einer Woche war er zurückgetreten, einen Tag später verließ er die Gemeinde. Die meisten Zornedinger zeigten sich solidarisch mit ihrem Pfarrer: Bis zu 3000 Menschen nahmen am Mittwoch an einer Lichterkette teil. "Olivier, wir stehen hinter dir", stand auf Plakaten.

Doch am Tag des Herrn ist davon nichts mehr zu sehen. "Es gibt auch Zornedinger, die sind nicht braun und nicht bunt", meinen zwei ältere Männer auf dem Weg zur Kirche. Manche fühlen sich ungerecht behandelt. Von allen, die jetzt in Zorneding ein braunes Nest sehen. "Das wird von den Medien aufgebauscht", sagt eine Rentnerin. Der Aufruhr, der ihre Gemeinde in den vergangenen Tagen durchgeschüttelt hat, soll jetzt ein Ende haben.

Ehemalige CSU-Ortzsvorsitzende ist nicht gekommen

Die Kirche ist gut gefüllt, doch die vorderen Bankreihen bleiben leer. Sylvia Boher, ehemalige CSU-Ortsvorsitzende, ist nicht zu sehen, obwohl sie Gemeindemitglied ist. Ihre als rechtspopulistisch kritisierten Äußerungen im CSU-Parteiblatt "Zorneding Report" aus dem Herbst 2015 sehen viele als Auslöser für die Hetze gegen Pfarrer Ndjimbi-Tshiende. Auch Bürgermeister Piet Mayr ist nicht gekommen. "Er kommt nur, wenn sein Amt es erfordert", sagt ein Gemeindemitglied.

Bild: ©picture alliance/dpa

Vor einer Woche verkündete Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende seinen Rücktritt. Der aus dem Kongo stammende Priester bat nach rassistischen Beschimpfungen und Morddrohungen um Verständnis für seine Entscheidung.

Allerdings hat die Erzdiözese München und Freising hohen Besuch in die Krisengemeinde geschickt. Generalvikar Peter Beer, zweithöchster Mann im Erzbistum, leitet den Gottesdienst. Er lobt die Zornedinger für ihre Solidarität mit Ndjimbi-Tshiende: "Sie haben gezeigt, dass Zorneding keine bayerische No-Go-Area ist". Beer liest die Geschichte aus dem Johannesevangelium, bei der Jesus den berühmten Satz sagt: "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

Generalvikar: Bei anonymer Hetze endet die Gesprächsbereitschaft

Doch man dürfe diese Geschichte nicht so auslegen, "dass sie wie ein Teppich wirkt, unter den man alles kehren kann", predigt Beer. Im Gegenteil, Beer ruft die Zornedinger dazu auf, sich mit den Geschehnissen auseinanderzusetzen. Auch mit Menschen anderer Meinung solle man im Gespräch bleiben und gemeinsam um eine Lösung ringen: "Jesus teilt die Welt nicht in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß." Doch die Gesprächsbereitschaft erreiche dort ihre Grenze, "wo sich anonyme Hetze und Drohungen auf übelste Weise Bahn brechen". Auch im Bistum frage man sich, ob man früher hätte reagieren müssen.

Die Predigt sei angemessen gewesen, sagen viele Gemeindemitglieder hinterher. Es sei schön, dass diese Äußerungen von oben in der Kirche kommen. "Die Gemeinde ist aufgewühlt. Wir hoffen, dass jetzt alles ein bisschen zur Ruhe kommt", sagt ein Gottesdienstbesucher. "Papa, warum ist heute der Pfarrer nicht da?", fragt ein kleiner blonder Junge. Eine Antwort bekommt er nicht.

Von Judith Issig (dpa)